The Informal Thief: „Kitsch ist das absolut Geilste“

(c) Katharina Kropshofer

Der Innsbrucker The Informal Thief macht schöne, simple Folk Musik, die nach Häfen im Norden klingt. In einem ehrlichen Interview erzählt er von seinem Release Album, seiner Liebe zu Kitsch, und dass er dazu steht, manchmal ein Dieb zu sein.

Nur zwei Minuten nachdem Lukas Klestil, besser bekannt als „The Informal Thief“ die Tür zu seiner Penzinger Altbauwohnung öffnet, schraubt er, während er Espresso kocht und eine Zigarette dreht, auf seiner soeben auf willhaben erstandenen Zither herum. Für das Interview kommt er erst zur Ruhe, als er die Zither mit einem verschmitzten Lächeln seinem Mitbewohner zum Stimmen übergibt.

mokant.at: Wirst du jetzt zum Volksmusiker?
Lukas: Nein, aber ich bestell mir gern Sachen auf willhaben bei irgendwelchen Sammlern, die keine Ahnung haben, was das, was sie verkaufen, eigentlich wert ist. In meinem Zimmer steht auch eine elektrische Orgel, die ich um einen Euro erstanden hab.

mokant.at: Die Instrumente kannst du ja vermutlich nicht alle gleichzeitig bedienen. Gibt es Ambitionen, eine Band zu gründen, oder wirst du weiterhin solo unterwegs sein?
Lukas: Es ist jetzt ein bisschen ein Bandprojekt gestartet. Im Juni hab ich in der Bäckerei in Innsbruck (Kulturzentrum und Lokal, Anm.) gespielt und da ist ein Freund von mir mit Bass dazugekommen. Mit dem hab ich dann gejammt, obwohl ich das ja eigentlich überhaupt nicht mag, weil ich mit anderen Musikern nicht so kompatibel bin. Aber das mit dem Bass hat den Leuten getaugt, und deshalb ist die Idee ein bisschen weiter gegangen. Es steht nach wie vor der Thief solo vorne, aber bei ein paar Nummern gibt’s die Band als Zuckerl, damit der Sound voller wirkt.

(c) Katharina Kropshofer

(c) Katharina Kropshofer

mokant.at: In vielen Fällen läuft das ja andersherum: Zuerst spielt man in einer Band und dann startet man solo durch. Wieso glaubst du, dass du nicht kompatibel bist?
Lukas: Vielleicht liegt das daran, dass mich mein Vater, der furchtbare Typ, mit fünf Jahren vors Klavier gesetzt und gesagt hat „Hey, jetzt lern was“. Dann hab ich Unterricht bekommen und wollte bald nie wieder ein Musikinstrument angreifen. Mit Dreizehn hatte ich dann eine Skate- und Punk-Zeit, in der das Schlagzeug cool wurde. Ich hab immer im Keller für mich selbst herumgetrommelt aber das hat zu nichts geführt. Das Schlagzeug hab ich dann an einen türkischen Volkssänger verkauft. Erst mit 18 hab ich dann die Gitarre entdeckt und von Freunden und YouTube Spielen gelernt.

mokant.at: Ist die Musik im Moment deine Hauptbeschäftigung?
Lukas: Leider nicht. Ich studiere an der Angewandten Fotografie und schreibe gerade an meiner Diplomarbeit. In Österreich wird man einfach narrisch, wenn man versucht, Musiker zu sein. Bis vor einem halben Jahr hätt ich mich nicht einmal als Musiker, oder musischen Typen definiert, aber jetzt würd ich mich definitiv so bezeichnen.

mokant.at: Würdest du sagen, dass du demnach generell in einem künstlerischen und kreativen Umfeld aufgehoben bist, das sich auch auf deine Musik auswirkt?
Lukas: Prinzipiell schon. Aber ich muss sagen, dass diese bildenden Künste für mich schon ein Gegenstück zur Musik sind. Ich kann das nicht alles in einen Topf schmeißen. Einen guten Blick und ein gutes Gehör für Dinge zu haben funktioniert nicht Hand in Hand. Dass du ein Auge hast für etwas, das ist wahnsinnig toll und schwierig und genauso ist es mit Ohren auch. Es ist auch nicht unbedingt fördernd für meinen kreativen Output in der Musik, dass ich die ganze Zeit in Wien mit der Kamera herumlaufe. Die Motivation etwas Kreatives zu machen, kann schon für Fotografie und Musik die gleiche sein, aber das was du machst, spielt nicht miteinander.

mokant.at: Könntest du dir vorstellen, die Musik zu deinem Beruf zu machen, oder siehst du das eher als begleitende Beschäftigung?
Lukas: Natürlich hat man diesen Traum, wenn man Musik macht. Aber ich glaub das ist eine ziemliche Seltenheit, dass das funktioniert. Wobei ich auch sagen muss, dass mir das im Moment mehr Spaß macht, als alles andere, was ich sonst mache. Das sind alles nette Leute in der Fotografie-Szene, aber ich bin nicht jemand der dann weiß „ah der hat das und das Bild im Westlicht ausgestellt“. Ich höre lieber Musik und starr vor mich hin, als dass ich in ein Buch schaue in dem Fotos gedruckt sind. In der Musik ist mehr Muse drin.

mokant.at: Es klingt trotzdem so, als wärst du realistisch geblieben in dem Ganzen.
Lukas: Klarerweise wär ein Musikerjob natürlich was total lustiges, wenn auch ziemlich anstrengend. Es kommt jetzt noch dazu, dass ich mit einem guten Freund aus Innsbruck ein Label gegründet hab. Ich spreche jetzt von einer Utopie, aber das wäre schon ein Beruf, bei dem man genau mit dem Ding zu tun hat, du aber nicht komplett abhängig von deiner eigenen Musik bist. Man hat ein Bein in der schönen, kreativen Musikseite, und ein Bein im Wirtschaftlichen.

mokant.at: Jetzt muss ich dich was zu deinem Namen fragen: Bist du denn ein Dieb, Lukas?
Lukas: Ja! Also das muss man ja jetzt sagen: der ganze Credit von dem Zeug, das ich mache, geht ja eigentlich an Kristian Matsson, den Tallest Man on Earth (schwedischer Folkrock-Musiker, Anm.), das muss man so zugeben. Der Name ist im schnellen Gespräch entstanden, als ich einen Namen für meinen ersten Auftritt brauchte. Im Nachhinein habe ich gemerkt, dass das eigentlich ziemlich witzig ist und total passt. Ich würde jetzt zwar nicht sagen, dass es gestohlen ist; nur habe ich einfach gemerkt, dass diese Art von Musik die Richtung ist, die mir am meisten liegt. Außerdem glaube ich, dass wir momentan nicht in einer Zeit sind, in der man groß neue Dinge erfindet. Wenn du jetzt was Neues machen willst, dann kommt so ein Blödsinn wie Dubstep raus. Insofern kann man schon sagen, dass ich ein Dieb bin, aber man muss schon deutlich sagen, dass sich meine Musik komplett anders entwickelt hat.

mokant.at: Wo liegen die großen Unterschiede zwischen eurer Musik?
Lukas: Das was ich mir vom Matsson gut abgeschaut habe ist seine Bühnenpräsenz. Wenn ich sage ich mach Gitarre und Stimme, wie viele andere auch, dann ist meine Version ein bisschen energetischer. Meiner Meinung nach geht das am besten, wenn du dich nicht klischeehaft auf einen Barhocker setzt und dein Set spielst, sondern wenn du rumläufst und die Leute miteinbeziehst. Bei meinem ersten Auftritt waren die Hälfte der Lieder von ihm (Tallest Man on Earth, Anm.). Mittlerweile ist das Set hundert Prozent Thief, Wenn jemand kein Gehör dafür hat würde er den Unterschied vielleicht nicht hören, aber es steckt einfach so viel mehr dahinter. Den großen Unterschied gibt es also vermutlich nicht. Es sind eher zwei, drei kleine Unterschiede.

(c) Katharina Kropshofer

(c) Katharina Kropshofer

mokant.at: Was spricht dich eigentlich am Folk, oder an dieser Art von Musik, so an?
Lukas: Dass ich sehen kann, wie das funktioniert. Wenn ich das live anschaue, dann sehe ich was er greift und spielt. Das Wichtigste, auch bei unserem Label, ist, dass man bei der Musik und den Aufnahmen das Gefühl hat, man kann es genauso auch live spielen. Das finde ich am Folk so gut, und das ist auch das, was mir zum Beispiel an Bob Dylan gefällt. Ich weiß das ist der absolute Klassiker; aber bei ihm gibt es keinen Unterschied zwischen Aufnahme und Konzert. Noch lieber interpretiere ich jedoch Phil Collins, Cindy Lauper, oder Annie Lennox- all dieser geile 90er Jahre Trash. Ich stehe auf Kitsch. Kitsch ist das absolut Geilste. Wenn man das richtig interpretiert, so dass es den Leuten gefällt und es trotzdem noch nach dir klingt, dann ist das was Lustiges. Vielleicht ist auch das der große Unterschied zwischen dem Tallest Man und mir.

mokant.at: Das heißt dein nächstes Projekt ist dann Musik für Disney Filme?
Lukas: Ja, genau. (lacht)

mokant.at: Wenn wir gerade von Klassikern und Legenden wie Bob Dylan reden… Würdest du sagen, dass diese Art von Musik -Überbegriff Folk- gerade wiederbelebt wird, oder denkst du sie ist immer ein Ausdruck für Musik aus einer anderen Zeit?
Lukas: Ich weiß nicht, ob Folk wiederbelebt wurde. Ich finde, der war immer da. Es wird aber auch schnell mal was Folk genannt, wenn es scruffy klingt, und eine komische Stimme dabei ist. Es geht aber auch stark um Lyrik. Ich finde, das Großartige an der Folk Szene sind die Texte, in die ein bisschen Poesie reingebracht wird und zufällig eine Gitarre im Hintergrund ist. Das funktioniert einfach immer – auch in zwanzig Jahren noch.

mokant.at: Beschäftigst du dich viel mit den Texten?
Lukas: Es ist wahrscheinlich recht komisch, aber ich hock’ mich nie mit der Gitarre hin, um was Neues zu kreieren. Es ist eher so, dass mir gute Lines einfallen, wenn ich unterwegs bin und dann kommt erst die Gitarre dazu. Wichtig bei meinen Texten ist, dass sie sich immer schließen. Was ich zum Beispiel furchtbar unspannend finde, ist es eine Geschichte in einem Song zu erzählen.

mokant.at: An deutsche Texte hast du aber noch nie gedacht?
Lukas: Zum Musikmachen nicht. Ich hab mal für ein Magazin Kurztexte zum Thema Obszönität geschrieben. Ich würde das eher als scherzhafte Schreiberei bezeichnen, die sich nicht zum Singen eignet. Ich habe das Gefühl, dass Englisch zum Singen besser ist, weil es begrenzter ist. Außerdem kommen wir ja beide aus Tirol, und du hörst eh wie das klingt (lacht).
Aber ich feier’ Austropop!

mokant.at: Auch moderne Sachen, à la Wanda?
Lukas: Die haben halt gerade einen Hype. Ihre Texte finde ich super. Auch so etwas wie Ernst Molden und der Nino aus Wien gefällt mir. Nur ich könnt’ das nicht.

mokant.at: Du bist ja auch kein Wiener.
Lukas: Nein, leider (lacht).

mokant.at: Glaubst du der Austropop-Pool ist bereits gefüllt?
Lukas: Ich finde es toll, dass diese Szene in Österreich gerade auflebt und Wanda und Bilderbuch sind dafür sehr wichtig. Da hat sich so lange nichts getan und jetzt geht der Erfolg endlich über Österreich hinaus. Ich glaube aber nicht, dass diese Art von Musik in fünf Jahren noch den gleichen Erfolg feiert. Da muss ein bisschen was dazukommen.

mokant.at: Deine Musik und auch deine Texte klingen stark nach dem Norden, Melancholie und Sonnenuntergängen über dem Hafen. Hast du eine besondere Verbindung dazu?
Lukas: Zum Norden schon, zum Sonnenuntergang nicht. Der Norden hat jedenfalls für mich sehr viel Charme. Holland ist eine Adresse wo ich mich sehr gern aufhalte, zwei Mal pro Jahr mindestens. Die Melancholie macht dort genau diese Gratwanderung zwischen schön und traurig. Da passt der Sonnenuntergang für mich nicht rein, sondern eher ein Nieselregen mit Nebel um 5 in der Früh. Einerseits ist es kalt und unangenehm, aber andererseits fühlt man sich wie in einer Blase, so dass man fast verschwindet. Das zieht mich sehr an und ich hab immer das Gefühl, das erlebe ich dort eher als in Österreich. Auch wenn ich im tiefsten Nebel auf der Gloriette sitze, weiß ich was da rund um mich herum ist, und dass da so viele Leute sind. Man kann mich jagen mit Sonne, Sand, Strandurlaub… Da fahr’ ich lieber nach Holland oder Schweden, wohne irgendwo im Wald, und hab’ meine Ruhe.

(c) Katharina Kropshofer

(c) Katharina Kropshofer

mokant.at: Vor Kurzem hattest du ja auch einen Videodreh im Wald?
Lukas: Ja wir haben parallel zwei Sachen gedreht: Einen Trailer und ein Musikvideo. Das war ein Projekt des Kunstateliers Agathe Bauer Atelier. Ich wollte einen Trailer für mein Album, das jetzt im Herbst rauskommt und die vier Mädls wollten ein Musikvideo drehen. Das war dann der Kompromiss. Im Trailer geht es darum, dass die Leute sehen können, was man sonst nicht sieht. Hinter den Kulissen sozusagen. Übers Video will ich gar nicht zu viel verraten, aber es hat einen coolen Twist drin.

mokant.at: Was hat es eigentlich mit den soap room sessions auf sich?
Lukas: Das ist ein selbstproduziertes Hipster-Video und audiotechnisch eigentlich eine Katastrophe. Aber das ist mein ehrlicher Zugang. Die sessions haben wir so genannt, weil mein treuer Compagnon Peter der Seifenbaron von Innsbruck ist und wir in einem Seifengeschäft und in einer alten Seifenfabrik gedreht haben. Wäre auch mal eine gute Konzert Location.

mokant.at: Und es riecht bestimmt gut dort!
Wenn man sich deinen Instagram- und Soundcloud-Account ansieht, scheint es, als ob dir das Gesamtbild wichtig ist. Machst du das alles selbst?
Lukas: Ja es ist mir eigentlich wichtig, aber ich bin zu deppert für das. Ich kenne mich mit Facebook überhaupt nicht aus. Nur Instagram mache ich selbst.

mokant.at: Wie viele Filter legst du dann über ein typisches Bild?
Lukas: Mindestens einen! (lacht)

mokant.at: Und wie sieht deine Selbstvermarktung sonst so aus?
Lukas: Ich bin schon eine Tussi. Meine Schuhe müssen geputzt sein, und vor allem beim Auftritt muss das dann alles passen. Es gibt auch bei jedem Konzert mindestens ein Foto von meinen Füßen, weil ich immer komische Posen reiße. Als mein Erfolgskonzept sehe ich mehr die Live-Auftritte als Social Media.

mokant.at: Was machst du bei Live-Auftritten so gut?
Lukas: Ich versuch halt klassischer Weise Kontakt mit dem Publikum aufzubauen, da reicht oft ein 5-sekündiger Blickkontakt. Ich pack’ es nur nicht wenn die Leute anfangen mitzuklatschen.

mokant.at: Dabei stehst du doch auf trashige Musik.
Lukas: Stimmt. Dazu steh ich. (lacht)

The Informal Thief

Album-Release Konzert:
30.09.2015 Treibhaus Innsbruck

The Fox’s Den – The Informal Thief from The Informal Thief on Vimeo.

Titelbild: (c) Katharina Kropshofer

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Kathi hat Biologie und Kultur- und Sozialanthropologie studiert. Sie findet, dass die Kombination hilfreich ist, um sich professionell über die Menschheit zu wundern.

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