Quidditch: Auf Besen durch den Wiener Prater

Foto: (c) Markus Füxl

Die fiktive Sportart „Quidditch“ aus den Harry Potter-Romanen ist Wirklichkeit geworden. mokant.at war beim ersten Derby der beiden Wiener Mannschaften Vienna Vanguards und Danube Direwolves mit dabei

Mitgebrachte Dosenbiere zischen leise, aus den Boxen rocken Wolfmother um die Zuseher aufzulockern und die Stimmung ist trotz der klirrenden Kälte ausgelassen. Die Spieler wärmen sich so gut es geht auf, es werden noch kurz taktische Spielzüge besprochen. Auf der Jesuitenwiese im Wiener Prater, keine 500 Meter vom Ernst-Happel-Stadion entfernt, findet heute ein ganz besonderes Wiener Derby statt: Zum ersten Mal treffen die beiden Wiener Quidditch-Mannschaften, die Vienna Vanguards und die Danube Direwolves aufeinander. Quidditch ist eine Vollkontakt-Sportart, die aus dem Harry-Potter-Universum entnommen ist. 2005 wurde die literarische Vorlage von zwei amerikanischen Studenten adaptiert und wird seitdem als „Muggel-Quidditch“ gespielt. Als „Muggel“ werden in den Harry-Potter-Romanen normale Menschen bezeichnet, die keine magischen Fähigkeiten haben. Die Spielregeln sind dennoch weitgehend aus der Zauberwelt der Autorin Joanne Kathleen Rowling entnommen und schnell erklärt: In jeder Mannschaft gibt es insgesamt drei Jäger („Chasers“), die mit einem Volleyball, dem sogenannten „Quaffel“, durch einen der drei gegnerische Ringe schießen, um Punkte zu erzielen. Dabei versuchen je zwei Treiber („Beaters“) den Spielfluss zu stören, indem sie die Jäger mit Bällen („Klatschern“) bewerfen. Wird ein Jäger getroffen, muss er zurück zu seinen Ringen laufen und darf dann wieder am Spiel teilnehmen. Zusätzlich gibt es je einen Hüter („Keeper“), der ähnlich dem Torwart beim Fußball entgegenkommende Quaffel abwehrt, und einen Sucher (Seeker), der den goldenen Schnatz fangen muss. Beim Muggel-Quidditch fliegt der Schnatz natürlich nicht von selbst: Ein neutraler Läufer hat einen Tennisball am Rücken befestigt, den es zu schnappen gilt. Der Läufer ist stilecht in gold/gelb gekleidet. Anders als im Potter-Universum bringt der Fang des Schnatz der jeweiligen Mannschaft allerdings nur 30 Punkte, man sollte sich deshalb auf die erzielten Tore konzentrieren.

Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen sie ihren Zauberer
Mittlerweile beziehen die Spieler langsam ihre Positionen auf dem Feld und Vincent Zsemlye, ein offizieller Quidditch-Schiedsrichter aus der Slowakei, montiert sich eine Go-Pro auf dem Kopf, um Regelverstöße zu dokumentieren. Aus den mitgebrachten Lautsprechern tönt das epische „O Fortuna“ aus Carmina Burana während die Zuseher die Mannschaften anfeuern. Die meisten sind im Studentenalter, allerdings haben einige Spieler ihre älteren Verwandten mitgenommen. Die Großmutter eines Spielers lacht auf die Frage, was sie zum außergewöhnlichen Hobby ihres Enkels sagt. Am Anfang hätte sie es schon etwas beunruhigend gefunden, mittlerweile sei sie aber von der Sportart begeistert.

Foto: (c) Markus Füxl

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Weiter kommt sie in ihrer Ausführung nicht, denn das Spiel beginnt und die Aufmerksamkeit richtet sich auf die beiden Mannschaften, die in die Mitte des Spielfeldes sprinten, um sich die Bälle zu schnappen. Dabei haben die Spieler ständig ein blaues Plastikrohr zwischen den Beinen, das den Besen symbolisieren soll. Immer wieder krachen die Spieler ineinander und ringen am Boden liegend um den Ball. Die Verletzungsgefahr beim Muggel-Quidditch solle man nicht unterschätzen, erklärt ein Fan der Vienna Vanguards beiläufig. Immer wieder käme es zu Gelenksverletzungen, etwas gebrochen habe sich aber bisher noch niemand. Zumindest wüsste er nichts davon. Ein Raunen geht durch die Menge, denn Vincent Zsemlye muss aufgrund eines Fouls schon wieder pfeifen. Am Spielfeldrand liegt zur Vorsorge eine Erste-Hilfe-Tasche.

„Schiri, ich weiß wo dein Auto wohnt!“
Die erfahreneren Vienna Vanguards können sich von Beginn an schnell absetzen und knallen den Quaffel immer schneller durch die Ringe der Direwolves. Zur moralischen Unterstützung haben beide Mannschaften ihre eigenen Fans mitgebracht, die sie immer wieder unter Trommelschlägen mit herausgebrüllten Sprechgesängen anfeuern. Als besonderes Schmankerl stellt sich bei näherer Betrachtung folgende Zeile heraus: „Your mothers are hamsters and your fathers smell of elderberries.“

Einige weniger aktive Zuseher machen sich die Winterjacken zu, auf der Jesuitenwiese wird es langsam richtig kalt. Manche Gemüter entzünden sich aber an den Entscheidungen von Schiedsrichter Zsemlye, ein Zuseher schreit plötzlich: „Vielleicht sollte der Schiri kein Vanguard sein!“

Foto: (c) Markus Füxl

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Mittlerweile ist eine viertel Stunde gespielt und der Schnatz macht sich am Spielfeldrand bereit. Unter dem Ruf „The Snitch is loose!“ wird er schließlich auf das Feld entlassen, die beiden Sucher folgen ihm kurz darauf. Die Vanguards sind mittlerweile so weit in Führung, dass selbst die 30 Punkte, die der Schnatz bringt, nichts am Spielausgang ändern würde. Der Sucher der Direwolves versucht deshalb möglichst lange, seinen Kontrahenten vom Schnatz fern zu halten. Schlussendlich können sich die Vanguards durchsetzen, fangen den Schnatz und gewinnen das erste Spiel mit 130 zu 10.

Hooligans und Pfadfinder
In der Pause diskutieren die Anheizer der beiden Teams darüber, ob man sich eher mit englischen oder italienischen Hooligans vergleiche. Georg, einem Spieler der Danube Direwolves, ist die Niederlage nicht anzusehen. Er grinst über das ganze Gesicht und erklärt die Faszination an der außergewöhnlichen Sportart: „Wir sind einfach Verrückte, die Spaß daran haben, mit einem Besen zwischen den Beinen herumzulaufen. Wir scheißen darauf, was andere Leute denken“, meint er noch völlig außer Atem. Was als Idee von Studenten begonnen hat, fände auch in Österreich immer mehr Begeisterung. Christoph, aktuell Jäger der Vienna Vanguards hat die erste Mannschaft in Österreich vor 1 ½ Jahren gegründet. „Ich habe in Sydney auf Auslandssemester zu spielen begonnen und zurück in Wien die ersten Trainings organisiert. In Amerika ist der Sport mittlerweile eine Riesensache“, sagt er. Obwohl man noch nicht so gut sei, wie amerikanische Mannschaften, haben sich die Vanguards im April 2015 für den European Quidditch Cup in Oxford qualifiziert. „Am Anfang habe ich bei Freunden natürlich dumme Blicke geerntet. Wenn man aber Fotos und Videos von unseren Spielen herzeigt, ist das für viele ein Aha-Erlebnis“, erklärt Christoph grinsend. Da das Spielfeld mitten auf der Jesuitenwiese liegt, bleiben immer wieder Jogger und Spaziergeher stehen, um das hektische Treiben zu beobachten. „Kinder erkennen meist sehr schnell, dass wir Quidditch spielen. Eine ältere Dame hat uns beim Aufbauen der Ringe einmal gefragt, ob wir Pfadfinder sind“, lacht Christoph und streift sich dabei fröstelnd noch eine Jacke über.

Mittlerweile hat sich nach dem zweiten Spiel Aufbruchsstimmung breit gemacht, die winterlichen Temperaturen zwingen selbst die härtesten Hobbyzauberer und –hexen in die Knie. In der nächsten Straßenbahn Richtung Innenstadt sitzen einige Spieler der Vienna Vanguards, ihre blauen Trikots mit dem orangenen Thestral samt Reiter sind übersäht mit Grasflecken. Die Aushilfsbesen werden unter den Sitzen verstaut, die restliche Ausrüstung ist in unauffälligen Nike-Sporttaschen verstaut. Die Vanguards unterhalten sich angeregt über die geplante Siegesfeier am Abend. Sie sehen gleichzeitig verschwitzt und durchgefroren aus, strahlen dabei aber über das ganze Gesicht. Bis zur Weltmeisterschaft im Juli 2016 wird weiterhin zweimal in der Woche trainiert und wer weiß: Vielleicht kommen die nächsten österreichischen Weltmeister ja auf Besen geflogen.

Titelbild: (c) Markus Füxl

Markus Füxl studiert Publizistik- und Kommunikationswissenschaft in Wien und ist als Redakteur für mokant.at tätig. Kontakt: markus.fuexl[at]mokant.at

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