„phil“: Eine Nacht zwischen Literatur, Gartenstuhl und Diskokugel

phil

Teil 8 unserer Lokal Runde: Buchhandlung, Bibliothek oder doch ganz normales Kaffeehaus? Das Rätsel gibt das bunte Ecklokal „phil“ am Beginn der Gumpendorferstraße auf.

Der Herr am anderen Ende der Leitung lacht kurz auf. „Naja, ungefähr acht? Wir müssen schon wissen wie viele Personen kommen“, sagt er dann in eher ernstem Ton. Ich überlege noch einmal und bestätige, dass es bestimmt nicht mehr als acht Personen werden. Auf meine Frage, ob wir denn draußen sitzen könnten, spricht er kurz mit Jemandem und hält den Hörer etwas weiter weg. Zuerst meint er, dass dies nicht gehe, weil zu wenig Platz wäre. Nach einer weiteren Absprache erklärt er mir, wieder in seiner netteren Anfangs-Stimme, dass sie aber alles etwas zusammenrutschen könnten. Ich freue mich sehr darüber und lege auf.

Kurz nach halb acht schlendern wir die Gumpendorferstraße hinunter. Das „phil“ ist mit seinen roten Schirmen sowie etlichen Kletterpflanzen – die sich die Wände hochschlängeln – bereits von Weitem zu erkennen. Um runde Metalltische in allen möglichen Farben stehen bunte Gartensessel gereiht. Die Tischreihe zieht sich den ganzen Gehsteig vor dem Lokal entlang und zaubert eine farbenfrohe Abwechslung auf den Asphalt. Am Tisch, der für uns reserviert ist, sitzt bereits ein Mädchen aus unserer Runde. Wir nehmen ebenfalls daran Platz und bemerken, dass die restlichen Tische vor dem „phil“ gänzlich besetzt sind. „Gute Idee zu reservieren“, meint jemand aus unserer Runde, „hier ist es irgendwie immer voll“.

(c) phil

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Langenscheidt und Wuzeltabak
Ein junger Kellner kommt und nimmt unsere Bestellung auf. Als er wieder nach Innen geht baumelt das Geschirrtuch, das seitlich an seiner Hose befestigt ist, hin und her. Der zweite Kellner sitzt gerade an einem Tisch vor dem Lokal und unterhält sich mit einem Gast. Ansonsten sind viele der Gäste alleine hier, fällt uns auf. An dem einzigen Stehtisch tippt eine Frau in ihren Laptop und nippt an ihrem hohen Weißweinglas. Ein junger Herr mit Kappe neben uns starrt vertieft in ein Buch auf seinem Schoß. Neben seinem noch gut gefüllten Bierglas und einem Päckchen Wuzeltabak komplementieren ein aufgeschlagenes Reklambuch sowie ein dickes Langenscheidt Wörterbuch das Bild. Erst jetzt erkennen wir, dass an fast jedem Tisch ein Buch liegt oder von jemandem gelesen wird.

Obwohl das Lokal nicht sehr groß ist, führen zwei Eingänge in das Innere. Der rechte Zugang führt direkt an die Bar, über der ein Leuchtkasten mit der Aufschrift „Alexanderwerk“ hängt. Den restlichen rechten Teil des Raumes nehmen zusammengewürfelte Tische, Bänke sowie Stühle ein. Auf jenen sitzen viele junge Menschen, die in ihre Lektüre vertieft sind oder gedämpfte Gespräche führen. An der hohen Decke fangen etliche Glaslampen unterschiedlicher Art, den Blick des Betrachters ein. In einer Nische dreht sich eine große Diskokugel um sich selbst und zaubert kleine Lichttupfen in den Raum. Die Wände sind teilweise mit Postern verziert. Hauptsächlich jedoch ragen hohe Bücherregale bis unter die Decke. Der linke Teil des Raumes zieht den Blick auf die unzähligen Buchrücken, die eng aneinander gereiht dastehen.

(c) phil

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Ohne Bücher – kein „phil“
Hinter dem Verkaufstresen gleich neben dem linken Eingang an der Ecke des Lokals, stehen die zwei Besitzer Anete und Christian. Sie wirken sehr nett und geben mir gerne Auskunft. Ich bekomme die Telefonnummer von Anete, da Christian lachend meint er beantworte immer nur die E-Mails. Als wir am nächsten Tag telefonieren erklärt sie mir, dass der Name „phil“ von der griechischen Vorsilbe übernommen ist, die „freund“ oder „liebend“ bedeutet. Auf meine Frage, ob das „phil“ eher ein Kaffeehaus oder ein Buchgeschäft sei, antwortet mir Anete „Ohne Bücher gäbe es das phil nicht“. Hier zu verweilen, ein Buch zu lesen und die Möglichkeit zu haben es danach zu erwerben mache das Lokal aus. „Das Besondere ist die Vielfalt, die hier gelebt wird“, erzählt mir die Besitzerin.

Als es etwas später wird, nimmt die Anzahl der Gäste an den Tischen zu und damit auch die Lautstärke der Gespräche. Obwohl sich die Tischreihe direkt neben etlichen geparkten Autos sowie der recht befahrenen Straße befindet, fühlt es sich trotzdem wie eine kleine grüne Oase an. Zahlreiche Menschen sind auf den Straßen unterwegs. Viele von ihnen blicken begeistert in die hell erleuchteten Glasvitrinen des „phil“. Die Mischung aus Buchhandlung und Bar scheint einige zu überraschen. Je weiter der Abend fortschreitet, desto eher wird das Lokal für Trinken und Beisammensitzen genutzt, so jedenfalls unser Eindruck. Wie mir Anete am Telefon erzählt „sind die Bücher das Herzstück des phil“. Das Geheimnis des Lokals liegt wohl darin, das Rätsel, ob Buchhandlung, Bibliothek oder Kaffeehaus, nicht ganz lösen zu können. Und das muss eigentlich auch gar nicht sein.

Titelbild: (c) phil

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