BIO: Verloren im Etikettendschungel

(c) Raphael Höbart

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Wer kennt sie nicht, die Verwirrung beim Anblick der vielen, bunten Logos auf der Rückseite von Lebensmitteln. Was aber bedeutet das alles, und welches Etikett garantiert, dass ein Produkt wirklich bio ist? Wir wagen uns in den Etikettendschungel

Mittwoch 14 Uhr, Interspar Landstraße – ein Ausflug zurück zum Ursprung. Die Leute sind im Stress, kaufen wahrscheinlich für ihre Mittagspause ein und räumen eher unbewusst sowie schnell diverse Produkte in ihren Korb. Ein paar jedoch stehen um ein Regal herum, das mit „Natur pur“ gekennzeichnet ist. Alles Bio-Lebensmittel? Sie drehen Kartoffel bis Kartoffelchips genau um, scheinen die Nährwertangaben und auch die Etiketten zu betrachten, die auf der Packungsrückseite gedruckt sind. Macht man es ihnen gleich, runzelt sich die Stirn quasi automatisch: Was soll das alles bedeuten? Und welches Etikett garantiert mir nun, dass ich wirklich Produkte aus biologischer Landwirtschaft einkaufe?

Willkommen im Dschungel
Zufällig wird ein Karottensack aus besagtem Regal gewählt auf dem sich sieben Kennzeichnungen finden, die mit Bio in Verbindung gebracht werden können: Das AMA Bio Siegel, das AMA Gütesiegel, das Bio Austria Logo, die Kennzeichnung AT-BIO-301, ein quadratisch grünes Zeichen auf dem „ohne gen technik hergestellt“ steht, ein mit Sternen umrandetes Blatt mit EU-Bio und die Betitelung „Natur pur“. Das verwirrte Stirnrunzeln ergibt somit Sinn. Den Einsatz von Etiketten erklärt Lukas Hindinger-Wihan von BIOS, Biokontrollservice Austria, so: „Prinzipiell ist es so: Sobald ich ein Lebensmittel mit einem Hinweis auf Bio-, oder Öko-Landwirtschaft betitele, muss es der EU Bio-Verordnung folgen.“

EU-Bio Logo

EU-Bio Logo

Etikett 1: EU-Bio
Damit wird das erste Etikett, das mit Sternen umrandete Blatt, klar: Es steht für die Einhaltung der EU Bio Verordnung 834/2007. Diese steht für EU-weite einheitliche Bio-Produktionsstandards, wie die Verwendung bester umweltschonender Praktiken, maximale Artenvielfalt, Schutz der natürlichen, pflanzlichen oder tierischen Ressourcen, die Einhaltung eines Maximums von 0,9% mit Gentechnik veränderter Produkte, chemischen und synthetischen Pflanzenschutz- und Düngemittel, gerechter Tierhaltung und vieles mehr. Dabei wird jedes Glied der Zertifizierung von Organisationen wie der BIOS kontrolliert und zertifiziert. Ausgenommen ist nur die Abgabe an den Endkunden, also die Geschäfte in denen die Produkte schlussendlich landen.

 

AT-BIO Logo

Etikett 2: AT-BIO-301/401
Diese unabhängigen Kontrollen sind auch in der EU Verordnung festgesetzt und werfen Licht auf die zweite Kennzeichnung: Das Buchstaben-Zahlen-Gemisch „AT-BIO-301“ steht für nichts anderes, als für die Nummer dieser Kontrollstelle, wobei jede Kontrollstelle EU-weit durchnummeriert wird. Das Länderkürzel findet sich zur Orientierung vor der Nummer und unter dem Kontrollstellencode, wobei durch eine explizite Herkunftsangabe nochmal der Ursprung des Produktes unterstrichen werden soll.

Austria Bio Garantie Logo

Austria Bio Garantie Logo

Bio-Verbände vs. EU-Richtlinien
Auch Johanna Zollitsch-Stelzl arbeitet für eine dieser Bio-Kontrollstellen, der Austria Bio Garantie , welche die besagte Kontrollstellen-Nummer 301 innehat. Johanna Zollitsch-Stelzl erwähnt, dass die EU-Richtlinien zwar auch für Österreich gelten, es jedoch noch zusätzliche Verbandsrichtlinien gebe. Das Ganze habe auch einen geschichtlichen Hintergrund: „Ursprünglich gab es viele unterschiedliche Bio-Verbände, die von Marketing bis Kontrolle alles selber machten, und jeder hatte sein eigenes Verbandszeichen.“ Diese wurden jedoch durch die Vereinheitlichung der EU-Verordnung abgelöst. Die einzelnen, zusätzlichen Zeichen blieben jedoch stark. „Die EU-Verordnung besagt auch, dass Kontrolle und Beratung getrennt werden müssen, und so entstanden Kontrollstellen wie die unsrige.“

Bio Austria Logo

Bio Austria Logo

Etikett 3: Bio Austria
Eines dieser Verbandszeichen ist „Bio Austria“, welches sich auch inmitten der anderen Etiketten und Logos findet. Generell herrschen in Österreich bezüglich mancher Unterpunkte strengere Richtlinien, als es EU-weit vorgegeben ist. Eine selbstständige Kontrolle seitens des Verbandes ist somit notwendig, oder wird von den Kontrollstellen zusätzlich überprüft.
So heißt es beispielsweise, dass zur Vergabe des Bio Austria Siegels der gesamte Betrieb Bio sein muss. Nach EU-Recht kann auf einem Hof, der verschiedene Produktionsstätten von Viehhaltung bis Pflanzenanbau hat, auch nur ein Teilbereich Bio sein. Weiters gelten bei Bio Austria strengere Richtlinien was den Pflanzenanbau betreffen, die sich in Obergrenzen bei der Düngung und Verbot mancher Düngemittel äußert. Geht es um die Viehhaltung, so müssen Betriebe, um das Bio Austria Siegel zu bekommen, primär inländische Bio-Futtermittel verwenden, die auch aus biologischer Landwirtschaft stammen. Das Etikett gibt jedoch nicht darüber Aufschluss, ob das Produkt aus Österreich stammt, trotz des darauf hinweisenden Namens. Interessant sind auch Bestimmungen zu gentechnisch veränderten Organismen (GVO) : Während laut EU-Verordnung bei  Lebens- oder Futtermitteln bis zu 0,9% GVO in Ordnung sind und diese dabei nicht gekennzeichnet werden müssen, gilt gemäß Bio Austria ein Gentechnik-Verbot mit der Obergrenze von 0,1% GVO.


(c) ARGE

(c) ARGE

Etikett 4: OHNE gen TECHNIK HERGESTELLT
Laut Dr. Zollitsch-Stelzl nehme Österreich in dieser Hinsicht sogar eine Art Vorreiter-Rolle ein. Die Kontrolle gemäß den österreichischen Bio-Richtlinien betrifft nur tierische Produkte. „Das Logo der ARGE Gentechnik-frei „Ohne Gentechnik hergestellt“ wird grundsätzlich für konventionelle Lebensmittel vergeben, die nach dem Österreichischen Lebensmittelkodex zur gentechnikfreien Produktion hergestellt wurden. Da Österreich sich für ein generelles Anbauverbot bzgl. Gentechnik ausgesprochen hat, werden gentechnisch veränderte Pflanzen und deren Folgeprodukte in Österreich „nur“ verfüttert (z.B. Import-Soja).“, so Lukas Hindinger-Wihan. Dennoch finden sich oft auch auf pflanzlichen Produkten ein Etikett mit der Aufschrift „ohne gen technik hergestellt“. Das Etikett scheint zwar ein wenig überflüssig, aber soll wohl zur Verdeutlichung dienen. Auf der Homepage der ARGE Gentechnik-frei findet sich die Erklärung: „Eindeutige Information für den Konsumenten: Lebensmittel, die dieses Zeichen führen, sind mit Sicherheit ohne Gentechnik hergestellt“. Schon 2.300 Lebensmittel, aus biologischer und konventioneller Landwirtschaft, sollen dieses Logo tragen und werden somit von unabhängigen Kontrollstellen, beispielsweise der BIOS, nach zusätzlichen Regelungen überprüft, die sich beispielsweise auf die Vermeidung von Verunreinigungen bei der Herstellung beziehen.

Exkurs in die Ethik der Gentechnik
In einem Seminar zur Ethik der Gentechnik wird klar, dass die Risiken der Gentechnik nicht allen bewusst sind. Kritische Stimmen verweisen darauf, dass keine Notwendigkeit bestehe, gentechnisch veränderte Lebensmittel zu produzieren. Die einzigen Profitierenden seien Konzerne, deren Gewinn dadurch gesteigert werde. Gesundheitliche Auswirkungen sind nicht ausreichend erforscht, heißt es. Interessant sei jedoch die Gefahr der gentechnisch veränderten Pflanzen für Biotope und die Bio-Landwirtschaft: Es könnten beispielsweise natürlich vorkommende Arten durch gentechnisch veränderte Arten zurückgedrängt werden. Das sei für Bio-Bauern ein Problem, da ein Pollenflug gentechnisch veränderter Pflanzen die Bio-Pflanzen kontaminieren könne.

Spar Natur pur Logo

(c) SPAR Natur pur

Etikett 5: Natur pur
Wie eindeutig die Informationen allgemein sind bleibt dahingestellt und auch eine persönliche, ethische Einschätzung, welche Standards einem jeden wichtig sind scheint notwendig zu sein: Das Augenmerk kann somit auf Biolandwirtschaft gerichtet werden, womit beispielsweise die gentechnikfreie Herstellung automatisch garantiert ist. Nicht inkludiert ist jedoch die Saisonalität und Regionalität der Lebensmittel. Diese ist auch nicht durch den scheinbar eindeutigen Namen Bio Austria gegeben. Laut Dr. Zollinger-Stelzl heiße dies nur, dass der Betrieb Mitglied beim Austria Bio Verband ist und ein überwiegender Teil der Zutaten den Bio Austria Richtlinien entsprechen. Der regionale, oder saisonale Ursprung des Produkts kann durch andere Kennzeichnungen garantiert werden, die jedoch nichts mit biologischer Landwirtschaft zu tun haben. So finden sich auch auf unseren Karotten die Worte Natur pur. „Namen wie Ja! Natürlich, oder Natur pur sind nur etablierte Handlungsmarken, sagen aber noch nichts über die Produktion, oder den biologischen Status aus, sondern lediglich darüber, wer es macht, oder wer es kauft“ so Lukas Hindinger-Wihan. Durchsucht man weiter das Supermarkt-Regal, stößt man auf zahlreiche irreführende Bezeichnungen: „aus naturnahem Anbau“, „aus umweltgerechter Landwirtschaft“ und „aus kontrolliertem Anbau“ sind nur einige Beispiele für Bezeichnung, die nicht zwangsläufig mit biologischen Qualitätskriterien zu tun haben.

(c) AMA BIO Siegel

(c) AMA

(c) AMA Gütesiegel

(c) AMA

Etikett 6 und 7: AMA Gütesiegel und AMA Biosiegel
Für weitere Verwirrung auf dem österreichischen Markt sorgt das AMA Gütesiegel, welches viel konventioneller wurde, obwohl es auch ein AMA Biosiegel gibt. Auch Manuela Schürr des AMA-Marketing ist sich dessen bewusst. Die Erklärung hierfür sei auch einfach, und hänge damit zusammen, dass es das Gütesiegel schon länger gibt und mehr Werbung dafür gemacht wurde. Die Finanzierung des AMA-Marketing hänge nämlich direkt mit dem Agrargewinn der Landwirte zusammen: „Wir müssen das Geld, das wir bekommen auch prozentuell in die Vermarktung und Bewerbung stecken. Beim Bioanteil sind das nur 15-20% der Einnahmen, weswegen auch nur dieser Anteil in eine derartige Bewerbung geht.“ Unterschiede zu anderen Etiketten ergeben sich darin, dass sowohl das AMA Gütesiegel, als auch das AMA Biosiegel, die österreichische Herkunft der Produkte kennzeichnen. Außerdem übertreffe das AMA Gütesiegel qualitativ die gesetzlichen Vorgaben bei Hygienestandards, Vorschriften zu Futtermittel, oder Vorgaben zu besserer Dokumentation in der Verarbeitung. „Wir sind somit strenger als das Gesetz! Mit dem Gütesiegel wollen wir signalisieren, dass die Herkunft gegeben ist plus, dass noch strengere Richtlinien gelten.“

Raus aus dem Dschungel
Der Karottensack wirkt zwar bunt geschmückt, nur was steht schlussendlich wirklich drauf?
Das EU-Logo verweist auf die allgemeinen Bio-Richtlinien, die für alle EU Länder gelten und durch die Kontrollstelle AT-BIO-301 kontrolliert werden. Über Regionalität sagt es jedoch nichts aus. Genauso wenig wie das Bio Austria Logo, durch dessen Einsatz teilweise jedoch strengere Richtlinien befolgt werden müssen. Eine dieser Richtlinien bezieht sich auf die Obergrenze der 0,1% gentechnisch veränderter Organismen, welche jedoch nicht direkt mit dem „ohne Gentechnik hergestellt“-Logo zusammenhängt. Gentechnik-frei sind die Bio-Karotten jedoch sowieso.
Die einzigen Etiketten, welche die Regionalität kennzeichnen, sind AMA Siegel eins und zwei, welche es beide auf die Verpackung geschafft haben. Klar ist mittlerweile jedoch: Gütesiegel bedeutet noch nicht Bioprodukt.
Was noch fehlt, sind Handlungsmarken wie Natur pur, die den Dschungel komplett, und den Karottensack noch bunter machen. Die Karotten kommen in den Einkaufswagen- das nächste Mal hoffentlich etwas schneller.

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Titelbild: (c) Raphael Höbart

 

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Kathi hat Biologie und Kultur- und Sozialanthropologie studiert. Sie findet, dass die Kombination hilfreich ist, um sich professionell über die Menschheit zu wundern.

1 Comment

  1. sabine

    3. November 2015 at 12:02

    danke für diese infos. hab mich schon oft gefragt was die ganzen etiketten sollen

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