Vergessene Konflikte: Die Relevanz ausgewogener Berichte

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Es ist wichtig, Konflikte nicht zu vergessen. Welche Rolle Medien dabei spielen, erklärt Sebastian Cujai von CONIAS Risk Intelligence in einem Gastkommentar. Das Unternehmen ist auf die Erhebung und Bewertung von Konfliktdaten spezialisiert.

Haben Sie von der New People’s Army gehört, die bereits über vierzig Jahre auf den Philippinen für die Errichtung eines sozialistischen Staates kämpft? Oder von der Gewalt durch die Raia Mutombik-Miliz im Kongo? Viele Konflikte nehmen wir oftmals nicht wahr oder verlieren sie aus den Augen. Ein Grund dafür ist die Vielzahl der Konflikte weltweit: 2014 ermittelte das Heidelberger Institut für internationale Konfliktforschung 424 politische Konflikte, wovon 104 zwischenstaatlich und 320 innerstaatlich ausgetragen wurden. Eine andere Ursache für vergessene Konflikte liegt wohl in der Berichterstattung, die nur sporadisch erfolgt oder sich auf Konflikte konzentriert, die unser direktes Umfeld oder eigene Interessen betreffen.

Die Dynamik innerstaatlicher Konflikte
Innerstaatliche Konflikte bleiben oft über längeren Zeitraum auf einem geringen Intensitätsniveau. Eine genaue Betrachtung ist dennoch wichtig, denn sie bringt wichtige Informationen – eine Eskalation von Gewalt wird oftmals durch klare Anzeichen angekündigt.

Ein Beispiel hierfür ist der Bürgerkrieg in Ruanda, der in einem Genozid mündete: Die zunehmende Spannung zwischen den Volksgruppen der Hutu und Tutsi war über einen längeren Zeitraum deutlich wahrnehmbar. Zudem litt die Gesellschaft zu Beginn der 1990er unter hoher Arbeitslosigkeit, besonders junge Männer verloren ihre Arbeit, worauf sich viele mangels fehlender Perspektiven den Hutu-Milizen zuwandten, die später maßgeblich an der Ausführung des Genozides beteiligt waren. Im Januar 1994 tauchten konkretere Hinweise auf, wonach radikale Gruppierungen illegale Waffenlager unterhielten und Tutsi-Todeslisten erstellten. Das Attentat auf den ruandischen Präsidenten im April 1994 entzündete letztendlich die Unruhen. Die Hutu-Milizen ermordeten gezielt die politische Opposition, wonach sich die Gewalt gegen die Volksgruppe der Tutsi richtete. Zusätzlich bestärkten verschiedene Radiostationen mit ihren Hassbotschaften die Hutu-Bevölkerung in ihrem Handeln.

Informationen als Schlüssel
Informationen durch Beobachtung sind der Schlüssel zu einer frühzeitigen Erkennung einer Gewalteskalation. Hierauf stützt sich die Vorstellung einer Kultur der Prävention, die der damalige Generalsekretär der Vereinten Nationen Boutros-Boutros-Ghali prägte. Sein Nachfolger Kofi Annan formulierte 2001 einen Bericht an den Sicherheitsrat, der ein umfassendes Konzept mit konkreten Empfehlungen beinhaltete. Es empfiehlt mehrere Maßnahmen zur Krisenprävention, wobei die Frühwarnung einen zentralen Platz einnimmt. Neben der Konfliktprävention ist auch die Unterstützung der internationalen Staatengemeinschaft wichtig für eine Befriedung innerstaatlicher Gewaltkonflikte. Die Erfahrung aus internationalen Friedensmissionen zeigt, dass die Konflikttransformation ein langfristiges Unterfangen ist. Auch mit dem Ende der Gewalt bleibt in Bürgerkriegsgesellschaften eine erneute Eskalation sehr wahrscheinlich.

Die Vereinten Nationen verfügen aus diesem Grund über einen umfangreichen Werkzeugkasten, der von Friedenssicherung bis zu Staatsaufbau-Missionen reicht. Dennoch erschweren Partikularinteressen der einzelnen Staaten im Sicherheitsrat, schlechte Ausstattung und unscharfen Mandate die Missionen. Sie benötigen die verbindlichen Verpflichtungen der Staaten, um die nachhaltige Konfliktbearbeitung zu gewährleisten. Die Staaten und ihre Bürger sind somit unverzichtbar in diesem Prozess. Ihre Meinungsbildung und Unterstützung hängt von detaillierten Informationen ab.

Die Rolle der Medien: Manipulation? Chance?
Informationen werden vor allem durch Medien vermittelt. Diese nehmen in Gewaltkonflikten eine Schlüsselposition ein, da sie die Wahrnehmung der Öffentlichkeit nachhaltig bestimmen. Journalisten sind im Zuge ihrer Arbeit jedoch indirekt wie direkt manipulativen Einflüssen ausgesetzt. Der Anblick von oder die Berichte über Gewalt erschweren eine distanzierte Betrachtung, was zu einer Parteinahme für eine Seite führen kann. Ein anderer Aspekt ist die Einbindung von Journalisten in militärische Einheiten, wodurch eine unabhängige Berichterstattung ebenfalls erschwert wird. Diese Kritik wurde auch vor und während des Irakkriegs 2003 laut: Die eingebetteten Reporter berichteten vornehmlich aus dem Blickwinkel einer Konfliktpartei, wobei ihre Berichte im Vergleich zu unabhängigen Beiträgen wohlwollender waren.

Diese manipulativen Effekte erfordern eine erhöhte Wachsamkeit und ein Bewusstsein für die Konsequenzen eigener Veröffentlichungen für die weitere Konfliktdynamik. Unter dem Begriff des konfliktsensitiven Journalismus sammeln sich einige Kriterien, die zur Deeskalation und Überwindung von Gewaltkonflikten beitragen. Dazu zählen unter anderem die Erschließung neuer Blickwinkel, die Berücksichtigung von Minderheitenpositionen sowie eine ausgewogene Wahrnehmung der Opfer beider Seiten. Ein konfliktsensitiver Journalismus kann durch eine ausgewogene Berichterstattung beruhigend auf den Konfliktverlauf einwirken.

Böse Überraschungen
Wenn Konflikte etwa mangels Berichterstattung aus unserem Bewusstsein verschwinden, überrascht uns die Eskalation der Gewalt. Meist gab es jedoch bereits im Vorfeld von Gewaltausbrüchen alarmierende Hinweise. Eine detaillierte Berichterstattung ist daher eine grundlegende Voraussetzung zur Früherkennung möglicher Gewaltspiralen. Regelmäßige Lagebilder über aktuelle Friedenseinsätze wirken wiederum unterstützend auf den Rückhalt der Staaten für die internationalen Friedensmissionen.

All diese Argumente zeigen, dass eine größere mediale Aufmerksamkeit gegenüber dem aktuellen Konfliktgeschehen wichtig ist. Aufmerksamkeit schafft die grundlegenden Voraussetzungen für Konfliktprävention und ein besseres Verständnis für das langfristige Engagement, wobei eine kritische, friedensfördernde Haltung die Berichte kennzeichnen sollte.

Sebastian Cujai studierte Politische Wissenschaft und Soziologie an der Karls-Ruprecht Universität Heidelberg. Seine Schwerpunkte liegen in der Friedens- und Konfliktforschung sowie der Autokratieforschung. In seiner Abschlussarbeit untersuchte der Autor das Konfliktverhalten verschiedener autoritärer Regimetypen in Bürgerkriegen. Aktuell arbeitet er als freier Mitarbeiter bei dem Unternehmen CONIAS Risk Intelligence, welches sich auf die Erhebung und Bewertung von Konfliktdaten spezialisiert hat.

Im Zuge unserer Reihe über „vergessene Konflikte“ beschäftigen wir uns mit unterschiedlichen Krisenherden dieser Erde.

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