Harry Potter Franchise: das ewige Warten

Im Harry Potter-Franchise ist alles neu: neue Filme, neues Theaterstück. Ein Fan über den Aufruhr im Franchise und im Fandom.

Wir Harry Potter-Fans, wir Potterheads, wir warten, und das schon unser ganzes Leben lang. Wir sind früh auf den Hogwarts-Express aufgesprungen, wie die meisten anderen auch, in den späten Neunzigern oder Anfang 2000, aber so ganz haben wir nie unseren Weg hinab gefunden. Wir haben gewartet und gewartet, auf den ersten Film, auf das vierte Buch, auf den zweiten Film, auf den dritten Film, auf das fünfte Buch. Das waren unendlich dauernde Tage voll von kleinen Teasern in Form von Leseproben und Rätsel von Rowling, voll von Promo-Bildern, Featurettes, Interviews von den Schauspielern der Film-Reihe. Bis dann der Super-Gau kam, im Juli 2011. Harry Potter und die Heiligtümer des Todes – Teil 2, er kam und unser ein und alles, dieses Franchise, es ging.

Die lieben ‚Nein‘-Schreier
Zumindest für einen halben Monat, denn an Harrys und ihrem Geburtstag kündigte Rowling ihre Online-Plattform Pottermore an, eine interaktive Website auf der man die wichtigsten Momente der Bücher nochmal durch interaktive Illustrationen, Haus- und Zauberstabtests durchleben konnte – und das alles auch noch offiziell! Keine lahmen Fan-Quizzes mehr à la: ‚Frage 1: bist du mutig, klug, tollpatschig oder hinterlistig? Gratulation, du bist in Ravenclaw!‘.

Wer meint, Potterheads hätten alle gemeinsam aufgeatmet über diesen Wink des Himmels, über dieses Gratis-Geschenk der Autorin, der irrt. Denn das Potter-Fandom, wie möglicherweise so gut wie jedes Fandom, besteht aus einem sehr großen Teil an ‚Nein‘-Schreiern. Nein, diese Webseite, für die wir nicht zahlen müssen, ist nicht gut genug, schön genug, flüssig genug, mobil genug. Nein, wir wollen keine neue Information zu den Charakteren. Nein, wir wollen nur Informationen zu diesem einen Charakter, alles andere interessiert uns nicht. Aber gut, ein paar andere haben sich gefreut, denn es gab mehr Stoff für Fanfiction, für Fanart! Und das war es, was das Potter-Fandom dann beinahe zur Gänze ausmachte: unser eigener Fan-Content, gespickt mit neuen Fakten hie und da, die Rowling uns durch Pottermore und später durch Twitter hinwarf und auf die wir uns stürzten wie hungrige Hippogreife.

Zu gut, um wahr zu sein
September 2013 kam und mit ihm, eine Ankündigung, die so grotesk schien, dass die Freude nicht sofort Überhand gewinnen konnte, gewinnen durfte, denn was, wenn es nicht stimmte? Doch es schien wahr: Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind, ein Begleitbuch der Hauptreihe geschrieben vom fiktionalen Newt Scamander, würde verfilmt werden, möglicherweise sogar in Form einer Trilogie. Das traf uns hart – und sowohl gut, als auch schlecht. Der Film sollte in 2016 veröffentlicht werden, wir durften es also wieder tun, was wir einst so verschmäht hatten und erst jetzt zu schätzen wussten, wir durften warten. Wir durften warten und diskutieren und Fan-Theorien aufstellen, mögliche Casting-Entscheidungen diskutieren. Das Potter-Fandom ist eines, das Diversität liebt und da Newt Scamanders Enkelsohn als dunkelhäutig bezeichnet wurde, vielleicht würde es dann endlich einen nicht-weißen Hauptcharakter geben! Die Freude war zwar groß, die Aufregung dennoch etwas gedämpft, sehnten wir uns doch irgendwie nach dem Jungen der überlebte – aber immerhin. Newt Scamander und seine Geschichte, das war doch schon etwas.

Wer konnte schon ahnen, dass wenig später ein zweiter Schocker kam, ein Theaterstück, das sich um Harry drehen sollte, um Harry James Potter, ebenfalls für 2016 angekündigt und in zwei Teilen– Harry Potter and the Cursed Child! Wieder entstand eine Gefühlsmixtur aus Freudentaumel und Skepsis und Sorge, denn wer würde es schaffen unser Baby zu ergreifen ohne es zu zerstören? Rowling sei beteiligt am Prozess, habe aber das Skript nicht geschrieben. Worum sollte es gehen, was würde aufgegriffen werden? Die Gerüchteküche brodelte aber auf wen war verlass? Also hieß es wieder warten und Fantheorien aufstellen und die Gerüchteküche genau in Betracht nehmen. Kannten wir schon alles, war ja alles schon mal da.

Reißt euch zusammen!
Dann kamen sie, die ersten Fakten, zu Film und Theaterstück. Wir dürfen Newt Scamander auf seiner Reise in die USA folgen, einen Konflikt zwischen Zaubernden und Muggeln (dort No-Majs) bestaunen. Das Theaterstück, es soll sich um um Harrys Leben nach dem siebten Buch drehen, um die Aufarbeitung seiner Vergangenheit und seinen Sohn Albus Severus und seiner Last des Familienvermächtnisses (und der Namen, wahrscheinlich). Und da ertönen sie, die ‚Nein‘-Sager des Fandoms, wir wollen garkeinen blöden Film über irgendeinen drittrangigen Nebencharakter und uns interessieren die Kinder von Harry überhaupt nicht. Und ja, es ist nicht alles perfekt. Eddie Redmayne soll Newt Scamander spielen – schön und gut, wir lieben Eddie Redmayne, aber wieso wird die Chance auf einen nicht-weißen Hauptcharakter vertan? Und Theater ist ein tolles Medium, aber was ist mit jenen, die die Mittel nicht haben, um dafür nach London zu fahren?

Doch der vielleicht größte Unterschied, das eigentliche Problem dieses Mal: die Affinität der großen Masse zu Social Media und zu Potter. In den guten alten Zeiten, da waren wir alleine im Internet, wir waren Nerds, die sich in Foren zusammenfanden und diskutierten, doch die Foren, sie sind alle längst verkommen, vereinsamt. Heute, trotz gemütlicher Einnistung auf Tumblr, bleibt man vom Hype der Medien um Potter nicht mehr sicher. Das Warten, das ist kein Vorrecht mehr für uns, das dürfen sie plötzlich alle, die Medien. Auch die, die Phantastische Tierwesen die Vorgeschichte zu den Büchern nennen, ahnungsloserweise. Auch die, die Rowling die Worte im Mund, im Tweet, umdrehen, um gute Titel für noch bessere Klickzahlen zu dichten.

Es wird klar, es gibt viel zu kritisieren, einige Gründe, um unsere Nasen zu rümpfen. Doch die Sache ist die: Das perfekte Franchise gibt es nicht. ‚Franchise‘, das heißt quasi eine Ausgeburt des Kapitalismus, und der setzt Spielregeln, an die man sich manchmal notgedrungen halten muss. Was wir also tun können, tun müssen, ist uns freuen, Fanart und Fanfiction kreieren, unsere Kritik konstruktiv äußern, ohne uns die Freude verderben zu lassen. Und das Fandom, es wird schon aus seinem eintönigen Schlaf erwachen, denn es lechzt nach neuem Material (Wie oft sollen wir Rons und Hermines Kuss noch GIF-en?).

Ich bin in meinem Bekanntenkreis seit eh und je als der Potterhead schlechthin bekannt. Wer mich also die letzten Wochen gefragt hat, wie ich dazu stehe, zum Film, zum Theaterstück, zu neuer Information, zu denen sage ich: Ich finde es gut. Ich finde es sehr gut. Ich finde es auf-und-ab-im-Zimmer-hüpfen gut. Stimmt, viele Medienportale gehen uns ganz schön auf die Nerven, und ja, vielleicht wird das Theaterstück nicht genauso, wie wir uns das vorstellen. Natürlich, ein diverseres Cast für die Filme wäre ideal (noch ist nicht aller Tage Abend, wer weiß). Es gibt viel Negatives, aber das gibt es immer und überall. Und die Sache ist die – das Harry Potter Franchise, es ist das, was die unaushaltbaren und vollkommen unmöglichen Dinge versüßt, und das schon mein ganzes Leben lang. Ich vertraue auf Rowlings kreative Ader, ich bin gespannt was sie für uns in Petto hat. Ich bin aufgeregt, denn mein Handy-Countdown sagt, es dauert nicht mehr lange, bis wir das alles sehen dürfen. Und dabei freue ich mich am aller meisten auf die Tage dazwischen: auf das Warten.

Noch nicht genug von Potter? Hier gibt’s mehr davon.

Titelbild: (c) Cornelia Kucani

 

Cornelia Kucani hat Studien der Anglistik und der Publizistik- und Kommunikationswissenschaften absolviert und ist höchst anglophil. Wenn sie nicht in Großbritannien vorzufinden ist, dann auf tumblr als halliepotter.

1 Comment

  1. schoenfelder.kathrin@gmail.com'

    kathrin

    17. November 2015 at 16:11

    hab selber diesen ewigen stempel des potterheads im freundes- und bekanntenkreis und trage ihn mit stolz, seit 15 jahren. dieser artikel spricht mir aus der seele – danke dafür! 🙂 the fandom lives (and waits) — always.

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