Tex Rubinowitz: Eine lebensverändernde Kuh

(c) Katharina Kropshofer

Der Ingeborg-Bachmann-Preisträger Tex Rubinowitz erzählt im Interview von seiner Karriere, Paarhufern und dem Leben in der Idylle

Beinah täglich ist der Wahl-Österreicher, Zeichner, Autor und Lebenskünstler Tex Rubinowitz am Hallstätter See anzutreffen. Fast schon in „und täglich grüßt das Murmeltier“-Manier sieht man schon von weitem, wie er sich auf seinem Puch-Rennrad nähert, Buch und Handtuch lässig am Gepäcksträger eingeklemmt. Er erzählt uns, dass er heute verkatert ist und wir bringen die Flaschen vom Vorabend zum Altglasmüll. Bevor er seine täglichen Schwimmrunden dreht, setzt er sich für ein Interview zu uns in den Schatten.

mokant.at: Tex, du bist ja schon einige Zeit in Österreich, aber wer hätte gedacht, dass man dich im kleinen Hallstatt antrifft. Wie kommt es eigentlich, dass du hier lebst?
Tex:
Es gibt hier jedes Jahr einen Halbmarathon um den Hallstätter See. Ich bin da mitgelaufen und hab am Marktplatz in einem Hotel gewohnt. Daneben ist so ein kleines Sauflokal in dem ich einmal war und mit einer Kellnerin, mit so Rastahaaren ins Gespräch gekommen bin. „Hey, ich kenn dich“, sagt sie und dann haben wir ein bisschen was getrunken und geredet. Ich bin dann nochmal mit meiner Freundin gekommen und die Kellnerin hat gesagt, dass sie hier weg müsse, weil es ihr hier zu einengend ist. Wir mussten auch raus aus Wien, das ist ja die Hölle im Sommer und immerhin sind wir ja beide 50, zusammen sogar 100. Wir haben uns das Haus der Kellnerin angesehen und es renoviert und das war alles ganz toll, mit allem drin, was man zum Leben braucht: Messer, Gabeln, Waschmaschine,…

mokant.at: Arbeitest Du auch hier?
Tex:
Ich hab ja vor einem Jahr im Juli den Ingeborg Bachmann Preis gewonnen (literarischer Preis der seit 1977 jährlich in Klagenfurt verliehen wird, Anm.) und nicht wirklich geplant, dass ich den gewinnen werde. Ich hab zwar vorher schon geschrieben, journalistisch, aber bin ja eher Zeichner. Ich hab’s einfach ausprobiert, den Text geschrieben und das hat dann eben gewonnen. Mein Lektor war jedenfalls auch in Klagenfurt und hat gemeint, ich könnte eine längere Geschichte aus dem Kurztext, mit dem ich gewonnen habe, machen. Dann bin ich also hierher nach Hallstatt gefahren um abzuschalten und den Rest zu schreiben. (Text zum Nachlesen, Anm.)

(c) Katharina Kropshofer

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mokant.at: Im Text geht es um die erste Freundin des Protagonisten, Irma, und beinhaltet einen 30-jährigen Rückblick. Wie autobiographisch ist der Text eigentlich?
Tex:
Das wollten die Journalisten auch alle wissen, nachdem ich den Preis gewonnen hatte. Und ich Dummkopf sag auch noch „Die gibt’s tatsächlich!“
Die gibt’s ja auch tatsächlich, aber sowas darf man nicht sagen. Man muss das Biografische so aussehen lassen, als ob’s erfunden ist, und das Fiktionale, als ob’s biografisch ist- das ist die Kunst!
Der Text geht jedenfalls aus dieser Episode hervor, die vor 30 Jahren (tatsächlich) in Wien stattfand und er geht so weiter, dass mich Irma über Facebook kontaktiert und ich mein Leben sozusagen unter der Lupe betrachte: Warum war ich so komisch vor 30 Jahren mit dieser Irma? Was hat die bei mir ausgelöst?
Jungs in diesem Alter, Anfang 20, sind ja total tollpatschig. Ich wollte dann in der Geschichte als Erzähler definieren, wieso das damals so komisch war in Kindheit und Jugend, und dann rekonstruieren, was danach daraus geworden ist.

mokant.at: Hast du bzw. hat der Protagonist die Freundschaftsanfrage dann eigentlich beantwortet?
Tex:
Ähm, im Buch? Ja, natürlich! Ich bin auch nach wie vor mit ihr befreundet.

mokant.at: Hast du ihr den Text zuerst zu lesen gegeben?
Tex:
Davor nicht. Es kommt eine sehr ungemütliche Situation vor, in der ich ihr ins Gesicht schlage. Das ist wahnsinnig grausam und ich wusste nicht, was ich da eigentlich mache. Ich hab noch nie einen Menschen geschlagen, das ist Wahnsinn. Dafür bin ich viel zu ängstlich. Aber ich hab sie in dem Moment geschlagen, und das war ein ganz bizarrer Schlag. Sie war entsetzt! Ich hab geheult, sie hat nicht geheult und wir haben uns nur angeschaut und uns gefragt was das gerade war. Es war sehr traumatisierend für mich und ich musste das unbedingt loswerden. Ich hab es in einen Text verpackt und ihr geschickt, weil ich mit ihr nicht wirklich drüber sprechen konnte. Sie war immer die Stärkere und in dem Moment war sie die Schwächere. Da hab ich sie geschlagen, weil ich sie nicht als die Schwächere haben wollte. Der Schlag war dann mehr ein „Wach auf!“ Ich hätte sie auch rütteln können, aber es war ein nicht steuerbarer Affekt. Nachdem ich beschlossen hatte, den Text zu schreiben, hab ich gewusst: jetzt oder nie. Ich hab so eine große Öffentlichkeit, ich schreib dieses Trauma auf, damit ich’s auch für mich verarbeite und ich ihr zeigen kann, dass ich unter dem Schlag auch gelitten habe. Ich hab auch mich selbst damit geschlagen. Sie spricht nicht sehr gut Deutsch, ich weiß nicht, ob sie das je begriffen hat.

mokant.at: Weiß sie, dass das Buch an sie gerichtet ist?
Tex:
Das weiß sie ganz genau! Es kommt eine Szene vor, wo wir im U4 sind und der Song Madame Butterfly von Malcolm McLaren läuft. Das war unser Lied.
Ich denk schon, dass sie es gelesen hat, aber ich weiß nicht, ob sie bereit ist, sich darauf einzulassen. Es ist seltsam, weil wir auch irgendwie noch verliebt ineinander sind. Die Sache ist ganz komisch unausgesprochen, aber es war sehr unsexuell, was wir da hatten. Ich finde das wahnsinnig lustig, dass sie jetzt sehr sexualisiert ist. Natürlich auch schade für mich, dass ich das nicht erlebt hab, aber ich würd auch jetzt nicht mehr zu ihr fahren und da anknüpfen wollen.

mokant.at: Stimmt es, dass du leidenschaftlicher Fernseher bist?
Tex:
Ja genau! Irma geht sehr viel raus und sehr viel tanzen, für sie ist Fernsehen profan und Zeitverschwendung. Ich benutze Fernsehen ganz anders. Ich brauche das als Geräuschtapete und schau‘ da gar nicht richtig hin. Am besten sind möglichst starre Formate, nichts Spannendes wie HBO, sondern eher so etwas wie Ein Fall für 2, oder Derick (deutscher Fernsehkrimi 1974-1998, Anm.). Sogar Tatort ist mir viel zu spannend und viel zu gut. Es muss etwas Künstliches sein, aber schlecht und hölzern, das so dudelt. Bei Derick wurde in 30 Jahren nicht ein einziges Mal geschossen. Die standen immer nur da und fragten „Wo waren sie gestern zwischen 22 und 23 Uhr?“ Diese Kulisse ist für mich beruhigend und dann brauch‘ ich immer einen Stift und muss zeichnen, muss immer in Bewegung bleiben. Eine Art Säuglings-Programm. Nur so kann ich zeichnen. Wenn du mir jetzt sagen würdest, ich soll dir was zeichnen, könnte ich das gar nicht.

(c) Katharina Kropshofer

(c) Katharina Kropshofer

mokant.at: Brauchst du das Fernsehen dann wegen den Bildern oder wegen dem Ton? Du könntest ja auch Radio hören.
Tex:
Nein, Radio ist mir zu kompliziert und zu raffiniert. Bei den Serien ist das ja extra so gebaut, dass man nicht viel Denken muss. Die Sätze sind oft wahnsinnig banal, dass die dann aus dem Kontext genommen, in meine Zeichnung eingebaut werden können. Das ist meine Arbeitsmethode. Wenn ich mit meinen Büchern toure, dann gibt es immer eine Schlange von Leuten, die das signiert haben wollen. Ich biete dann immer an, ihnen etwas zu zeichnen. Erst viel zu spät hab ich gemerkt, dass ich so ja gar nicht zeichnen kann. Deswegen hab ich vier Motive einstudiert, die immer wieder kommen und die auch schnell gehen:

Eine Katze. Die Reaktion: „Ma schau! Der zeichnet eine Katze!“
Ein Gesicht. Die Reaktion „Ma schau! Der zeichnet noch eine Katze!“ Nein das ist keine Katze, das ist ein Gesicht. Ein Mund, drei Augen, zwei Nasen.
Ein Huhn mit Sektglas in der Hand. Das kommt auch immer gut an.
Und eine Eule. Die ist neu.
Und immer unterschreiben.

Dieses Programm hab ich mir zurecht gelegt und deshalb glauben die Leute immer, ich bin super spontan. Bis ich in Graz kürzlich einer Frau die Katze gemalt hab‘ und sie dann nochmal mit einem Buch kam. Dann hab ich ihr nochmal die Katze gezeichnet und sie war ganz enttäuscht. So viel zu Spontanität.

mokant.at: Jetzt haben wir Dein Geheimnis gelüftet!
Wie holt man sich in einer 780 Einwohner Gemeinde wie Hallstatt eigentlich seine Inspiration?
Tex:
Zum Zeichnen brauch ich keine Inspiration! Da reicht ja dieses unterbewusste Labern aus dem Fernsehen.
Zum Schreiben hab ich alles im Kopf. Es geht meistens um Sex und Sex-Verhinderung. Ich hab keinen Sex. Das Über-Sex-Reden macht einfach mehr Spaß als es zu machen. Das ist mein Sex-Ersatz. Ich find es ja wahnsinnig lustig, wie Leute miteinander reden, auch währenddessen. Es gibt Leute, die quasseln die ganze Zeit über alltägliche Sachen, zum Beispiel, dass die Milch aus ist. Andere reden gar nicht und wenn man sie dazu auffordert, dann glauben die, sie müssen etwas Schmutziges sagen.

mokant.at: Kannst du in diesem touristischen Ort überhaupt zur Ruhe kommen?
Tex
: Ich habe mich hier quasi im Auge des Sturms niedergelassen. Da wo ich wohne ist es nämlich im Vergleich zur Hauptstraße ruhig. Im Zentrum von Hallstatt werde ich nur von den Asiaten inspiriert. Asiatinnen. Speziell Japanerinnen. Ich finde japanische Frauen wahnsinnig schön, weil sie sich besser kleiden, als zum Beispiel deutsche Touristen. Die sind ja sichtbar schlecht gekleidet im Helmut-Kohl-Style mit Socken in Sandalen und ähnlichem. Das gibt es in Japan nicht! Es wäre dort undenkbar, haarige Männerbeine zu zeigen. Ich finde die dicken Haare der Japanerinnen sehr schön und auch ihre Schamhaare. Die sind im Gegensatz zu unsren Gekräuselten lang und glatt. Ich will dir da jetzt nicht zu nahe treten, bei mir ist das zumindest so!
Mit so was beschäftige ich mich halt (lacht).

(c) Katharina Kropshofer

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mokant.at: Erkennen dich die Leute eigentlich auf der Straße?
Tex: Nach Bachmann schon, da haben mich die Leute auch mehr angesprochen. Auch meine Nachbarn in Hallstatt lesen und schauen das dann, obwohl die sowas sonst gar nicht interessiert. Für die ist das so eine Art Adelsprädikat, wenn man mal im Fernsehen oder in der Zeitung ist.
Ansonsten erkennen mich die Leute aber eher nicht.
Außer vor 20 Jahren in Wien, da gab es einmal einen bizarren Moment: Vier junge Amerikanerinnen haben mich angesprochen, weil sie mich aus dem Film Before Sunrise (Romantischer Film mit Ethan Hawke und Julie Delpy von Richard Linklater, Anm.) kannten, der ja auch in Wien spielt. Viele Wiener haben da mitgespielt, auch Christoph Grissemann, der wurde aber rausgeschnitten.
Ich hab‘ zur gleichen Zeit in einem Theaterstück eine Kuh mit Rinderwahn gespielt. Das war ein Ganzkörper-Kostüm wo nur mein Gesicht mit Brille rausschaute und mit einem Plastikhandschuh als Euter mit fünf Zitzen.
Ich saß also da beim Casting für Before Sunrise und dann sagt der Regisseur Richard Linklater ich soll mir doch vorstellen, wie zwei junge Leute nach Wien kommen, die sich nicht gut kennen und am flirten sind. Die zwei würden mich dann fragen, was man in Wien so machen kann. Und ich hab halt gemeint, weil die nur Augen für sich haben, wollen die sicher nicht ins Museum. Zu abturnend. Riesenrad, Fiaker? Zu Opern-haft! Aber ich dachte mir, ich könnte ihnen ein Theaterstück empfehlen.
Ich hab Richard erzählt, dass ich eine Kuh in einem Theaterstück spiele. Die Produzentin und er haben richtig gelacht und meinten, dass sie das als Szene für den Film wollen.
Um wieder zur Frage zurückzukommen… Die vier blonden, jungen Amerikanerinnen haben mich dann eben angestarrt und es hat sich herausgestellt, dass sie den Film als Vorbereitung für ihren Wien-Trip geschaut haben.

mokant.at: Eine lebensverändernde Kuh. Wieso wurde Christoph Grissemanns Szene eigentlich rausgeschnitten?
Tex:
Der hat bei der Albertina an einem Würstelstand stehen und Wurst essen müssen. Das wollten sie dann aber doch nicht. Noch schlimmer war’s bei Thomas Edlinger (österreichischer Autor und Radiomacher, Anm.). Der musste am Donaukanal stehen und ununterbrochen rauchen, quasi fünf Stunden lang, weil er einen depressiven Typen gespielt hat. Der war nah dran, einfach in den Kanal zu springen.

mokant.at: Wie ist eigentlich deine Verbindung zu Christoph Grissemann und Willkommen Österreich?
Tex:
Ich war ja zehn Folgen lang der „Mann im Schrank“. Es gab damals eine große ORF-Programm-Reform und die Nachmittagssendung Willkommen Österreich – damals noch so eine Art Heimatprogramm (österreichisches Nachmittags-Fernsehmagazin 1997-2007, Anm.)- sollte rausgeschmissen werden. Der Regisseur David Schalko hat aber gesagt, er will all diese rosa und gelben Wohlfühl-Möbel aus der Sendung haben und sie in die Nacht verfrachten. So ist dann die Idee entstanden, dass Stermann und Grissemann ein dunkles Programm daraus machen. Dabei sollten auch Möbel zerhackt werden und es gab einen Obstkorb, den man bei einem Quiz gewinnen konnte. Die Fragen waren aber absichtlich so schwierig, dass der Korb Woche für Woche stehen blieb, bis die Fliegen darum kreisten. Es sollte immer verwahrloster werden.
Als das also geplant wurde, haben sie mich gefragt, ob ich mitmachen wolle. Ich hab dann gemeint, wenn ich schon mitmache, dann will ich in einem Kleiderschrank sitzen. Ich bekam dann 500 Euro dafür, dass sie zum Schrank gingen und fragten „Herr Baumann, wie geht es Ihnen denn?“ Ich war weiß geschminkt, weil ich ja angeblich schon 23 Jahre dort drin saß und spielte einen muffigen Soziopathen.
So wie ich da rein gekommen bin, bin ich dann auch wieder raus. Dieses Angst-Konzept ist nicht so gut angekommen, und die ganze Sendung wurde reformiert und klappt jetzt natürlich um einiges besser.

mokant.at: Bist du mit Christoph Grissemann auch privat befreundet?
Tex:
Es ist ein wirkliches Unglück, dass ich mit Grissemann ein ganz gefährliches Spiel mache. Wir wetten nämlich. Als ich kürzlich als Gast bei Willkommen Österreich war, hat er mich dazu gebracht, dass ich 100 Euro darauf wette, dass die Finnen den Song Contest gewinnen. Die Finnen hab‘ ich super gefunden, weil sie sehr authentisch waren, aber sie sind ja leider untergegangen und ich habe meine Wette verloren. Vermutlich waren sie zu negativ und es fehlte der Glamour für das schwule Publikum.

mokant.at: Bist du ein Song-Contest-Fan?
Tex:
Ich hatte eine große Ausstellung anlässlich des Song Contests im Leopold Museum. Da hab ich mit Tracey Emin (britische Künstlerin, Anm.) gearbeitet und über 30 Ölgemälde auf Holz gemalt über die Kandidaten des Songcontests, die keine Punkte bekommen haben.
Ich fahr auch gern live zum Song Contest und war in Baku, in Helsinki, in Oslo. Der Song Contest ist ja schwul, schwul, schwul. Das zweite Halbfinale, als Conchita gewonnen hat, hab ich mir beim Public Viewing in Kopenhagen angeschaut und es hat geregnet. Und jetzt kommt’s, ich lüge nicht: Als Conchita gesungen hat – da kommen mir die Tränen – kam die Sonne kurz raus und über dem Public Viewing ist ein Regenbogen gewesen. Ist das nicht irre? Wie bestellt. Ich musste dann natürlich heulen. Wieso bin ich eigentlich nicht schwul? (Und Tex läuft wirklich eine Träne über die Wange.)

Titelbild: (c) Katharina Kropshofer

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Kathi hat Biologie und Kultur- und Sozialanthropologie studiert. Sie findet, dass die Kombination hilfreich ist, um sich professionell über die Menschheit zu wundern.

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