Sexualisierte Gewalt: Häftlingsbordelle im KZ

Himmler und die „Häftlings-Sonderbauten“ – ab 1941 wurden weibliche KZ-Häftlinge durch falsche Versprechungen dazu gebracht, in Bordellen als Sexarbeiterinnen zu arbeiten. Erzwungene Prostitution während der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft war in ihrer Aufarbeitung lange ein Tabuthema.

Martin Bormann, einer der wichtigsten Vertrauten Hitlers verwies im Jänner 1940 auf die Dringlichkeit der Errichtung von Bordellen, um „Rassenschande“ vorzubeugen und die „Reinhaltung des deutschen Blutes“ zu gewährleisten, kein deutsches Mädchen sollte angestellt werden. Heinrich Himmler, Reichsführer der Schutzstaffel (SS), der für die Vertreibung, Verfolgung und Ermordung hunderttausender Juden verantwortlich war, setzte dieses Vorhaben im folgenden Jahr um. Mindestens zehn sogenannte „Häftlings-Sonderbauten“ soll es in Konzentrationslagern gegeben haben, die von Himmler selbst inspiziert wurden.

Ziel der SS war es, die Arbeitsleistung der Häftlinge durch Bordellbesuche zu steigern und auch der vermeintlichen Homosexualität unter den Inhaftierten entgegenzuwirken. Himmler war davon überzeugt, dass Homosexualität durch fehlenden sexuellen Kontakt mit Frauen mitbedingt sei. Daher trat er für kontrollierte Prostitution und damit die Errichtung von Bordellen für Wehrmachtssoldaten, SS-Leute und ausgewählte KZ Häftlinge ein, schreiben die drei Sozialwissenschafterinnen Helga Amesberger, Katrin Auer und Brigitte Halbmayr in ihrem Buch Sexualisierte Gewalt. Weibliche Erfahrungen in NS-Konzentrationslagern. Sie beschäftigen sich mit den Facetten der Gewalt, denen vor allem Frauen, aber auch Männer und Kinder im NS Regime ausgesetzt waren.

Zu den Häftlingen, die die Bordelle besuchen durften, zählten vorwiegend deutsche politische Inhaftierte, selten bis gar nicht Juden, Polen oder Roma und Sinti. Die Prämienscheine für die Bordellbesuche hatten am internen Schwarzmarkt der Konzentrationslager einen sehr hohen Wert, besonders dann, wenn es Zeitungsberichten zufolge neue Prostituierte gab.

Mehr als 200 Frauen, vorwiegend aus dem Frauenlager Ravensbrück im Norden Brandenburgs und der „Frauenabteilung“ des KZ Auschwitz mussten Sex-Zwangsarbeit leisten. Ihr Durchschnittsalter lag bei 24 Jahren, hält der Kulturwissenschaftler Robert Sommer in seinem Buch Das KZ-Bordell. Sexuelle Zwangsarbeit in nationalsozialistischen Konzentrationslagern fest. Sommer beschäftigte sich fast zehn Jahre mit Frauenbordellen in Konzentrationslagern.

Zehn Männer pro Frau
Am 11. Juni 1942 erfolgte die erste Überstellung ausgewählter Frauen aus dem Lager Ravensbrück in das Häftlingsbordell Mauthausen. Frauen, die für die Häftlingsbordelle rekrutiert wurden, erhielten das Versprechen nach sechs Monaten oder einem Jahr Tätigkeit im Bordell, aus dem Konzentrationslager entlassen zu werden. Allerdings „ist das unseres Wissens nach in keinem einzigen Fall eingehalten worden“, hebt Helga Amesberger im Gespräch mit mokant.at hervor. Genauso wenig hatten die Sex-Zwangsarbeiterinnen Anrecht auf medizinische Versorgung oder irgendeine Art von Selbstbestimmung während des Dienstes im Bordell. Die Verwendung von Kondomen ist von keinem Konzentrationslager bekannt, schreibt Robert Sommer.

Pro Arbeitstag mussten die Frauen etwa zehn Männer empfangen, was starke gesundheitsschädliche Auswirkungen nach sich zog, denn „im Endeffekt ist das als eine permanente Vergewaltigung zu bewerten“, sagt Amesberger. Somit verschlechterte sich ihr Aufenthalt um ein vielfaches, sowohl psychisch als auch physisch.

Sex-Zwangsarbeiterinnen wurde vonseiten der SS und Mithäftlingen immer wieder unterstellt sie hätten sich für die Arbeit in den Bordellen freiwillig gemeldet, schreiben Amesberger und ihre Kolleginnen. Manche Frauen meldeten sich zwar freiwillig, denn dort konnten sie sich waschen und erhielten mehr zu essen, aber „Freiwilligkeit in einem Kontext der absoluten Macht gibt es nicht“, betont die Wissenschaftlerin. Für die Frauen war es ein Weg im KZ zu überleben. Vielfach wussten die Frauen gar nicht was auf sie zukommen würde, vor allem junge neu angekommene Häftlinge.

Blutschande und Doppelmoral
Die Sex-Zwangsarbeit war allerdings nur ein Aspekt der sexuellen Ausbeutung von Frauen in Konzentrationslagern. Frauen, die die SS als „abgenützt“ einstuften und aus dem Bordell in das Konzentrationslager zurückkehrten, erwartete nicht die versprochene Freilassung, sondern oftmals der Missbrauch für pseudo-wissenschaftliche Versuche.

Außerdem standen sexuelle Übergriffe durch Offiziere oder Lagerärzte an der Tagesordnung. Für Amesberger, Auer und Halbmayer zeigt dies klar die Doppelmoral der SS, denn aufgrund der sogenannten „Blutschande“ war es den Offizieren gar nicht erlaubt, ein sexuelles Verhältnis zu einer Frau „fremder Rasse“ einzugehen.

Barbara Preitler, Psychotherapeutin und Gründungsmitglied von Hemayat, Betreuungszentrum für Folter- und Kriegsüberlebende ergänzt, dass es oftmals zur Vermischung von Tätern und Opfern kam. So wurden Mithäftlinge von der SS gezwungen, an Vergewaltigungen im Lager teilzunehmen oder boten ihr Essen im Austausch mit Sex an. Eine eindeutige Opfer-Täter Trennung ist bei der Aufarbeitung des Themas sehr schwierig, aber „dennoch kann dieser Aspekt der Geschichte nicht einfach so unter den Teppich gekehrt werden“, ist sich Helga Amesberger sicher.

Alleine mit dem Trauma
Die Beendigung des Kriegs und die Befreiung aus dem Konzentrationslager war für viele Frauen nicht das Ende sexueller Übergriffe. Oft kam es auf dem Nachhauseweg zu Vergewaltigungen, etwa durch die Soldaten der späteren Besatzungsmächte.

Vielen Überlebenden gelang es kaum wieder in das alltägliche Leben zurück zu finden, da es in der Zeit nach 1945 zu wenige Angebote für therapeutische Behandlung gab, so Preitler. Die Frauen konnten kaum bis gar nicht über ihre Erfahrungen in den Konzentrationslagern sprechen. Durch die Zwangsarbeit in den Bordellen wäre die Stigmatisierung zu stark und eine normales Leben nicht möglich gewesen. Viele Frauen gingen daher nicht in ihre Heimatorte zurück, weil sie dort als Huren beschimpft und aus der Gesellschaft ausgegrenzt worden wären.

Kein Phänomen der Vergangenheit
Die sexuelle Ausbeutung von Frauen, und auch Männern und Kindern ist aber kein Phänomen der Vergangenheit, sondern laut der „Europäischen Aktion zur Überwindung von Sklaverei und Zwangsarbeit“ Realität für 27 Millionen Menschen weltweit. Die Sexindustrie scheint gerade im 21. Jahrhundert zu boomen. Laut Angaben der vereinten Nationen werden 43 Prozent der Opfer von Menschenhandel in die Zwangsprostitution verkauft. Darunter befinden sich nach Angeben der Unicef 1,8 Millionen Minderjährige, die zu Prostitution und Pornografie gezwungen werden. Die Lebensbedingungen unterscheiden sich kaum von jenen der Sex-Zwangsarbeiterinnen in den Häftlingsbordellen der KZ.

Erst in jüngerer Vergangenheit kam zunehmend zur Auseinandersetzung mit Lagerbordellen. Eine Wanderausstellung der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück und der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten gab 2010 erstmals genaueren Einblick in das Tabuthema. Seit 2008 ist Robert Sommer Kurator und wissenschaftlicher Autor dieser Wanderausstellung.

Damals wie heute: Zerstörung der Integrität
Sexualisierte Gewalt im Kriegskontext könne nicht als Ausnahme oder Kollateralschaden betrachtet werden, sondern stellt eine strategische Form der Entmoralisierung des Gegners dar, erklärt Barbara Preitler. Hinter der Zwangssterilisation durch die SS an „nicht-arischen“ Frauen ab dem Alter von acht Jahren stand eine klare Strategie. Eingriffe wurden meist ohne Narkose durchgeführt und wiesen eine hohe Sterblichkeitsrate auf.

Auch das Scheren der Haare diente nicht nur hygienischen Maßnahmen, sondern der systematischen Erniedrigung durch Stigmatisierung der weiblichen Häftlinge, vor allem Jüdinnen und Frauen, die auf Grundlage der Rassenschande verurteilt wurden, erklärt Amesberger. Das Scheren aller Körperhaare erfolgte beispielsweise im KZ Mauthausen durch Männer. „Das hat sämtliche Intimitätsgrenzen überschritten und sämtliche Tabus verletzt. Daher ist das von unserer Seite her ganz eindeutig als gravierende Form von sexualisierter Gewalt definiert worden“, so die Sozialwissenschaftlerin weiter.

In kriegerischen Auseinandersetzungen wird sexualisierte Gewalt immer wieder als Repressionsmittel eingesetzt. Preitler betont, dass etwa im Bosnien Krieg in den 1990er Jahren sexualisierte Gewalt als strategisches Mittel zur ethnischen Säuberung eingesetzt wurde. Systematische Vergewaltigung erreichte während dieses Krieges den Status eines Politikums, da man Frauen, die vergewaltigt wurden zusätzlich vor Kameras zerrte und der Öffentlichkeit vorführte, was die Psychotherapeutin als „doppelte Vergewaltigung“ bezeichnet.

Die Anhänger des selbsternannten Islamischen Staates (IS) brachten zur Umsetzung der sexuellen Versklavung jesidischer Frauen 2014 sogar einen Guide für die Haltung von Sexsklavinnen heraus. In ihrer Propaganda-Zeitschrift „Dabiq“ gaben die Jihadisten an, dass die Versklavung Ungläubiger fester Bestandteil des Islamischen Gesetztes sei. Das schließt auch sind Jesiden, also Menschen mit anderem Glaubensbekenntnis mit ein. Der Fatwa-Beirat (Auskunftsstelle für rechtliche und religiöse Fragen) des IS hat die Grundregeln dafür zusammengefasst, so lautet eine der Regeln: „Geschlechtsverkehr mit der Sklavin vor der Pubertät ist erlaubt, wenn sie dafür bereit ist. Sollte sie jedoch nicht bereit dafür sein, kann man sie auch ohne Beischlaf genießen.“ Den jesidischen Frauen wird durch die systematische Entführung und Versklavung jegliches Selbstbestimmungsrecht abgesprochen.

Folter fast immer sexuell konnotiert
Bei Flüchtlingen, die derzeit aus Syrien, dem Irak, Nigeria oder anderen Krisengebieten fliehen, müsse davon ausgegangen werden, dass sie massive (sexuelle) Gewalt erlitten haben, betont Barbara Preitler. Laut der Psychotherapeutin sei Folter fast immer sexuell konnotiert, denn dabei werde die Grenze der Intimität vorsätzlich missachtet und ein Mensch somit in seiner tiefsten psychischen und physischen Integrität angegriffen.

Sozialwissenschafterin Helga Amesberger weist aber darauf hin, dass Massenvergewaltigungen, wie sie in aktuellen und rezenten Konflikten als Waffe eingesetzt werden, nicht zur Strategie des NS Regimes zählten. Vergewaltigungen und sexulle Repression waren in der Wehrmacht sehr verbreitet, nicht aber als strategische Kriegswaffe.

Amesberger und ihre Kolleginnen betonen in ihrem Buch schließlich, dass es sich bei Vergewaltigungen und sexualisierter Gewalt nicht um einen gewalttätigen Ausdruck von Sexualität, sondern um sexuellen Ausdruck von Gewalt handle. Sexualisierte Gewalt diene immer als Repressionsmittel, um den Gegner zu schwächen.

Titelbild:  mokant.at

Agnes J. Kugler studiert Kultur- und Sozialanthropologie. Einen Großteil ihrer Zeit verbringt sie auf ihrem Fahrrad Gustav oder in der Bibliothek. Seit Jänner 2015 ist sie als Redakteurin bei mokant.at tätig. Kontakt: agnes.kugler[at]mokant.at

1 Comment

  1. Patrick

    22. Januar 2016 at 15:14

    27 Millionen?? das kommt mir doch a bissl viel vor!! is das irgendwie empirisch belegt? selbst Uno und EU hauen ja oft sehr übertriebene Zahlen raus, da würd ich mich nicht unbedingt drauf verlassen!
    aber sonst kein schlechter Artikel!!

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.