Jemen: Marionette der Großen

Der Bürgerkrieg im Jemen hat, ähnlich wie jener in Syrien seinen Ausgangspunkt im Arabischen Frühling. Mitte Dezember scheiterten Friedensverhandlungen. Der vereinbarte Waffenstillstand wurde ständig gebrochen, darunter leidet vor allem die Zivilbevölkerung.

Im Zuge unserer Reihe über „vergessene Konflikte” beschäftigen wir uns mit unterschiedlichen Krisenherden dieser Erde. Mehr dazu.

Während die Römer das südlichste Land auf der arabischen Halbinsel noch Arabia Felix – glückliches Arabien – nannten, wird es heute oftmals als Armenhaus der arabischen Welt bezeichnet. Laut Weltbank betrug die Arbeitslosenquote 2013 über 17 Prozent. Von den unter 25-Jährigen war jeder Dritte ohne Job. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung hat keinen Zugang zu Wasser oder Sanitäranlagen. Viele Jemeniten waren mit der Regierung unzufrieden.

2011, dem Jahr des Arabischen Frühlings in dem die Proteste begannen, lag der Korruptionswahrnehmungsindex im Jemen bei 2.1 Punkten. Dieser Index misst die Wahrnehmung von Geschäftsleuten, Länderanalysten und verschiedener Experten über die Verbreitung von Korruption im Land. Ein Wert von 10 Punkten bedeutet „Keine Korruption“.

Wikimedia Commons/Abdullah Sarhan (cc)

Flagge der Huthis. Wikimedia Commons/Abdullah Sarhan (cc)

Huthis: Rebellen aus dem Norden
Eine zentrale Rolle im Konflikt im Jemen spielen die Huthis, eine Rebellengruppe zaiditischer Schiiten aus dem Norden des Landes. Sie sind auch bekannt unter dem Namen Ansar Allah, Helfer Gottes. Ihr Slogan bedeutet übersetzt „Gott ist groß! Tod den USA! Tod Israel! Verdammt seien die Juden! Sieg dem Islam.“

Die Imame der Huthis, also ihre religiösen-politischen Herrscher waren in Jemen bis zur Revolution gegen den König in den 60ern an der Macht. „Nach dem Sturz des zweifellos sehr rückwärtsgewandten und allen Neuerungen feindlich gegenüberstehenden Imamat wurden die Saiditen von den neuen Herrschern, die in religiöser Hinsicht Sunniten waren, diskriminiert und marginalisiert“, erkärt Fritz Edlinger, Generalsekretär der Gesellschaft für Österreichisch-Arabische Beziehungen. Seit 2004 versuchen die Huthis den zaiditischen Islam im Jemen zu stärken und wollen erneut ein eigenes Imamat (Führungsauftrag im Islam, Anm.) gründen. Es kam immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen mit der jemenitischen Regierung unter dem seit über 30 Jahren regierenden Präsidenten Ali Abdullah Saleh.

Aufständische: Arabischer Frühling
Am 27. Jänner 2011 erfasste dann auch der Arabische Frühling den Jemen. In der Hauptstadt Sanaa demonstrierten etwa 16.000 Menschen vorerst friedlich für mehr Demokratie, den Rücktritt des Präsidenten und gegen die Korruption im Land. Ab Februar kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Medienberichte, dass daran auch die Armee der Regierung beteiligt war, konnten laut Human Rights Watch nicht eindeutig bestätigt werden. Der Menschenrechtsorganisation zufolge wurden während der Proteste mindestens 250 Menschen getötet, darunter mindestens 35 Kinder. Mehr als 1000 Menschen wurden verletzt.

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Den Huthis und ihre Bestrebung ihre Unterdrückung zu beenden, kamen diese Proteste gelegen und sie schlossen sich den Demonstranten an. Die Rebellengruppe konnte dadurch ihren Einfluss im Land, vor allem aber in der Hauptstadt Sanaa weiter ausbauen.

Im April 2011 präsentierte der Golfkooperationsrat – ein Staatenbund der arabischen Länder Bahrain, Katar, Kuwait, Oman, Saudi Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten – einen Plan zum Rücktritt des Präsidenten, um den Aufstand zu beenden. Dieser lehnte den Vorschlag jedoch ab. Im Juni wurde Saleh bei einem Anschlag auf den Regierungspalast schwer verletzt und zur medizinischen Behandlung nach Saudi Arabien gebracht. Im September kehrte er wieder zurück nach Sanaa. Nach weiteren Massendemonstrationen im November unterschrieb Saleh schließlich das Abkommen des Golfkooperationsrates. Für die Zeit nach seinem Rücktritt wurde ihm Immunität zugesichert.

Das rief erneut Demonstranten auf den Plan: Ein Protestmarsch mit 100.000 Teilnehmern machte sich von der Stadt Taizz auf den Weg nach Sanaa, wo er nach vier Tagen am 24. Dezember von Soldaten mit Tränengas, Wasserwerfern und scharfer Munition empfangen wurde. Dem zurückgetretenen Saleh folgte sein jahrelanger Vizepräsident Abed Rabbo Mansur Hadi als Präsident. Doch die Protestwelle erfasste auch seine Herrschaft, weil sich Huthis zu wenig an der Regierung beteiligt fühlten.

Al-Qaida: Nährboden für Terroristen
Der neue Regierungspräsident Hadi zählt die USA und somit ein, von den Huthis verhasstes, System zu seinen Verbündeten. Bei diesem Bündnis geht es vor allem um den Kampf gegen den islamistisch motivierten Terrorismus. Die Al Qaida hat im Jemen eine lange Geschichte. Ihr Gründer, Osama bin Laden stammt aus dem Jemen. „Die Al Qaida benutzte schon seit vielen Jahren bestimmte Gebiete im Nord-Osten des Jemen als Rückzusgebiete“, so Edlinger. Seit 2009 ist die Al-Qaida in the Arabian Peninsula, kurz AQAP im Jemen aktiv. Ähnlich wie dem Islamischen Staat in Syrien nutzten der Terrororganisation die Aufstände gegen die Regierung. Die bis heute andauernde politische Instabilität im Jemen ist zudem ein Nährboden für Terrornetzwerke wie die AQAP. Die Gruppierung gilt als eine der gefährlichsten Ableger der Al-Qaida und bekannte sich zu den Anschlägen auf das Satire-Magazin Charlie Hebdo. Das konnte allerdings nicht nachgewiesen werden. Fest steht jedoch, dass einer der Angreifer 2011 von der AQAP an der Waffe ausgebildet wurde.

Während der Aufstände im Jemen versuchte die islamistische Al-Qaida Abspaltung ihren Einfluss weiter auszubauen, die USA unterstützte als Reaktion verstärkt die jemenitische Regierung im Kampf gegen die Terrororganisation. Bei Drohnenangriffen durch die Vereinigten Staaten kam es aber immer wieder auch zu zivilen Opfern. Human Rights Watch kritisiert die Angriffe, da es „unverhältnismäßig viele zivile Opfer“ gegeben hätte und sie gegen internationales Recht verstoßen würden. Dem stimmt auch Edlinger zu, wenngleich, die Drohnenangriffe der USA militärisch betrachtet kaum von großer Bedeutung seien. „Sie haben mitunter sogar das Gegenteil von dem bewirkt, was sie bezwecken sollen: Sie haben Stämme und Familien, die an sich mit Al Qaida nichts am Hut hatten, gegen sich aufgebracht und somit den Terrororganisationen sicherlich den einen oder anderen neuen Kämpfer zugetrieben.“

Iran: Unterstützung für die Rebellen
Aber nicht nur Übergangspräsident Hadi erhielt Unterstützung aus dem Ausland. Gerüchten zufolge sollen Huthi-Rebellen vom ebenfalls schiitischen Iran gefördert werden. Jedoch streiten dies sowohl der Iran, als auch die Huthis ab. Und doch gibt es Hinweise auf eine Verbindung: Anfang 2013 wurde vor der jemenitischen Küste mit Flugabwehrraketen beladenes Schiff entdeckt. Wohin die Waffen geliefert werden sollten blieb jedoch unklar.

Aufgrund der verhärteten Fronten zwischen Saudi Arabien und Iran ist jedoch auch die Rede von einem Stellvertreterkrieg der beiden Länder im Jemen. Jedoch weist Edlinger darauf hin, dass die Huthis den Zaiditen angehören, einer schiitischen Sekte, die in theologischer Hinsicht durchaus unterschiedliche Ansichten gegenüber der iranischen Interpretation der Schia vertreten. „Manche Religionsiwissenschafter verweisen darauf, dass es in manchen Details sogar Ähnlichkeiten zum sunnitischen Islam gibt.“

Wichtiger für die Ausbreitung des Einflusses der Huthis im Jemen ist jedoch die Unterstützung durch neu gewonnene Verbündete direkt im Land. Nachdem der ehemalige Präsident Saleh zurückgetreten war, blieben ihm laut der ZEIT viele Soldaten loyal. Sie verbündeten sich mit den Huthi-Rebellen, gegen die sie die Jahre zuvor gekämpft haben, um  den neuen Präsidenten Hadi zu stürzen. Saleh kämpfte während seiner Amtszeit als Präsident gegen die Huthis und fand nach seinem Rücktritt Unterschlupf in Saudi Arabien. Edlinger sieht darin „eine ironische Marginalie, die aber durchaus typisch für die jemenitische Innenpolitik ist“.

UN: Auf dem Weg zum Krieg
Bei der Nationalen Dialogkonferenz versuchten die Konfliktparteien 2013 mit den Vereinten Nationen eine gemeinsame Lösung für den Konflikt zu finden. Anfang 2014 endete die Konferenz, eine Lösung blieb jedoch aus. Ende August 2014 rief der Anführer der Huthis, Abdulmalik al-Huthi, zu Demonstrationen gegen die Regierung auf. Tausende folgten der Aufforderung und beteiligten sich an den zunehmend gewalttätigen Protesten und Kämpfen. Noch im September gelang es ihnen die Macht zu übernehmen. Präsident Hadi floh Anfang Februar 2015 nach Aden, eine Hafenstadt im Süden. Als die Huthis aber auch Aden besetzten, floh er wie schon sein Vorgänger Saleh nach Saudi Arabien. Aus dem Exil versuchte er Unterstützer im Kampf gegen die Huthis zu mobilisieren und fand diese im Verbündeten Saudi Arabien.

Am 26. März. 2015 startete eine, von Saudi Arabien angeführte Militärallianz, die von Präsident Hadi erbetene Intervention im Jemen. Die Huthis sehen darin einen Angriff auf das gesamte Land, Jemen befände sich nun im Krieg, so ein Sprecher der Huthis in einem Interview mit Al Jazeera. Im Laufe der folgenden vier Wochen versuchten die Saudis mit Luftangriffen die Huthis zu stoppen. Vier Wochen nach Beginn der Luftangriffe hätten diese eigentlich beendet werden sollen, um das Ziel der Intervention – die Wiedereinsetzung von Präsident Hadi – weiter voran zu treiben. Die Angriffe durch die Saudis gingen aber weiter und die Lage der Zivilbevölkerung verschlechterte sich zunehmend.

Mehr über die aktuelle Lage im Jemen und die Friedensgespräche.

Titelbild:  mokant.at

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Barbara Bürscher ist als Redakteurin für mokant.at tätig. Kontakt: barbara.buerscher[at]mokant.at

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