Selbstversuch: Don’t call me maybe

Foto: Lukas Unger

Ein echter Alleskönner – mit dem Smartphone wird kommuniziert, gelesen, gespielt und navigiert. Doch kommt man heutzutage überhaupt noch ohne diesen mobilen Begleiter aus?

Wer ohne Schuld ist, werfe das erste Smartphone: Man hat sich etwas Wichtiges vorgenommen und will sich ausschließlich darauf konzentrieren. Plötzlich geht es los – es klingelt und vibriert. Man telefoniert, beantwortet eine Nachricht, liest einen Artikel. Eine halbe Stunde später kennt man die Sorgen des Kollegen, hat sich einen kreativen Wortwechsel mit einem Freund geliefert und etwas über einen Sack Reis gelesen, der in China umgefallen ist. Nur weitergebracht hat man nichts.

Dieses Gerät will ständig Aufmerksamkeit – da leidet schon mal die Konzentration darunter. Möglichst weit Weglegen oder Abschalten wäre eine Lösung. Ich habe mich dazu entschlossen, einen Schritt weiter zu gehen und einen Monat lang komplett auf das Smartphone zu verzichten.

Warum machst du das?“
Vorab setze ich für mich selbst folgende Regeln fest: das Smartphone wird nirgends hin mitgenommen und nicht benutzt, außer für geschäftliche Telefonate, auf die ich absolut nicht verzichten kann. Am Vorabend informiere ich noch Verwandte, Bekannte und Freunde, dass ich den nächsten Monat ausschließlich über Email und Facebook zu erreichen bin. Zudem könne die Beantwortung länger dauern, da ich eben kein mobiles Gerät mehr mit mir herumtrage. Die Reaktionen darauf fallen sehr unterschiedlich und bisweilen drastisch aus: Einige halten die Idee für interessant, andere reagieren hingegen so, als würde ich auf den Nordpol auswandern.

Mein erster Tag
Ich wache auf, weil das Telefon klingelt. Aus Gewohnheit und noch schlaftrunken sehe ich nach, wer mich anruft, besinne mich dann aber meines Selbstversuches und schlafe weiter. Meine Schwester hätte ich abholen sollen, erfahre ich später. Zu Fuß gehen ist ohnehin gesünder. Als ich am Nachmittag das erste Mal ohne Handy aus dem Haus gehe, beschleicht mich ständig das unangenehme Gefühl etwas vergessen zu haben. Ich vermisse den gewohnten Druck des klobigen Smartphones auf meinen Oberschenkel. Ferner fühle ich mich ein wenig „ausgeliefert“, nach kurzer Gewöhnungsphase aber irgendwie „befreit“, vielleicht weil ich nicht mehr auf diesen Wertgegenstand achten muss. In der Straßenbahn habe ich zunächst keine Ahnung, was ich nun machen soll. Ich beschließe, das nächste Mal eine gedruckte Zeitung mitzunehmen und schaue einstweilen aus dem Fenster oder beobachte fremde Leute. Die meisten bemerken das nicht, sie schauen aufs Smartphone.

Foto: Lukas Unger

Foto: Lukas Unger

Frage Menschen, anstatt Google
Am Wochenende bin ich in Graz, in einer mir unbekannten Gegend. Ich muss Geld abheben, und in ein Elektronikgeschäft. Ich versuche mich daran zu erinnern, wann ich das letzte Mal eine zufällige Person nach dem Weg gefragt habe, anstatt einfach zu googeln. Zudem frage ich mich, wie das eigentlich alles so funktioniert hat, bevor es Smartphones gab. Nach und nach finde ich Alternativen für Tätigkeiten, die ich vormals mit dem Smartphone erledigt habe. Im Spanischkurs entdecke ich als Ersatz für die Wörterbuch-App das Wortverzeichnis im hinteren Segment des Spanischbuches. Mitunter frage ich sogar die Professorin. Zuhause höre ich jetzt Radio mit dem Radio, auch der Wecker ist im Wecken fast so effektiv wie ein Smartphone. Verlasse ich die Wohnung, plane ich im Vorhinein und mache Notizen, wenn ich an einen neuen Ort muss, da ich nicht mal eben schnell nachschauen kann. Einmal habe ich es eilig und mache mir nur ungenaue Notizen – daraufhin irre ich eine Viertelstunde durch einen Platzregen, auf der Suche nach der richtigen Straße. Ohne Smartphone muss man ein viel geplanteres Leben führen. Jeder Fehler kann sich sonst unangenehm auswirken, wie ich feststelle, als mir das Wasser die Socken aufweicht.

Zum zweiten Teil des Selbstversuchs: Komplizierteres Leben, aber mehr Zeit?

lukas.unger@mokant.at'

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