Porträt: Irfans Ansichtssache (2)

Foto: (c) Lukas Unger

Zum ersten Teil: Die Anfänge von IrfanView und wie Irfan nach Österreich flüchtete

Der Nutzer darf mitreden
„Der Großteil meines Jobs besteht darin, Emails von Leuten zu beantworten, die mir Vorschläge zur Verbesserung von IrfanView schicken. Ich bekomme jeden Tag zig Emails – programmieren ist da eher die Ausnahme“, sagt Irfan und lacht. Der Informatiker benutzt eine sehr ungewöhnliche Methode, um seine Software weiterzuentwickeln. Er nimmt sich nicht nur Vorschläge zu Herzen, sondern bindet die Nutzer seines Programmes noch mehr ein: Will jemand eine spezielle Funktion haben und erachtet Irfan diese als sinnvoll, implementiert er sie und schickt sie demjenigen als Testversion. „Das kommt sehr oft vor, der Nutzer testet die eingebaute Funktion dann, und wenn alles passt, wird die Änderung in die nächste Version übernommen“, erklärt Irfan und nimmt einen Schluck Orangensaft.

Auch wenn IrfanView ständig weiterentwickelt wird, ist es im Aussehen und seinen Grundfunktionen seit Jahren gleich geblieben. Das Programm benötigt wenig Ressourcen, es belegt minimalen Speicherplatz am Computer und läuft sogar noch auf alten Windowssystemen. „Dass viele Programme dermaßen speicherintensiv sind, ist paradox“, sagt Irfan. „Programme sollten nicht zu aufgebläht sein, das habe ich mir noch aus Zeiten angewöhnt, in der Computerspeicher teuer und knapp war. Bei den Leuten kommt das gut an, denn IrfanView reagiert flink aufgrund dieses Sparsamkeitsprinzips.“

Europa muss solidarisch sein
Dass die österreichische Regierung bei der Aufnahme von Flüchtlingen sparsam sein will, kann Irfan nicht goutieren. „Eine Obergrenze finde ich nicht gerechtfertigt, denn Österreich kann es sich leisten, noch mehr Leute aufzunehmen. Und es wird in der Praxis nicht funktionieren, die Schleuse dann auf einmal zuzumachen.“ Es gäbe kein Problem, meint Irfan, wenn sich Europa als Ganzes solidarisch verhalten würde. „Das Problem sind die Egoisten. Besonders traurig finde ich das Verhalten der Visegrád-Staaten, also der Slowakei, Tschechien, Polen und Ungarn. Diese haben von der EU so viel Hilfe bekommen und jetzt verhalten sie sich dermaßen unsolidarisch. Das ist wirklich traurig.“

Flüchtlingen, die sich, so wie er einst selbst, in Österreich eine Lebensgrundlage aufbauen wollen, rät Irfan folgendes: „Sich zu integrieren ist natürlich wichtig, man sollte sich aber nicht assimilieren, so wie die Borg (Volk aus der SciFi-Serie Star Trek, das Wissen und Eigenschaften anderer Völker vollständig kopiert, Anmerkung der Redaktion). Sondern sich anpassen an das Land, die Gesetze lernen und die Menschenrechte und moderne Gesellschaft akzeptieren. Wenn man aus einem Land kommt, wo das nicht so Thema war, muss man das halt lernen.“ Die Problematik hierbei läge in der Religion, betont Irfan, die immer wieder von neuem zu Konflikten führen würde. „Jetzt heißt es Christen gegen Moslems und umgekehrt, in der Nazizeit hat man gegen die Juden gehetzt. Religion kann der Integration hinderlich sein, ich selber habe damit schon in meiner Teenagerzeit abgeschlossen.“

Foto: (c) Irfan Skiljan

Foto: (c) Irfan Skiljan

Kontrolle und Satire
Mit der Entwicklung seines Programmes wird Irfan in näherer Zukunft wohl nicht abgeschlossen haben – obwohl er, mit Ausnahme einer kurzen Anstellung bei einer Computerfirma, beruflich seit seinem Studium nichts anderes gemacht hat. „Vielleicht höre ich irgendwann mal damit auf, wenn das gar nicht mehr läuft und sich niemand mehr für IrfanView interessiert.“ Im Moment deutet nichts darauf hin, ganz im Gegenteil: das millionfach heruntergeladene Programm führt in seiner Kategorie die Downloadrankings verschiedenster Softwareportale im Internet an.

Verkaufen würde Irfan seine Schöpfung auf keinen Fall: „Ich habe zwar schon Angebote bekommen, aber da wäre es sogar noch wahrscheinlicher, dass ich den Programmcode irgendwann mal als OpenSource veröffentliche.“ Doch eher nicht, denn eine Freigabe des Codes wäre nicht zwangsläufig von Vorteil. „Zuviele Köche verderben bekanntlich den Brei, ich behalte am liebsten selbst die Kontrolle. Außerdem ist es sehr erfüllend, meine Ideen und die der Nutzer zu verwirklichen“, erklärt der sonst eher ruhige Informatiker, wild mit den Händen gestikulierend. „Am liebsten optimiere ich Code. Zuerst denke ich mir, das könnte ich verbessern, und dann zack.“

Arbeitet Irfan nicht am Computer, verbringt er am liebsten Zeit mit seinen zwei Kindern und seiner Frau, oder schaut sich Komödien an. „Vielleicht gehe ich heute noch mit einem Freund ins Kino“, meint er, als er bei einem Deadpool-Plakat vorbeikommt, „ich liebe Satire.“ Auch das skurille Logo, für das IrfanView bekannt ist, hat Irfan ausgewählt, weil er es lustig fand. Das rote Icon stellt weder einen Farbklecks mit Sonnenbrille, noch eine Art Teufel dar – sondern eine überfahrene Katze.

Titelbild: (c) Lukas Unger


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