Catastrophe & Cure: „Wir sind Understatement“

Foto: (c) Martin Kaufmann

Mit ihrem zweiten Album (Undeniable/Irresistible) haben die Oberösterreicher ihren Indiesound erweitert und klingen elektronischer und komplexer als am Debut.

Alles begann vor drei Jahren: Die Burschen von Catastrophe & Cure schicken 2012 ihren Song Shipwreck an FM4, damals noch ohne eigenes Label. Es folgt ein Amadeus Music Award und ein Auftritt am Frequency Festival 2013. Im Frühling dieses Jahres haben sie ihr neues Album Undeniable/Irresistible veröffentlicht und touren momentan durch Österreich. Wir haben sie am rockarize! Festival in Weitra getroffen. Catastrophe and Cure im Interview über ihre musikalische Sozialisierung, Blut und Schweiß im Studio und warum sie vielleicht einem Musikjournalisten die Freundin ausgespannt haben, ohne es zu wissen:

mokant.at: Man bekommt das Gefühl, Oberösterreich ist momentan ein guter Nährboden für gute und erfolgreiche österreichische Musik. Warum ist das so?
Johannes Eder: Prinzipiell glaube ich schon, dass aus allen Bundesländern guter und brauchbarer Output kommt. Oberösterreich ist jetzt natürlich durch Bilderbuch sehr im Fokus. In einer Kleinstadt wie Steyr (Heimatort von Catastrophe & Cure, Anm.) ist man gewissermaßen ein wenig abgeschieden. Es gibt nicht so viel was man in seiner Freizeit machen kann und die Beisl‘n sind an einer Hand abgezählt. Insofern geht man dann zum Fußballverein oder macht Musik, wie das eben bei uns der Fall war. Außerdem ist die Infrastruktur fürs Musikmachen ziemlich gut, so gibt es etwa das Röda in Steyr, wo man als Band seine ersten Gehversuche wagt.

Foto: (c) Martin Kaufmann

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mokant.at: Ihr habt Bilderbuch angesprochen, die starten auch in Deutschland gerade ziemlich durch. Wieso bewegt sich in der österreichischen Musikszene in den letzten Jahren so viel?
Sebastian Kargl: Bilderbuch haben einfach den Nerv der Zeit getroffen. Das passt einfach gut und die Zeit war reif dafür.
Johannes: Ich glaube nicht, dass es jetzt mehr wird als früher, das war alles schon lange da. Es wird momentan der Fokus verstärkt darauf gelegt. Das verdankt man dann teilweise so großen Bands, die international durchstarten oder diesen einen Überhit haben, damit die Leute dann neugierig werden und erkennen, dass es auch andere Bands gibt.

mokant.at: Glaubt ihr, dass es in Österreich vielleicht auch an einem Generationenwechsel liegen kann? Der klassische Austropop liegt lange genug zurück und jetzt machen sich die Leute auf die Suche nach neuen Sachen?
Johannes: Ich bin mir nicht ganz sicher, wie gut der Begriff „Austropop“ passt. Musikalisch ist das eine andere Dimension. Klar werden Parallelen gezogen und Falco wird zitiert, aber ich glaube schon, dass sich die Bands mit einer neuen Eigenständigkeit auszeichnen. Jede Generation bringt wieder etwas Neues mit. Viele von den österreichischen Bands gibt es schon lange, das war eine Entwicklung, die eher schleichend passiert ist.

„Alle paar Jahre kommt etwas daher, das mich total flasht“

mokant.at: Ihr habt auf Facebook eine Liste mit Bands, die ihr selber gut findet. Das sind alles internationale Künstler. Welche österreichische Band findet ihr gerade richtig gut?
Johannes: Ich muss ehrlich sagen, dass ich davon eher wenig höre. Das liegt daran, dass ich einfach prinzipiell wenig deutschsprachige Musik höre, da bin ich anders sozialisiert. Bilderbuch haben wir aber schon mehrmals live gesehen. Die haben eine fette Show und man merkt, dass die Leute daran Spaß haben.
Sebastian: Es gibt schon viele neue Bands, die extrem geil sind. Leyya und Ant Antic gefallen mir sehr gut, auch die Jungs von Farewell Dear Ghost sind coole Typen. Es gibt mittlerweile einen riesigen Pool aus unbekannteren Bands, die wirklich coole Musik machen.
Johannes: Die Bands, die wir auf Facebook genannt haben, würde ich als prägend für uns beschreiben. Das sind halt vorwiegend internationale Acts, weil sich diese Einflüsse in der musikalischen Sozialisierung eines Menschen ja meist ziemlich früh herauskristallisieren.

Foto: (c) Martin Kaufmann

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mokant.at: Ihr habt in diesem Zusammenhang in einem Interview Radiohead und Arcade Fire angegeben. Wie gefallen euch da die neuen Sachen?
Sebastian: Also mir gefällt das aktuelle Album von Arcade Fire etwa sehr gut. Das Solomaterial von Thom Yorke finde ich auch richtig klasse.
Johannes: Ich finde, die neuen Sachen haben durchaus ihre Berechtigung. Bei Radiohead waren aber die alten Alben viel prägender, OK Computer, Kid A oder Amnesiac. Bei Arcade Fire finde ich die neue Scheibe ziemlich cool, aber sie hat mich auf einer persönlichen Ebene nicht ganz so gepackt wie etwa der Vorgänger, The Suburbs. Bei mir dauert es meist etwas, bis ich mich völlig für etwas begeistere. Alle paar Jahre kommt aber musikalisch wieder etwas daher, das mich total flasht.

mokant.at: Ich habe nach diesen beiden Bands gefragt, weil sie bei ihren letzten Alben eine ähnliche Entwicklung wie ihr durchgemacht haben: Der Sound ist elektronischer und beatlastiger geworden. Wie war bei euch dieser Entscheidungsprozess?
Sebastian: Das hat sich schon sehr früh herauskristallisiert, vor allem weil wir seit dem ersten Album mit unserem neuen Keyboarder, Maximilian, unterwegs sind. Der hat seine Einflüsse natürlich in den Aufnahmen miteingebracht. Der Prozess des Songwritings gipfelte dann im Studio, wo wir auf verschiedene Synthesizer oder analoge Geräte zugreifen konnten.
Johannes: Im Studio sind wahnsinnig viele Synthesizer herumgestanden, das war für uns so, als wären wir im Spielzeugladen. Natürlich willst du möglichst viel ausprobieren und baust das dann ein, es soll aber gleichzeitig noch nach Band klingen und nicht nach einem elektronischen Soloprojekt. Diese neue Richtung hat sich einfach so ergeben und wir wissen selbst noch nicht, wohin das in Zukunft führt.

„Du spielst einfach ins Blaue hinein“

Foto: (c) Martin Kaufmann

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mokant.at: War das zweite Album insgesamt schwieriger zu machen, zumal ihr jetzt die große Auswahlmöglichkeit im Studio angesprochen habt?
Johannes: Ja, es war wesentlich schwieriger. Das erste ist eher intuitiv entstanden, wir hatten die Aufnahmen in einem Monat abgeschlossen. Beim aktuellen Album war das viel aufwändiger, wir haben fast 1,5 Jahre an den Songs gearbeitet. Dabei kann man sich total verrennen.
Sebastian: Stimmt, der Punkt an dem du zum Abschluss kommst, ist beim Debut einfach viel leichter. Irgendwann muss man es absegnen und aus der Hand geben, das fällt beim zweiten Album deutlich schwerer. Man ist an gewissen Erwartungshaltungen gekoppelt, sowohl an den eigenen als auch an die des Publikums. Das gab es beim ersten Album nicht, du spielst einfach ins Blaue hinein und schaust was passiert.
Johannes: Man handelt außerdem nicht mehr nur aus einem Impuls heraus, es kommt viel mehr Überlegung hinzu. Dadurch sind auch viele Songs so geworden, wie sie jetzt eben sind, aber es kann auch ein ziemlicher Fluch sein. Im Nachhinein würde man immer ein paar Sachen anders machen, das muss man als Musiker selbst durchleben: Es kann dir ein noch so erfahrener Produzent sagen: „Mach das anders“, aber da musst du echt selber draufkommen. Das kann nervenaufreibend sein, aber am Ende steht ein Lernerfolg.

mokant.at: Was war etwa ein solcher Lernprozess beim neuen Album?
Sebastian: Die Herangehensweise hat sich verändert. Beim ersten Album war alles sehr intuitiv, wir haben alles live eingespielt. Beim neuen war das viel zergliederter. Wir haben uns jedes einzelne Instrument herausgepickt, alle möglichen Parameter angeschaut und geprüft, ob es harmonisch stimmt. Wir haben viele Parts auch weggeschmissen und neu gemacht.
Johannes: Der Prozess war echt cool, man lernt eine gewisse Analysefähigkeit. Im Moment doktern wir an neuen Songs herum, da können wir das viel schneller abrufen.

Im zweiten Teil sprechen Catastrophe & Cure über Blut und Schweiß im Studio und ihre Hater

Markus Füxl studiert Publizistik- und Kommunikationswissenschaft in Wien und ist als Redakteur für mokant.at tätig. Kontakt: markus.fuexl[at]mokant.at

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