Vergessene Konflikte: Zum Feierabendbier stört Krieg nur

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Politikwissenschafter Alexander Kitterer schreibt in einem Gastkommentar warum uns (nicht) nur das Vergessen bleibt

In der vergangenen Woche wies Sebastian Cujai an dieser Stelle zu Recht auf die Notwendigkeit hin, Kriege nicht einfach zu vergessen. Die Berichterstattung sei notwendig, um Eskalationen vorhersagen und Gewaltspiralen durchbrechen zu können. Nun stellen sich die Fragen: Warum gibt es dennoch so viele Kriege und Konflikte, die vernachlässigt, nicht ernstgenommen oder ignoriert werden? Und kann man dagegen überhaupt etwas tun?

Nachrichten voller Krieg und der Zwang zur Selektion
Viele Menschen würden intuitiv sagen, dass sie doch gar nicht ignoriert werden. Im Gegenteil. Die Nachrichten seien voll von Kriegen und Konflikten. Umfragen haben wiederholt gezeigt, dass im Zuge der Globalisierung die Welt als immer konfliktträchtiger wahrgenommen wird. Völlig zu Recht wird argumentiert, dass Auslandseinsätze der Bundeswehr, Anschläge, oder Flüchtlingsbewegungen doch Teil der Berichterstattung der Massenmedien seien. Für die Medien spielt dabei ganz offensichtlich der Nachrichtenwert eine Rolle. Ereignisse, die uns unmittelbar betreffen, werden bevorzugt behandelt, andere gehen unter. Also eben keine kritikwürdige Hierarchie der Toten, sondern eine notwendige Hierarchie der Information.

1912 schrieb Walther Rathenau, ermordeter Reichsaußenminister, der auch als Industrieller und Schriftsteller bekannt wurde, in seinem Buch „Zur Kritik der Zeit“ folgende Sätze „Täglich mindestens einmal öffnet das Welttheater seinen Vorhang, und der Abonnent des Zeitungsblatts erblickt Mord und Gewalttat, Krieg und Diplomatenränke […] ; an einem Morgen während des Frühkaffees mehr Seltsamkeiten, als seinem Ahnherrn während eines Menschenlebens beschieden waren. […] Das Beängstigende der Bilderflucht ist Ihre Geschwindigkeit und Zusammenhanglosigkeit. Bergleute sind verschüttet: flüchtige Rührung. Ein Kind mißhandelt: kurze Entrüstung. Das Luftschiff kommt: ein Moment der Aufmerksamkeit. Am Nachmittag ist alles vergessen, damit Raum und Gehirn geschaffen werde für Bestellungen, Anfragen, Übersichten. Für die Erwägung, das Erinnern, das Nachklingen bleibt keine Zeit.“

Die Sätze mögen etwas angestaubt klingen, doch sie haben keinesfalls an Gültigkeit verloren. Man könnte also argumentieren, dass es bei mehr als 400 politischen Konflikten weltweit eine reine Überforderung ist, die zur Selektion zwingt.

Dies trifft sicherlich zu, niemand hat die Zeit – und niemand würde dies ernsthaft fordern – sich jeden Tag einen Überblick über das globale Kriegsgeschehen zu verschaffen (auch wenn es möglich wäre, denn neben der Sphäre der Massenmedien liefern Indie-Medien, Blogs oder Soziale Medien mittlerweile einen recht umfassenden Überblick). Doch inwiefern sind wir uns wenigstens der Ereignisse, von denen berichtet wird, tatsächlich bewusst? Selbst Kriege wie in Syrien oder in Afghanistan bleiben seltsam monolithische und abstrakte Gebilde. Der polnische Journalist Ryszard Kapuściński schrieb einmal: „Die Welt beobachtet den Schauplatz von Kampf und Tod, den sie sich im übrigen nur schwer vorstellen kann, denn das Bild des Krieges ist kaum zu vermitteln. Nicht mit der Feder, der Stimme, oder der Kamera. Der Krieg ist nur für jene eine Wirklichkeit, die in seinem blutigen, abstoßenden, schmutzigen Inneren sitzen.“

Hier ergibt sich ein weiterer Hinweis darauf, warum wir nicht in der Lage sind Konflikte und Kriege angemessen zu erfassen: Als Außenstehende können wir sie einfach nicht verstehen, können das Leid nicht nachvollziehen. Fehlt es uns an Empathie? Oder wollen wir es gar nicht?

Trennung zwischen Vergessen und Verdrängen macht kaum Sinn
Krieg verstehen zu wollen, ist ein wenig wie über das Universum nachzudenken. Das kann anregend, spannend und faszinierend sein. Es kann in einem nach eingehender Beschäftigung das Gefühl eines tieferen Verständnisses wecken, ein Gefühl der Verbundenheit mit grundlegenden Mechanismen des Seins. Bis man bemerkt wie schwer es ist sich vorzustellen, dass Licht in einer Stunde eine Milliarde Kilometer zurücklegt. Oder 2,5 Millionen Lichtjahre von der nächsten Galaxie entfernt zu sein. Ähnlich ist es beim Krieg: die Millionen Toten der beiden Weltkriege lassen sich zwar ungefähr schätzen. Das Ausmaß des Bombardements von Nordkorea oder Laos in den 1950er- bzw. den 1970er-Jahren zumindest erahnen. Die Wirkung von Fassbomben im Krieg in Syrien anhand von Bildern darstellen. Die Ohnmacht und die Angst nach einem Selbstmordanschlag vielleicht ein wenig an den Augen der Überlebenden ablesen. Doch auf keinen Fall verstehen.

Dem Leid auszuweichen scheint uns einprogrammiert zu sein. Negative Bilder können unser Erinnerungsvermögen beeinträchtigen oder lösen Vermeidungshandlungen aus. Emotional aufwühlende Bilder haben eine negative Wirkung auf das Behalten von Nachrichten – hier wirkt ein Mechanismus, der mit dem Wort “Verdrängen” wohl ganz gut beschrieben werden kann. Hinzu kommt die Komplexität von Konflikten, die vielen Ebenen der Ursachen. So werden Konflikte gerne als ethnisch eingeordnet, oder auch als religiös, auch wenn sich dahinter zahlreiche andere oder zumindest weitere Ursachen verbergen, seien es politische Konflikte oder Auseinandersetzungen um Ressourcen. Die Komplexität mache „zunehmend orientierungslos“, heißt es in Studien, und man drohe „an Reizüberflutung zu ertrinken“. Gerade im Internet, wo die Suche nach Information niemals endet.

 

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Moral? Zum Feierabendbier stört Krieg nur
Bilder über Massensterben und Massenelend fördern also eher ein Ohnmachtsbewusstsein oder stoßen uns sogar ab. Die Aufnahmen von Toten lassen einen geschockt und hilflos zurück. Oder es bleibt einfach eine merkwürdige Distanz zum Geschehen. Neben einer Abneigung gegen Komplexität gibt es darüber hinaus auch den grundlegenden Wunsch nach einer unterhaltungsorientierten Mediennutzung. Obwohl Nutzer nicht apolitisch sind, konzentrieren sie sich dennoch auf Unterhaltendes und ansonsten eben auf Meldungen, die einen Bezug zu ihrer unmittelbaren Alltagsrealität haben.

Das hat Folgen für unsere Selbstwahrnehmung als moralisches und einfühlsames Wesen. Es gibt den Begriff des „Selektiven Humanismus“ des Historikers und Politikwissenschaftlers Egbert Jahn. Nach ihm sind die Wahrnehmung und Betroffenheit von Menschenrechtsverletzungen grundsätzlich individuell unterschiedlich, sie können sozial oder kulturell geprägt sein. Wenn wir dagegen nicht aktiv angehen, machen wir also ganz automatisch Unterschiede und nehmen Wertungen vor. Hier kommt man zur normativen Ebene einer solchen Auseinandersetzung. Ja, die Medien und auch wir (müssen) selektieren und ja, wir sind überfordert, wenn solch großes Leid auf uns einströmt. Immanuel Kant schreibt in seiner Schrift „Zum ewigen Frieden“, „dass die Rechtsverletzung an einem Platz der Erde an allen gefühlt wird.“ Seine Sätze wirken wie eine Utopie, sie lassen sich aber als moralischen Auftrag begreifen.

Selbst schuld: Betroffenheit genügt nicht
Bei einem Text über vergessene Konflikte bietet sich aktuell auch die Betrachtung der Ereignisse von Paris an. Denn nirgends werden Mechanismen der Wahrnehmung und der medialen Berichterstattung besser sichtbar als bei Terroranschlägen.

Zunächst wird an Paris deutlich, dass wir tatsächlich massiv selektieren. Wenige Tage vor „11/13“ explodierten in Beirut zwei Bomben, 44 Menschen wurden getötet. Man könnte bei der unterschiedlichen Aufmerksamkeit mit den Opferzahlen argumentieren, doch die Anschläge in Beirut als Randnotiz (bis diese Selektivität in Sozialen Medien aufgenommen und danach überall thematisiert wurde) fügen sich ein in das alltägliche Geschehen im Irak, Jemen, in der Zentralafrikanischen Republik, Afghanistan, Myanmar oder im Sudan. Die Toten und das Leid sind ganz einfach weit weg (erst die Auseinandersetzung mit Flüchtlingsbewegungen bringt uns möglicherweise dazu, sie irgendwann wahrzunehmen).

Aber die Anschläge von Paris illustrieren noch etwas ganz anderes: den menschlichen Drang, es sich möglichst einfach zu machen. Die vielen Toten, das Morden, all das löst zunächst berechtigte und nachvollziehbare Betroffenheit und Empörung aus. Schon während des Fußballländerspiels wurde der Spielabbruch herbeigetwittert (anstatt einfach abzuschalten), die Drahtzieher wurden verurteilt, danach griffen weitere Reflexe. Beileidsbekundungen, Ausdruck der Solidarität, minutengenaue Aufarbeitung der Ereignisse im Live-Ticker. Es folgen die Angst, die Wut, die Debatten über das Verhältnis von Sicherheit und Freiheit, der Militäreinsatz. Alles eingeübt und oft praktiziert. Oft mit schlimmen Folgen, wie einem nicht zu gewinnenden Krieg gegen den Terror nach 9/11.

Das eigentliche Ereignis, die Ursachen und Zusammenhänge werden dann jedoch schnell vergessen. So zeigt sich der gleiche Mechanismus, der auch bei länger andauernden Konflikten greift. Gewalt, Anschläge und Kriege sind unserer Auffassung nach normaler Teil dieser Welt, die Politik ist dazu da, deren Folgen irgendwie zu managen und uns – teilweise verbunden mit erheblichen Einschränkungen unserer Freiheit – ein Mindestmaß an Sicherheit zu ermöglichen. Wir akzeptieren es. Es ist der viel zitierte Nebel des Krieges, der sich meist unbemerkt über unsere Wahrnehmung und die öffentliche Diskussion legt.

Wegschauen als „Zustimmung zum Mord“?
Ob Terroranschlag oder andauernder Krieg – hinter den Zahlen und Bildern stecken unangenehme Wahrheiten. Sie werfen Fragen darüber auf, wie jede Einzelne und jeder Einzelne von uns lebt. Warum manche Regionen so sehr von Konflikten geprägt sind, warum Menschen von dort fliehen. Wen wir ausbeuten, um solch ein Leben zu führen, was wir in Kauf nehmen, um nach dem Einkaufen warm und gemütlich die neuesten Nachrichten aus aller Welt abzurufen. In diesen Momenten vor dem Fernseher oder dem Smartphone fällen wir möglicherweise – bewusst oder unbewusst – die Entscheidung, manches nicht sehen zu wollen und die Gedanken woanders hinzulenken.

Albert Camus hat die Formel „Zustimmung zum Mord“ geprägt. Diese Zustimmung ergibt sich für ihn aus der Passivität, der Teilnahmslosigkeit, dem Wegschauen und dem Nichtwissenwollen. All das kennzeichne eine Art stillschweigendes Einverständnis. Auch wenn diese Zustimmung zum Mord Teil unserer Existenz, Teil unserer Beziehung zur Welt ist, so ist sie kein Naturgesetz. Das ist kein Plädoyer für blinden Interventionismus. Es genügt sich hin und wieder von selbst zu fragen: „Wer kämpft eigentlich Wo, Wie und Warum gegen Wen?“ Man muss sich zwar möglicherweise auf unangenehme Antworten einstellen, vergessen wird man diese jedoch nicht so schnell.

Alexander Kitterer studierte Politik-, Islam- und Kommunikationswissenschaft an der Otto-Friedrich-Universität in Bamberg. Während seines Studiums verbrachte er mehrere Auslandsaufentahlte u.a. in Syrien und den Palästinensischen Gebieten. Seine Diplomarbeit beschäftigte sich mit dem Zusammenwirken von Politik und Verwaltung bei der Terrorismusbekämpfung. Beruflich ist er seit Anfang 2015 in einem Landesministerium tätig. Den Blog „Vergessene Kriege“ (www.vergessene-kriege.blogspot.com) betreibt er privat seit 2009 privat als nicht-kommerzielles Projekt. 

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Im Zuge unserer Reihe über „vergessene Konflikte” beschäftigen wir uns mit unterschiedlichen Krisenherden dieser Erde.

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