Fast Fashion: Billig, billiger, Mode

(c) Lukas Unger

T-Shirts um fünf, Jeans um zehn Euro – Kleidung bekommt man nachgeworfen. Doch können Textilien bei solchen Schleuderpreisen fair und nachhaltig produziert werden?

Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts Unser Leben im Überfluss

Freudestrahlend hält eine junge, stark geschminkte Frau mehrere Einkaufstüten in die Kamera. Die Amerikanerin präsentiert überdreht die Fundstücke ihrer letzten Schnäppchenjagd: „Diesen unglaublich süßen Blazer habe ich um fünf Dollar beim H&M ergattert!“ Wild gestikulierend entleert die Frau die Tüten und wirft den Inhalt auf das Bett, welches im Hintergrund zu sehen ist – plötzliches Innehalten: „Diese Jeans… warum habe ich denn die nur genommen? Ah Primark, zehn Dollar!“

Vom privaten Schlafzimmer ins große Einkaufszentrum – Freitag: Es ist kurz vor fünf Uhr morgens – trotz der frühen Stunde drängen sich Menschenmassen vor dem Gebäude. Plötzlich geht es los – die Tore werden geöffnet, alles rennt hinein, auf ins Modegeschäft. Es ist eng, es ist laut, es ist stickig. Zwei ältere Damen zanken sich und zerren am selben Spitzenunterhöschen. Denn das Angebot gilt nur, solange der Vorrat reicht, am „Schwarzen Freitag“.

Letzten Monat drei T-Shirts „verbraucht“?
In unserer materialistischen Kultur ist Mode, so Kulturanthropologe Grant McCracken, ein Mittel für den Träger, sich auszudrücken und seiner Umwelt mitzuteilen. Trends wie „Clothing-Haul-Videos“ auf YouTube, in denen Schnäppchenjäger ihre Beute präsentieren oder „Black Friday Sales“ zeugen anschaulich vom Umgang der westlichen Welt mit Bekleidung. Diese wird nicht gekauft, um etwas schönes und praktikables zum Anziehen zu haben, sondern hat sich zum Verbrauchsgut gemausert, zeigt eine Studie von Greenpeace.

Denn Mode ist mit der Zeit immer billiger und erschwinglicher geworden – nicht nur in den USA. Laut der Studie besitzt jeder Erwachsene in Deutschland durchschnittlich 95 Kleidungsstücke (Unterwäsche und Socken nicht miteinbezogen), rund ein Fünftel davon werden nie getragen. Bei Mängeln lassen sich nur wenige Bekleidung oder Schuhe ausbessern oder reparieren. Eher werde altes Zeug weggeworfen und etwas neues angeschafft.

Denn der modebewusste Konsument von heute fühlt sich schnell „out“ – das wird durch das Angebot und die Werbemaßnahmen der Modeindustrie forciert, die in immer kürzeren Abständen neue Trends ausruft und Kollektionen herausbringt. Der spanische Modeanbieter Zara etwa könne neue Kleidungsstücke innerhalb von zwei Wochen designen, produzieren und weltweit an die Filialen ausliefern, schreibt Autorin Elizabeth Cline: „Zara produziert jedes Design in kleinen Mengen und hat immer etwas neues „on sale“. Weil die Kunden öfters wiederkommen, um zu sehen, was es neues gibt, wird ein Großteil der Kleidung zum Vollpreis verkauft.“

Der Trend zum billigen Hemd
Diese Verkaufstaktik nennt man „Fast Fashion“ – zur Zeit das Credo der Modebranche. Modegeschäfte wie etwa H&M verkaufen billig und in Massen. Doch wie kann es rentabel sein, T-Shirts um fünf Euro zu verkaufen, ohne damit Textilarbeiter unterzubezahlen? Oder werden die meist weiblichen Arbeiter doch ausgenutzt – trotz aller Beschwichtigungen des Modehauses, dass dem nicht so sei?

H&M nutzt insofern keine Textilarbeiter aus, da es keine angestellt hat und bezahlt. Die Modegeschäfte produzieren nicht selbst, sondern kaufen die Ware dort, wo sie am günstigsten angeboten wird. Etwa im Billiglohnland Bangladesch, in dem die Arbeiter von den Fabrikbetreibern umgerechnet mit zwei oder weniger Euro pro Tag entlohnt werden. Das reicht auch in diesem Land nicht zur Existenzsicherung.

Die Firmen entzögen sich der Verantwortung, indem sie das fertige Produkt kaufen und nicht selbst produzieren, berichtet Regisseur Andrew Morgan in seinem Dokumentarfilm The True Cost – Der wahre Preis unserer Kleidung: „Die Regierungen solcher Länder wollen die Löhne niedrig halten und den Arbeitern keine Rechte zugestehen, weil sie vom Geschäft mit den westlichen internationalen Konzernen abhängig sind.“

Eben aus diesem Grund besteht ein reger Konkurrenzkampf zwischen den Fabrikbesitzern. Keiner kann sich leisten, die Arbeiter fairer zu entlohnen, denn verkauft wird nur, wenn man billig und schnell produziert. Das kann so weit gehen, dass Arbeiter sogar in potentiell unsicheren Gebäuden arbeiten müssen, wie die Tragödie in Sabhar 2013 zeigte, bei der über tausend Textilarbeiter beim Einsturz des Rana Plaza umkamen.

Grafik: Lukas Unger

Grafik: Lukas Unger

Fast Fashion – fein und rein?
Abgesehen von der sozialen Problematik birgt das Fast-Fashion-Phänomen auch Probleme für Umwelt und Gesundheit. Die Textilindustrie ist riesig und wird im Ausmaß ihres Schadstoffausstoßes nur von der Ölindustrie übertroffen. Die meiste Bekleidung ist nicht biologisch abbaubar, durch die raschen Konsumzyklen entstehen gewaltige Müllberge. Bekleidung und Schuhe werden häufig mit giftigen Chemikalien, wie zum Beispiel Weichmachern, behandelt. Diese Chemikalien landen oftmals im Grundwasser, als Folge erkranken Menschen an Hautkrankheiten oder Lungenbeschwerden. Greenpeace rief in der „Detox“-Initiative den Handel dazu auf, seine Kleidung zu entgiften. Als Folge gab beispielsweise 2015 der Diskonter Aldi bekannt, bis 2020 alle umwelt- und gesundheitsschädlichen Chemikalien aus seiner Textilproduktion verbannen zu wollen.

Doch nicht nur bei der Verarbeitung, sondern auch beim Abbau des Rohstoffs scheint es gesundheitliche Risiken zu geben: Die USA benutzen als weltgrößter Exporteur von Baumwolle chemische Spritzmittel, um größere Mengen ohne Ausfälle produzieren zu können. Im Dokumentarfilm The True Cost ist eine Amerikanerin zu sehen, die Baumwolle anbaut. Ihr Mann sei jung an einem Tumor gestorben, erzählt sie. Das käme in ihrem Berufsfeld häufig vor, habe ihr der Arzt gesagt. Die Frage, ob die chemischen Spritzmittel Krebs auslösen können, wird in Expertenkreisen heftig debattiert.

Hier gehts zum zweiten Teil: Slow Fashion und die Macht des Konsumenten

Titelbild: Lukas Unger

lukas.unger@mokant.at'

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