GRÜNE: „Autofahrer müssten froh sein“

Der Klubobmann der Wiener Grünen mit uns im Gespräch über Sexismus im Wahlkampf, Verkehrs- und Wohnpolitik in einer wachsenden Stadt und den Unterschied zwischen Wien und Traiskirchen.

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Bei der Gemeinderatswahl entscheidet sich für die Wiener Grünen, ob sie am Spielfeld bleiben und weiter mitregieren dürfen. Der Grüne Klubobmann David Ellensohn möchte den Weg mit den Roten fortsetzen, denn in der Politik müsse man sich nicht immer lieb haben. Die oft kritisierte Verkehrspolitik will man fortsetzen, über die eigentlich „gerade die fanatischsten Autofahrer froh sein müssten“. In Sachen Wohnpolitik denkt Ellensohn ebenfalls in die Zukunft. Durch geförderten Wohnbau soll das Dach über den Köpfen der Wiener in Zukunft gesichert sein.

mokant.at: In der zweiten Plakatwelle lächelt den Wienerinnen und Wienern ein abgebusselter Julian Schmid mit dem Slogan „Ich bin Öffi für alles“ entgegen, erst vor kurzem postete er ein Oben-Ohne-Foto von sich auf Facebook – führen die Grünen einen sexistischen Wahlkampf?
David Ellensohn: Wir nehmen das ernst, was die Watchgroup sagt. Es ist wahnsinnig schwierig, die Grenze zu finden. Vor zwei Jahren haben die Grünen Andersrum ein Wahlwerbe-Video produziert, in dem ein schwules und ein lesbisches Paar Sex hatten. Das galt grün-intern als mutig, wurde von der Werbewatchgroup abgelehnt. Das Plakat wird ebenfalls sehr unterschiedlich aufgenommen, die Diskussion läuft. Das Learning daraus: Wenn man in die Nähe einer Anspielung an Sexualität oder Sex kommt, besteht das Risiko, dass es dann von manchen als Sexismus gesehen wird, von anderen nicht.

mokant.at: Die Werbewatchgroup ist eine Einrichtung der rot-grünen Regierung. War die Wahrnehmung als sexistisch nicht vorhersehbar?
Ellensohn: Vorhersehbar war es nicht. Wir haben uns intern gefragt: „Was sehen wir auf dem Bild?“ Die einen sagen, das sind eindeutig Frauenmünder. Daraufhin haben sich viele aus der Queer-Community aufgeregt und gesagt: „Sorry Leute aber Transgender mit Lippenstift, das gibt es nicht? Nur Frauen dürfen Lippenstift tragen?“ Es ist eine spannende Diskussion. Sexismus ist ein ernstes Thema. Bei dem Plakat sind sich die Menschen uneinig, sie reden darüber. Die Watchgroup hat das Sujet so bewertet, wie auch vor zwei Jahren.

mokant.at: Julian Schmid ist Abgeordneter im Nationalrat. Warum ist gerade er auf dem Plakat abgebildet?
Ellensohn: Das Kind auf dem Bildungsplakat und die Läuferin auf dem Frauenplakat treten auch nicht bei der Wahl an. Auf den Plakaten der SPÖ sind viele Menschen abgebildet, die nicht zur Wahl antreten. So ungewöhnlich ist das nicht.

mokant.at: Die Grünen werden oft als Partei wahrgenommen, die für Jugendlichkeit steht. Jetzt haben Glawischnig, Vassilakou, beide 46 Jahre alt, und Sie mit 52 Jahren den Dreißiger schon weit hinter sich gelassen. Sind die Grünen gealtert?
Ellensohn: Wir sind in den einzelnen Landtagen meistens im Altersdurchschnitt die Jüngsten. Es gibt nicht viele Leute die 18 sind, wahlberechtigt und nachher in den Parlamenten sitzen. Julian Schmid ist der Jüngste im Nationalrat. Die Grünen haben wie alle anderen Parteien aus allen Altersgruppen einzelne Leute, die kandidieren.

mokant.at: Laut einer Umfrage des Market-Instituts könnten die Wiener Grünen Stimmen vor allem an die NEOS verlieren.
Ellensohn: Die Grünen haben seit 2010 alle Wahlen gewonnen – 14 Wahlsiege in Serie auf Landtags- und Bundesebene. Wir haben kein Match gegen eine einzelne Partei. Die NEOS sind neu und müssen schauen, ob sie überhaupt in den Gemeinderat kommen. Der Wahlkampf der NEOS ist im Ton wie der von der FPÖ, immerhin ohne Rassismus. Aber ich muss die Wahlkämpfe der anderen Parteien nicht bewerten. Wir konzentrieren uns auf unseren eigenen.

mokant.at: 365 Euro Jahreskarte, Parkpickerl, Fußgängerzone auf der Mahü, es gibt jetzt eine Initiative gegen die durchgesetzte Verkehrspolitik der Grünen – wollen die Grünen die Autofahrer wirklich nur schikanieren, wie es von den Initiatoren von „Mein Auto“ heißt?
Ellensohn: Es ist kein großes Geheimnis, dass wir im Verkehrsbereich Radverkehr vorantreiben, Fußwege einfacher gestalten, öffentliche Verkehrsmittel ausbauen, Verkehrsberuhigungen machen und auf Sicherheit im Verkehr achten.
Auch die Preissenkung der Jahreskarte, das gibt‘s normal nicht, alles wird teurer – die Jahreskarte ist 84 Euro billiger geworden. Das war mutige Verkehrspolitik der Grünen mit viel Widerstand, Initiativen und Unterschriftsaktionen. Wir sind der Meinung, der öffentliche Raum ist in erster Linie nicht dazu da, zugeparkt zu werden. Ein einfaches Bild: Andere wollen, dass immer mehr Autos fahren, wenn es dann doppelt so viele sind ist es dann genug? Wenn es viermal so viele sind, wo fahren die dann? Gerade die fanatischsten Autofahrer, müssten um jede einzelne Person froh sein, die U-Bahn fährt. Wer U-Bahn fährt, wer auf dem Rad sitzt, wer zu Fuß geht, die alle reduzieren den Stau.

mokant.at: 2015 ist das Jahr des zu Fußgehens. Wien ist ohnehin schon eine Stadt in der viel zu Fuß gegangen wird. Die Werbekampagne und die Wiener Fußgängerbeauftragte verschlingen ziemlich viel Geld – die „Wien-zu-Fuß“-Kampagne kostet laut Standard 2,5 Mio Euro. Wird da nicht ziemlich viel Geld beim Fenster hinausgeworfen?
Ellensohn: Schauen wir, was in anderen Städten passiert, sind wir noch lange nicht am Limit. Es gibt 220.000 Autos, die jeden Tag nach Wien und am Abend hinaus fahren. Würde man die hintereinander stellen, hätte man eine Strecke von hier bis London. Das macht Lärm, Dreck, Unfälle und was noch dazu gehört. Wir wollen S-Bahnen am Stadtrand und Radwege in der Stadt ausbauen, das verstehen die Menschen. Wenn die Leute manche Wege zusätzlich zu ihren normalen Wegen zu Fuß gehen, klingt das für ein paar komisch. Ljubljana-Innenstadt ist ein gutes Beispiel, da ist der Fußweg-Anteil viel höher als bei uns. Wenn eine Handvoll Leute oder eine Beauftragte der Stadt daran arbeitet, ist das sicher nicht zuviel. Mir ist lieber, wir überlegen, wie wir neue Fußwege machen, als wir müssen uns überlegen, wie wir die Verletzten aus dem Autoverkehr verarzten.
In 15 Jahren leben hier zehn Prozent mehr Menschen. Wien wird zwei Millionen EinwohnerInnen haben. Wir müssen schauen, wie wir die Mobilität aufrecht erhalten. Das werden wir nicht schaffen, in dem wir jedem ein Auto geben. Dieses Konzept der autogerechten Stadt würde heißen wir müssen Häuserzeilen abreißen und neue Straßen bauen. Das sind Träumereien, wenn Leute sich nach den 70er Jahren sehnen und dabei vergessen, dass damals sehr viel weniger Autos waren.

Hier geht’s zum zweiten Teil des Interviews.

Wordrap EllensohnTitelbild und Foto: (c) Georg Marlovics

Barbara Bürscher ist als Redakteurin für mokant.at tätig. Kontakt: barbara.buerscher[at]mokant.at

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