FLÖ vs. KSV-LiLi: Das schöne Leben im Kommunismus?

Foto: (c) Georg Marlovics
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Ein moderiertes Streitgespräch zwischen Philip Flacke von den Fachschaftslisten Österreich (FLÖ) und Tina Sanders des Kommunistischen Student_innenverbandes – Linke Liste (KSV LiLi) über Kommunismus und die Aufgaben der ÖH.

In vielen Punkten sind sich Philip Flacke, Listenerster der Fachschaftslisten Österreich (FLÖ) und Tina Sanders, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit des Kommunistischen Student_innenverbandesLinke Liste (KSV LiLi) einig. Sie erzählen Anekdoten über Beratungen und diskutieren über unterschiedliche Gewichtungen verschiedener Themen. Der FLÖ-Spitzenkandidat ist momentan im ÖH-Vorsitzteam der Universität Klagenfurt und seine Fraktion stellt in einer Koalition mit GRAS, VSStÖ und FEST den Bundes-Vorsitz. Doch die virtuelle Wahlkabine empfiehlt Philip seine Kontrahentin zu wählen: „Bei der Wahlkabine war KSV LiLi bei mir an zweiter Stelle“. Im Gespräch finden sich trotz anfänglicher Gemeinsamkeiten bald Reibungspunkte zwischen den beiden Fraktionen. Ein Streitgespräch über die Aufgaben der ÖH, den Kommunismus und der Diskussionsbereitschaft mit den rechten Recken.

mokant.at: Wie üblich gibt es diesmal wieder die Wahlkabine, wo man sich durch 25 Standpunkte der Fraktionen klicken kann. In diesen 25 Punkten ist man sich bei euch in 22 überein: Wäre damit nicht schon von vorne eine fruchtbare Zusammenarbeit zwischen KSV LiLi und der FLÖ garantiert?
Tina Sanders: Wir sind generell einer Koalition mit der FLÖ nicht abgeneigt. Das einzige Problem sehen wir bei der Gesellschaftspolitik. So seht ihr die Frage nach den kostenlosen Schwangerschaftsabbrüchen nicht als Aufgabe der ÖH. Doch davon sind viele studierende Frauen betroffen, die sich eine Abtreibung wünschen und es sich nicht leisten können. Zweitens verstehen wird die ÖH auch als eine Plattform, über die gesellschaftspolitische Themen an die Öffentlichkeit getragen werden können.
Philip Flacke: Das wird kein großer Streitpunkt werden. Kostenloser Schwangerschaftsabbruch ist für mich keine Frage. Es ging darum, ob es ein zentrales Anliegen der ÖH sein soll. Natürlich sind einige Frauen von einem Schwangerschaftsabbruch betroffen, aber es gibt so viele wichtige Themen, die auch angepackt werden müssen. Das ist auch der Grund, wieso wir es nach unten gewichtet haben. Damit ist nicht gemeint, dass es unwichtig ist, sondern nur wie viel Aufwand wir im Endeffekt reinstecken wollen.
Tina Sanders: Das Problem für mich ist, wenn man bei so einem Thema bei der Gewichtung sagt, dass es irrelevant ist. Ich kann mich nicht in die Bedürfnisse oder in das subjektive Empfinden von anderen weiblichen Studierenden hineinversetzen, aber ich kann mir schon vorstellen, dass dieses Thema für viele Menschen extrem wichtig ist. Foucault hat gemeint, dass es keinen Kampf gibt, der zwingend wichtiger ist als ein anderer. Die KSV LiLi sieht das ganz genau so.

mokant.at: Philip, wenn ich dich richtig verstehe, müsste die FLÖ ja dann ihre Antwort auf die Frage nach kostenlosen Schwangerschaftsabbrüchen auf „ja“ ändern, oder?
Philip Flacke: Nein, das ist meine eigene Meinung. Ich finde das absolut wichtig, aber ich sehe es nicht als Kernaufgabe der ÖH, sich dafür einzusetzen. Man kann sich in jedes gesellschaftspolitische Thema einmischen, das mache ich persönlich sehr gerne, aber man sollte den Fokus auf Kernthemen legen. Was diese Themen sind, seht ihr wahrscheinlich ein wenig anders, aber bei uns stehen bildungspolitische Fragen im Vordergrund: Wohnen von Studierenden, Mobilität und natürlich auch die Gesundheit mit dem Recht auf einen kostenlosen Schwangerschaftsabbruch. Das ist dann eine Frage der Gewichtung.

„Die Frage, woher das Geld kommt, ist unwichtig. Hauptsache ist, wir bekommen das Geld.“

mokant.at: Gewichtung ist ein gutes Schlagwort: Ein Unterschied bei euch ist die Frage nach vermögensbezogenen Steuern zur Finanzierung der Hochschulen. Die FLÖ spricht sich dagegen, die KSV-LiLi dafür aus. Philip, ihr habt die Frage mit nur einem Punkt gewichtet – ist das für euch wirklich so unwichtig, wo doch der Aspekt der Finanzierung ein zentraler Punkt im Wahlprogramm ist?
Philip Flacke: Für mich ist nicht die Finanzierung unwichtig, sondern die Frage, woher das Geld kommt. Ob es jetzt von einer Steuer für besonders vermögende Menschen kommt, oder aus einer anderen Quelle, ist mir egal. Hauptsache ist, wir bekommen das Geld.
Tina Sanders: Aber genau dann hättest du es ja eigentlich höher gewichten müssen, oder?
Philip Flacke: Nein, weil es ja ausdrücklich um eine vermögensbasierte Steuer ging.
Tina Sanders: Aber wenn dir wichtig ist, dass das Geld irgendwo her kommt, dann ist das ein Weg und sollte höher gewertet werden.
Philip Flacke: Ja, darüber kann man diskutieren. Das ist keine Frage nach wichtig oder unwichtig, sondern wie ich die Gewichtung setze. Für die FLÖ ist die Finanzierung der Uni ein wesentlicher Aspekt. Aus volkswirtschaftlicher Sicht ist es nie verkehrt, in Bildung zu investieren. Das muss jetzt keine Vermögensabgabe sein, obwohl ich der Meinung bin, dass die Steuerlast in Österreich nicht gerecht verteilt ist.
Tina Sanders: Für uns war dieser Punkt wirklich wichtig, weil es im Endeffekt darum geht, ob jemand zu einem Studium zugelassen wird und es in weiterer Folge abschließen kann. Das sind Fragen der sozialen Diskriminierung und der sozialen Ausmusterung – finanziell benachteiligte Student_Innen kommen nicht so einfach an ein Studium ran. Von dem her sehen wir viele Mittel als durchaus legitim an, um zu einer Ausfinanzierung der Hochschule zu kommen.
Philip Flacke: Da mag ich dir auch gar nicht widersprechen. Der Unterschied ist im Endeffekt nur der, woher das Geld herkommt. Das ist für uns im Moment egal, der Staat soll es auftreiben. Möglichkeiten für Einsparung oder für höhe Steuern gibt es genug. Ich finde die Frage in der Wahlkabine ist eher ungünstig formuliert.
Tina Sanders: Es geht ja dabei auch darum, die feinen Unterschiede herauszuarbeiten. Im Sinne der Wahlkabine ist es richtig gewesen, die Frage so zu stellen.

„Es treten Leute an Hochschulen an, die haben nichts damit am Hut. Da werden Alibileute aus dem Hut gekramt.“

mokant.at: Ich möchte jetzt zur Wahl an sich kommen: Diesmal gibt es wieder die Direktwahl der Bundesvertretung. Wie wird sich diese Novelle auf euer Wahlergebnis auswirken?
Tina Sanders: Ich kann es echt nicht vorher sagen. Ich wäre sehr zufrieden, wenn wir unser Ergebnis halten können oder sogar leicht wachsen würden. Es ist mein erster Wahlkampf und deshalb kann ich das überhaupt nicht einschätzen.
Philip Flacke: Wir wollen es mindestens halten, sogar etwas aufbauen. Gerade bei lokalen Gruppen muss man abwarten. Wir sind an einigen Orten sehr stark, dafür sind wir an anderen Unis schwach. Das ist ja auch ein Prinzip der Fachschaftslisten, nicht irgendwo eine Gruppe um ihrer selbst willen zu gründen. Vielleicht kann das jetzt auf Bundesebene eine Initialzündung für uns sein. Auf manchen Universitäten werden wir verlieren, die Sitze der Fachhochschulen fallen weg, an der Universität Wien sind wir jetzt bundesweit direkt wählbar, was sicher auch ein paar Stimmen geben wird. Dass sich das ungefähr die Waage halten wird, mit einem erhoffen, leichten Gewinn, ist gut möglich. 20 Prozent wären klasse.
Tina Sanders: Schön dass du das Thema „Eine Gruppe gründen, nur damit es eine gibt“ herausstreichst, aber das ist für mich logisch. Da kann es ja nur den Bach runter gehen, wenn keine Leute dahinter sind.
Philip Flacke: Es treten definitiv an anderen Hochschulen Leute anderer Fraktionen an, die haben nichts damit am Hut. Da werden Alibileute aus dem Hut gekramt, die treten an und du siehst sie nie wieder. Wir haben in Klagenfurt (Philip Flacke ist im aktuellen Vorsitzteam der ÖH an der Universität Klagenfurt, Anm. d. Red.) auch schon mit Leuten zu tun gehabt, die ihre Funktion nicht wahrgenommen haben. Dann ist es schwer gegenüber Professorinnen zu argumentieren, warum unsere Funktionen so wichtig sind.
Tina Sanders: Warum machen die Leute dann Hochschulpolitik? Ist das für das eigene Ego, für einen Machterhalt, weil inhaltlich machst du ja per se dann nichts?
Philip Flacke: Da hast du jetzt die Steilvorlage für die Unabhängigen Fachschaftslisten gegeben. Wir haben keine Partei im Hintergrund. Bei vielen anderen merkst du, dass ihre Fraktion als politisches Sprungbrett dient, da ist Kalkül dahinter. Genau das darf nicht sein.
Tina Sanders: Diese Sachen sind von meiner Lebensrealität und davon, wie der KSV LiLi organisiert ist, so weit weg. Bei uns ist es nicht so, dass irgendwelche Leute in die Hochschulpolitik gehen, damit sie dann bei der KPÖ etwas reißen. Wir bekommen 2 500 Euro Wahlkampfbudget, was für andere Fraktionen Peanuts sind…
Philip Flacke: Da sind wir darunter- 500 Euro! (lacht)

mokant.at: Ein anderer Punkt, der euch verbindet: Ihr wollt keine sogenannten „Knock-Out-Situation“, die aktuelle STEOP ist euch ein Dorn im Auge. Wie kann und soll man eine Eingangsphase optimal organisieren?
Tina Sanders: In Amerika an den Universitäten gibt es die „shopping week“, bei der sich Leute einfach in Vorlesungen hineinsetzen können. Die Idee finde ich spitze. Außerdem gehört die Beratung ausgebaut. Ich war auf der allgemeinen Beratung an der ÖH Wien und mir ist das öfter passiert, dass Leute zwei Tage bevor die Inskriptionsfrist endet zu mir kamen und nicht wussten, was sie studieren sollen. Wenn man optimal informiert ist, braucht es auch keine Knock-Out-Prüfungen. Es gibt viele Student_Innen, die sich nach zwei Semestern umorientieren und dann befürchten müssen, aufgrund des Studienwechsels die Beihilfen zu verlieren. Dem kann man mit einem ausgebauten Beratungsangebot entgegenwirken.
Philip Flacke: Für uns ist der Ausbau der Maturanten- und Maturantinnenberatung vor dem Studium sehr wichtig. Man muss das Interesse wecken: Wenn studieren, warum und vor allem auch was? Die Beratung beschränkt sich oft auf ein paar Kernstudiengänge, sogenannte „Spezialstudien“ sind oft gar nicht abgebildet. Was gerne gemacht wird, ist das „Studieren probieren“, wo Leute in die Vorlesung vorbei kommen. Da muss man halt auch geeignete Vorlesungen finden, damit sie einen Eindruck bekommen, was da auf sie zukommt. Die Idee der „shopping week“ ist ganz nett, ich würde noch weiter gehen: Das erste Semester sollte man aufreißen und freies Studieren ermöglichen, das ist meine Einstellung. Leute sollen in die verschiedensten Vorlesungen gehen, ich bin ein Feind der Scheuklappen und der Voraussetzungsketten. Das aufzubrechen ist ein Traum von mir.

„Ich will gar nicht Physik studieren, ich liebe Philosophie. Bitte helft mir.“

mokant.at: Wenn du sagst das ist deine eigene Idee: Wie sieht die Reaktion in der FLÖ aus?
Philip Flacke: Meist sehr positiv. In manchen technischen Studiengängen wird das natürlich hinterfragt, du brauchst eine gewisse Grundlage. Ich kann das auch zum Teil nachvollziehen. Das aber etwa ein Medizinstudium grundlegend geändert gehört, ist für mich völlig klar: Du bekommst am ersten Tag deines Studiums einen Stundenplan, auf dem dein letzter Kurs oben ist. Da ist nichts mehr frei. Die haben die freien Wahlfächer, die es geben muss und das war es. Das ist für mich kein Studium, das ist eine Ausbildung und das ist der falsche Bildungsbegriff.
Tina Sanders: Nochmal zu der Maturanten_Innenberatung: In Österreich fokussiert man sich hier zu stark auf die Gymnasien, weil man davon ausgeht, dass die Schüler_Innen weiter studieren. Ich war etwa auf einer HAK (Handelsakademie, Anm.), solche Schulen gehören hier auch eingebunden, sonst können sie nie ihr Potenzial entfalten.
Philip Flacke: Das wird zum Teil schon so gemacht. Es ist auch oft so, dass Leute von ihrem Elternhaus in ein Studium gezwungen werden und in der Beratung merkst du dann, dass sie etwas völlig anderes studieren wollen. Mir hat jemand eine nette Anekdote von der Technischen Universität erzählt: Sie machen die Beratung in einem Raum, wo es eine Kaffeemaschine gibt. Oft kommen die zukünftigen Studierenden mit ihren Eltern und du merkst im Gespräch, dass etwas verkehrt läuft. Dann nimmt der Berater die Eltern und geht mit ihnen einen Kaffee trinken. Das ist meist der Moment, in dem von dem Schüler dann kommt: „Ich will gar nicht Physik studieren, ich liebe Philosophie. Bitte helft mir.“
Tina Sanders: Das hatte ich auch schon in meiner Beratung. Wir hatten leider keine Kaffeemaschine in der Nähe. (lacht)

mokant.at: Das heißt Beratung ist für euch ein Kernpunkt. Kann damit auch die Situation der überlaufenen Studiengänge von vorne ein wenig angegangen werden?
Philip Flacke: Da braucht es zwei Dinge. Erstens benötigen wir einen Ausbau von Kapazitäten. Ich studiere selber Psychologie, da gibt es beim Einstieg keinen Wert, den man erreichen muss, sondern es läuft einfach über die Anzahl der Plätze ab. Das ist irrational. Auf der anderen Seite hilft die Beratung natürlich auch hier. Es gibt die großen Studiengänge, die jedem sofort in den Sinn kommen. Jeder der nicht weiß, was er studieren soll, studiert Betriebswirtschaft. Dabei tut man aber gleich zwei Gruppen unrecht: Den Betriebswirtschaftlern, die das unbedingt machen wollen und im Endeffekt auch den Leuten, die da reinkommen, weil sie keine gute Beratung bekommen haben. Wenn ich vorher nicht aufkläre, wird sich das auch nicht ändern.
Tina Sanders: Ich halte aber nichts davon, wenn man Studierendenströme steuern möchte. Alle Leute, die dies und jenes studieren möchten, sollen es auch dürfen. Wir benötigen einen Ausbau der Kapazitäten, der Seminarplätze und den Wegfall der Voraussetzungsketten.

Weiter zum zweiten Teil des Interviews: „Das schöne Leben gibt’s erst im Kommunismus“

Titelbild : (c) Georg Marlovics

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Markus Füxl studiert Publizistik- und Kommunikationswissenschaft in Wien und ist als Redakteur für mokant.at tätig. Kontakt: markus.fuexl[at]mokant.at

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