Philosophische Praxis: Das Leben im Gespräch (2)

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Ein unspezifischer Praktiker
Die Methode des Gesprächs ist neben der Philosophischen Praxis auch in der Psychotherapie üblich. Die Abgrenzung ist  innerhalb der Branche ein viel diskutiertes Thema. Martin Poltrum arbeitet als Psychotherapeut und Philosophischer Praktiker. Er ist am Anton-Proksch Institut tätig. Seine Schwerpunkte sind Sucht- und Burnout-Erkrankungen. In seiner privaten Praxis begleitet er Menschen mit verschiedensten Anliegen. Für Martin Poltrum ist Philosophie mit Psychotherapie eng verbunden. Er merkt aber an, dass er ein unspezifischer Philosophischer Praktiker ist.

Zusatzinfo: Das Anton Proksch-Institut ist laut eigener Webseite die größte Suchtklinik Europas. Neben der Patientenbehandlung gibt es Fortbildungen und Forschung zum Thema Sucht.

Die theoretische Grundlage des Studiums wirkt sich unweigerlich auf seinen Beruf aus. „Wenn man zehn Jahre intensiv Philosophie studiert, geht es gar nicht anders, als dass man das eigene Leben und das der Patienten mit der angeeigneten Weltanschauung sieht.“ Philosophie sei immer schon mehr gewesen als trockene Theorie. Philosophie sei Nachdenken über das Leben, Lebensberatung und Lebenspraxis. Er versuche im Dialog mit seinen Patienten unter anderem Welt-, Selbst- und Gottesbilder und persönliche Ziele zu hinterfragen. Die eigentliche psychiatrische Diagnose sei im Gespräch nebensächlich.

Berufliche Identität schaffen
Leo Hemetsberger und Martin Poltrum wirken mit gleicher philosophischer Grundlage in unterschiedlichen Bereichen. Das Studium liefert eine breite Grundlage, aber keine genaues Berufsbild. Das soll sich ändern. An der Universität Wien läuft seit Oktober 2014 ein Postgraduate Lehrgang, der zum „akademisch geprüften Philosophischen Praktiker“ ausbildet. Ziel sei es, Qualitätsstandards und ein konkretes Berufsbild zu schaffen, sagt Donata Romizi, die Wissenschaftliche Koordinatorin des Lehrgangs.

Philosophische Praxis sei keine Lebensberatung. „Es geht nicht darum, Bedürfnisse zu erfüllen, sondern in Frage zu stellen. Manchmal macht die Philosophie das Leben auch schwerer.“ Sie sieht es kritisch, dass eine Tendenz besteht, Menschen mit Fragen oder Problemen als  krank zu sehen. In diesem Bereich ist das philosophische Gespräch eine Möglichkeit der Selbstreflexion. Es sei aber wichtig, zwischen Alltagsproblemen und ernsthaften psychiatrischen Erkrankungen zu unterscheiden. Bei schwerwiegenden Depressionen sei ein Praktiker keine Lösung.

Philosophische Praxis ist mittlerweile ein internationales Phänomen. Auf Kongressen kommen Vertreter aller Länder zusammen. Sie diskutieren über ihr berufliches Selbstverständnis und tauschen sich über Formen und Methoden aus.

Titelbild: flickr.com/faungg’s photos (cc)

 

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