„What´s New?“: Eine Nacht in der Wiener Szenekneipe

Die nächtliche Reise durch Wiens Szenelokale beginnt. Diese Woche hat es mokant.at in die Kneipe „What´s New?“ nach Hietzing verschlagen

Das laute Bellen eines Hundes begrüßt uns, als wir die steinerne Treppe, die sich einmal um sich selbst windet, hinuntersteigen. Obwohl uns bereits bei Betreten der obersten Stufe Einsicht in das Lokal „What´s New?“ gewährt wird, offenbart sich das Gesamtbild erst am Ende der Stiege. Es ist kurz nach halb acht und die Kneipe in der Testarellogasse im Bezirk Hietzing wirkt noch recht leer. An der Bar am Kopf des länglichen Raumes sitzen zwei Herren, die uns mit belustigten Blicken mustern. Seitlich reihen sich Sitznischen, von denen nur die vorderste auf der rechten Seite besetzt ist. Eine Gruppe von fünf Herrschaften unterhält sich angeregt und scheint unser Eintreten kaum zu bemerken. Links auf einem Barhocker sitzt ein jüngerer Mann, der seinen noch aufgebrachten Hund wieder auf dessen Platz unter die Sitzbank verweist.

Wir nehmen in der Sitznische, die mit altmodisch gemusterten Polsterungen bezogen ist, auf der linken Seite Platz. Aus einem schmalen Türeingang neben der Bar erscheint der Wirt in einem roten Poloshirt, der uns mit einem breiten Lächeln willkommen heißt und gleich in unsere Richtung steuert. Als wir bestellen, setzt er die Brille, die an einer Schnur um seinen Hals hängt, auf, und notiert sich unsere Getränkewünsche. Er verschwindet sofort hinter der geziegelten Bar, die sich großzügig über den hintersten Teil des Raumes erstreckt. Die Wand dahinter ist mit Spiegelkacheln bekleidet und trägt zarte Regale, auf denen sich unzählige Gläser befinden. Über der Theke, an der sich die zwei Herren gerade zuprosten, sind kleine Lampenschirme und eine weitere Ablage angebracht, auf der etliche Flaschen mit Spirituosen thronen. Obwohl es draußen noch hell ist und viel Licht in die Bar einzudringen scheint, wirkt der Raum trotzdem dunkel. Schwere Holzvertäfelungen zieren die gesamten Wände des Raumes und werden nur durch weitere Spiegelquadrate unterbrochen. Kleine Laternen und bunte Kerzen geben dem ganzen einen gewissen Charme.

„Du willst ja wissen, was gibt’s Neues!“
Der Wirt kommt mit unseren Getränken und legt, bevor er uns diese behutsam hinstellt, jeweils einen Bierdeckel auf den Tisch. Wie wir später erfahren, heißt er Walter und ist der Lebensgefährte der Inhaberin der Bar „What´s New?“. Walter und Heidi wohnen beide in einer Wohnung direkt über dem Lokal und haben jenes vor beinahe zwei Jahren übernommen. „Wir waren halt früher selber Gäste da und haben gesehen wie der Vorbesitzer das Lokal hinunter wirtschaftet. Dann haben wir gesagt, wir würden es gern nehmen“, erzählt uns Walter mit ruhiger Stimme. Den alten Namen „What´s Up?“ änderten sie dann in „What´s New?“ und erneuerten das gesamte Interieur. „Der Name ist genau treffend für das Lokal. Warum gehst du in eine Bar? – Du willst ja wissen, was gibt’s Neues!“

(c) Gerhard Baschant

(c) Gerhard Baschant

Von dem besetzten Tisch auf der rechten Seite hallt heiteres Gelächter durch den Raum, als sich eine Dame dazugesellt, die eben gekommen ist. Kurz scheint die Gruppe nicht zu wissen, wo sich diese dazusetzen soll und modifiziert unter großer Belustigung ihre vorherige Sitzordnung. „Hau di´umme, zur Traudi“, sagt ein älterer Herr mit Zigarette in der Hand, mit der er auf den Sitzplatz neben einer Dame deutet. Als sich die Situation beruhigt hat, begrüßt Walter die Dame freundlich und nimmt gleich ihre Bestellung auf. Der junge Mann mit dem Hund unterhält sich mit einem der Herren an der Bar. Beide bejahen die Frage nach noch einem Bier von Walter fast beiläufig. Im selben Moment zapft dieser zwei große Krügel und lässt währenddessen seine Zigarette gekonnt aus seinem Mundwinkel hängen.

Zwei weitere Männer betreten das Lokal und werden von beinahe allen anderen Gästen begrüßt. Die Meisten von ihnen scheinen sichtlich öfter hierher zu kommen. „Wir haben eine ganz besondere Beziehung zu unseren Stammgästen. Wir haben auch zu 80 Prozent Stammgäste, die uns aus vielen Gründen schätzen. Ich sag mal, es gibt keine umgänglichere Wirtin als die Heidi“, gibt uns Walter mit einem Lächeln preis und hebt eine schwere Bierkiste mit der er wieder in der seitlichen Türe verschwindet.
Im Hintergrund läuft kaum merkbar das Radio und das Lied „Sweet Home Alabama“ ertönt, als eine Gruppe junger Burschen die Stiegen hinunterkommt und sich gleich an den vordersten Tisch setzt. „Jetzt kommt die Jugend“, hört man von der Bar rufen.

„…wie die Swarovski halt!“
Ohne es bemerkt zu haben, schwirrt plötzlich eine rothaarige Dame durch das Lokal und räumt leere Gläser von den Tischen. Heidi bringt uns auf unsere Nachfrage neue Getränke und stellt uns gleich einen frischen Aschenbecher auf den Tisch. Dies wiederholt sie, nachdem sie die neue Gruppe bewirtet hat, gleich bei allen Anderen. Beinahe jeder Gast an diesem Abend scheint zu rauchen, wodurch die Schwere der Luft mit fortgeschrittener Stunde merklich zunimmt. Die Musik wird nun etwas lauter gedreht und auch der Alkoholpegel der Gäste scheint zu steigen. Die Stimmung ist ausgelassen und vor allem der junge Mann mit dem Hund wirkt ausgelassener als zuvor.

Als dieser sein Gespräch an der Bar beendet hat, schwenkt er seinen Blick in unsere Richtung und lässt sich in der leeren Nische gegenüber von uns nieder. Er erzählt uns stolz, dass er beinahe täglich ins „What´s New?“ komme, da er auch in der Nähe wohne. Der junge Mann scheint sichtlich interessiert an einem Mädchen aus unserer Runde und befragt zuerst sie und dann auch höflichkeitshalber alle anderen nach deren Studienrichtungen. Auf die Antwort, dass ich Publizistik und Kunstgeschichte studiere, rümpft er die Nase und schüttelt den Kopf. Da er meinen irritierten Blick bemerkt, entgegnet er „Naja, Kunstgeschichte Studieren ist schon gut, wie die Swarovski halt, aber Publizistik…naja, so Kommunikation, wie das jetzt, dazu brauch ich doch kein Studium!“ Mein Gegenargument wartet er gar nicht ab und erzählt uns stattdessen, dass er auf der WU leider nicht fertig studiert habe und jetzt Fußballer sei.

„Da spürt man das Leben so richtig!“
Wie aus dem Nichts setzt sich plötzlich ein großer Mann mit lockigen grauen Haaren und Badehose an den Tisch unseres Gesprächspartners, begrüßt diesen kurz mit Handschlag und schiebt sich eine ganze Hand voll gesalzener Erdnüsse, die in einem länglichen Glas auf dem Tisch stehen, in den Mund. Als unser neuer Freund bemerkt, dass sich durch den neuen Gast unsere Aufmerksamkeit von ihm abzuwenden droht, bestellt er bei Heidi weiße Spritzer für uns. Noch bevor wir uns für die nette Einladung bedanken können, bringt uns Heidi die neuen Getränke. „Wie bei Herzblatt. Prost eins mit Herz, Prost zwei ohne Herz und Prost drei mit Leber“, meint der junge Mann angeregt, als wir mit ihm anstoßen. Während er uns erzählt, dass er neun von zehn Personen im „What´s New?“ kenne, aber sich trotzdem nicht als Stammgast sehe, füttert er seinen Hund mit den restlichen Erdnüssen. „Nüsse sind ja gut fürs Hirn“, lacht er und streichelt seinen Gefährten.

Einige der Gäste verlassen das Lokal und es wird ruhiger. Als wir bemerken, wie spät es ist, beschließen wir ebenfalls zu gehen. Nachdem wir bezahlt und uns von Heidi und dem jungen Mann mit einem freundlichen Winken verabschiedet haben, prostet uns einer der Herren an der Bar mit einem Stamperl zu. Gekonnt kippt er dessen Inhalt hinunter und verkündet lächelnd „Da spürt man das Leben so richtig!“ Wir steigen die gewundene Treppe zum Ausgang hinauf und blicken noch einmal in das nun fast leere Lokal zurück.

 Titelbild: (c) Gerhard Baschant

Reportage: Katharina Rustler

katharina.rustler@mokant.at'

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