Und Überhaupt: Sommer in der U6

In der Kolumne UND ÜBERHAUPT schreibt sich unsere Kultur-Chefin Sabrina (semi-)regelmäßig ihre Gedanken zum Leben und Leben Lassen von der Seele.

Damit nicht ein falscher Eindruck entsteht: Eigentlich geht’s hier um die U5. Aber da es die offiziell noch nicht gibt, wird mir die U6 verzeihen, wenn ich sie stellvertretend für den Wiener-Linien-Fötus thematisiere. Da sie es als große Schwester gewohnt ist, die ganze Frustration abzukriegen, nimmt sie’s mir nicht übel. Und wenn doch, dann kann die Rache eigentlich nicht schlimmer sein als der Zustand in dem sie mich heute Nachmittag im asthmatisch stickigen (Get Rich or Try-)Meidling ausgespuckt hat.

Und überhaupt: Eigentlich geht’s schon um die U6. Weil der Sommer ist halt am allerschlimmsten, wenn er in der U6 passiert.

Es mag daran liegen, dass sie von Nord nach Süd alle Gürtelghettos abgrast und auf dem Weg von Flodorf nach Liesing einfach allen Dreck mitnimmt, den andere U-Bahnen liegen lassen. Und mit Ghettodreck mein ich vor allem den im Abschnitt zwischen Alser Straße und Burggasse: Dort türmen sich nämlich die ganzen Wegwerfbrillen und halbgerauchten American Spirit, die nach nem halben Gin Tonic und ner ganzen fritz-limo zuviel vergessen werden, weil man sie in Wahrheit nicht braucht. Es mag auch daran liegen, dass die U6 eine verdammte Lügnerin ist und eigentlich über der Erde und eigentlich in der prallen Sonne ihre Runden fährt. Mitunter liegt es auch daran, dass die linientypische Farbe schon von vornherein unerwünschte Flecken und “Wäh” suggeriert.

Das Schöne an der U6? Es herrscht eine gewisse Grundsolidarität unter den Menschen. Jeder weiß, dass jeder stinkt und es kann nicht jeder jedem bös’ sein und sich jeder von jedem wegsetzen. Folglich ist der U6-Sommer, in all seiner pickigen, müffligen Genervtheit, eine sehr einträchtige Jahreszeit. In der Eigentlich-Nicht-U-Suppe, die so ein 35-Grad-Freitagnachmittag ist, verschmelzen wir auch irgendwie alle zu einem nicht veganen Personenbrei – egal ob Fleischkloß oder Nudel. Nur noch sehr grob lässt sich trennen, wer einfach sehr kreislaufstabil und/oder dämlich ist und/oder wer einfach hier sein muss, weil das Leben ihm den Finger zeigt.

Auf mich treffen beispielsweise alle Und-Oder-s zu: Ich bin relativ hitzebeständig, dämlich genug, noch Freitag Nachmittag ins Heimatkaff abzudüsen statt Samstag Früh, und ich konnte nicht früher aus der Arbeit weg. Best of all worlds, quasi. Das Einzige, das mich in meiner Not verrät, ist meine unverbesserliche Mischhaut. Denn trotz meiner sonnenbrandfreien Feldarbeiter-Konstitution (Danke, Papa!) befindet sich meine Gesichtshaut offenbar bis zur Menopause in ihrer Pubertät und lässt mich so ganz unromantisch schimmern, sobald ich fünf Minuten in der sommerlichen Stadtwildnis verbringe. Oder drei Minuten in der U6. Grund genug, bei dem Wetter Make-Up zu tragen, ist das aber nicht. Das Puder gibt bei 37 Grad zwangsläufig auch w.o. und die zerschmolzene Wimperntusche zaubert mir höchstens noch dunkle Augenringe dazu. Gah!

Weil überhaupt: Deine Mudda is in Menopause! In der U6.

Titelbild: (c) Katharina Egg

Sabrina Freundlich ist stellvertretende Chefredakteurin von mokant.at. Sie beschreibt sich als writeophile and fortune cookie lover. Kontakt: sabrina.freundlich[at]mokant.at

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