„Café Anzengruber“: Eine Nacht zwischen Tradition, Wein und Gulasch

Café Anzengruber

Teil 4 unserer Wiener Lokal Runde: Diese Woche hat mokant.at einen sommerlichen Abend bei Wein und Gulasch im „Café Anzengruber“ verbracht

An der Kreuzung im Vierten Wiener Gemeindebezirk wo sich Schleifmühlgasse und Mühlgasse treffen, befindet sich das „Café Anzengruber“. Es wird durch ein großes Schild angekündigt, das direkt über der Tür an der Ecke des Hauses angebracht ist. Einige voll besetzte Tische zieren den Gehsteig auf der rechten Seite des Gebäudes. Da es Freitagabend ist, finden wir keine Möglichkeit draußen zu sitzen. Wir sehen dies als Chance vorerst das Innere des Lokals zu erkunden und treten durch den holzvertäfelten Eingang. Der erste Eindruck wird von der Größe und Höhe des Raumes dominiert. Hohe Decken mit Stuck breiten sich über das gesamte Innere des Lokals. Die Fenster werden von dunklen Holzrahmungen ebenfalls nach oben gezogen. Auf ihren Fensterbänken, die sich einladend nach innen recken, stehen zahlreiche Topfpflanzen.

Wir werden von einem der zwei Kellner begrüßt und nehmen an einem kleinen Tischchen auf der linken Seite der Bar Platz. Die Bar formt sich ganz im Stil des Eckhauses zu einem Spitz, der Richtung Tür zeigt und somit präsent im Zentrum steht. Drei rote Barhocker davor vervollständigen das Bild. An den Fenstern reihen sich Sitznischen mit lederbezogenen Eckbänken aneinander. Die weißen Flächen der kleinen Tische heben sich dazwischen stark hervor. Akkurat hintereinander gestellte Tische mit Holzsesseln bilden einen Mittelgang. Obwohl es heute weder kalt noch regnerisch ist, sind die alten Kleiderständer aus Holz voll behängt. Ebenso stehen in den dafür vorgesehen Gefäßen etliche vergessene Regenschirme.

(c) Katharina Rustler

(c) Katharina Rustler

„Tradition und Beständigkeit“
Wie erwartet ist das Innere des Lokals nur vereinzelt besucht. Wir bemerken, wie unterschiedlich das heutige Publikum zu sein scheint. In der Sitznische neben uns unterhält sich eine Gruppe von vier Touristen aufgeregt. Dabei beugen sich zwei Personen der Gruppe bemüht über eine Karte, die in der Mitte des Tisches liegt. Nebenan liest ein älterer Herr vertieft Zeitung und blickt nur ab und zu von dieser auf. Gleich beim Eingang nimmt eine größere Gruppe die Sitznische ein. Der sichtlich dazugehörige große Hund liegt ausgestreckt auf dem Boden daneben. Man hört nur, wie ein Mann „Er ist tiefenentspannt“ mit einem Blick in dessen Richtung meint. Ein junger Herr hat auf der linken Seite des Eingangs Platz genommen und tippt konzentriert in sein Smartphone. Der Blick auf die restliche linke Seite ist uns durch unsere Tischwahl verwehrt. Von ihr vernehmen wir nur sympathisches Lachen.

Zwei Herren sitzen an der Bar, wovon sich einer mit dem Besitzer Tomi unterhält, wie wir später erfahren. Das „Anzengruber“ ist seit dem Jahr 1948 in Familienbesitz und hat bereits seinem Großvater gehört, erzählt uns Tomi. Sie setzen seit jeher auf Tradition und Beständigkeit. „Sonst verfolgen wir eigentlich kein bestimmtes Konzept“, gibt Tomi zu.
Wir entscheiden uns für einen Moment durch die offenstehende Seitentür neben unserem Platz an die frische Luft zu gehen. Erst da entdecken wir wie groß der am Ende des Raumes liegende Raucherbereich ist. Über dessen Eingang erstreckt sich ein gigantisches schwarz-weiß Bild aus Stoff, das altmodisch gekleidete Männer im Kaffeehaus zeigt. In dem abgetrennten Raum sind alle Tische leer. Dafür ist der Raum mit einem Karamboltisch, einer Juke-Box, Regalen voller Bücher sowie einem abgedeckten Klavier ausgestattet. Durch das Equipment sowie abgestellte Kinderstühle und Spielsachen wirkt der Raum leer und voll zugleich. Rechts vor dem Raucherraum steht ein länglicher Tisch, an dem zwei Mitarbeiter aus der Küche Platz genommen haben. Die dahinter liegende Wand ist mit bunten Kinderzeichnungen geschmückt.

Das geheime Gulasch
Nachdem wir die zweite Runde weiße Spritzer bestellen, gesellen sich zwei Freundinnen dazu und wir nehmen in einer freigewordenen Sitznische Platz. Ein Mädchen aus unserer Gruppe erzählt, dass es hier im „Anzengruber“ das beste Gulasch Wiens gebe. Darauf hin bestelle ich ohne in die Karte zu sehen das empfohlene Gericht. Der Kellner bringt gleich Besteck, Salz und Pfeffer sowie ein Körbchen gefüllt mit Gebäck.
Obwohl wir immer wieder überprüfen, ob draußen ein Tisch freigeworden ist, werden wir nicht fündig. Als mein Gulasch an den Tisch gebracht wird, verwerfen wir unsere Idee und beschließen endgültig drinnen zu bleiben.
Nach und nach leert sich das Lokal. Nur ein paar Kinder laufen plötzlich um die Tische und schlagen sichtlich belustigt mit dem Koch ein. Obwohl der Raum so groß ist, sind die Stimmen der anderen wenigen Gäste kaum zu vernehmen. Von draußen dringt lediglich das Geräusch fahrender Autos herein.

(c) Katharina Rustler

(c) Katharina Rustler

Als ich meinen Teller zufrieden aufgegessen habe, kommt gleich der Kellner und räumt ihn ab. Ich kann seine Frage „Hat´s geschmeckt?“ nur mit einem „Super“ beantworten. Tomi erzählt mir später, dass seine Schwester und seine Mutter täglich in der Küche stehen und die Speisen zubereiten. Das Rezept für das Gulasch sei ein streng gehütetes Geheimnis, das nicht weitergegeben wird.
Obwohl es uns langsam doch an die frische Luft treibt, beschließen wir noch auf ein Getränk zu bleiben und erst später das Lokal zu verlassen. Tradition und Beständigkeit eben.

Titelbild: (c) Katharina Rustler

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