Hagelflieger: „Wir brauchen keine Draufgänger“

(c) Kulturenschutzverein für Langenlois und Umgebung

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Hagelgewitter schaden der Ernte – doch gegen die Natur kann man schließlich nichts ausrichten, oder? Doch, sagt Hagelpilot Johannes Eckharter

Bereits Ende des 19. Jahrhunderts wurde versucht, Hagelwolken mit Raketen abzuschießen. Seit etwa 30 Jahren wird auf eine treffsicherere Variante gesetzt: Speziell ausgebildete Piloten fliegen mit besonders ausgerüsteten Flugzeugen in das aufkommende Unwetter und „impfen“ die Gewitterwolken mit einer chemischen Mischung. Da es schwierig ist, die Wirksamkeit und Unbedenklichkeit für die Umwelt nachzuweisen, gilt die Methode der Hagelflieger als umstritten. Wir haben Johannes Eckharter , Geschäftsführer der Hagelabwehr Kulturschutzverein Langenlois und Umgebung und selbst Hagelpilot, zu seiner Arbeit befragt und ihn mit den Vorwürfen konfrontiert.

mokant.at: „Hagelflieger sind Schwachsinn“, sagt Jörg Kachelmann und bezweifelt damit die Wirkung der Hagelabwehr. Was sagen Sie zu dieser Aussage?
Eckharter: Ich kenne den Herrn Kachelmann persönlich nicht. Ich war unter anderem im März diesen Jahres bei einer internationalen Hagelabwehrfachtagung in Baden-Württemberg und da waren etwa hundert Teilnehmer, Wissenschaftler und Politiker und über den Herrn Kachelmann wird dort allgemein nur milde gelächelt. Wir sind überzeugt davon, dass das, was wir machen, Wirkung hat. Wir machen das schon sehr lange und man hat das auch sehr deutlich gesehen.
Erst kürzlich hat es zwischen Langenlois und Krems in der Nacht einen schweren Hagelschlag gegeben. Dadurch, dass wir in der Nacht nicht fliegen, weil wir nicht die Berechtigung und die technische Einrichtung dafür haben, wurde ein Großteil des Weinbaugebietes schwer zerstört. Beobachtet man am Radar diese Gewitterzellen, die in dieser Nacht durchgezogen sind, kann man das mit zehn oder zwanzig anderen Gewittern vergleichen, bei denen wir tätig waren und da sieht man sehr deutlich den Unterschied.

Das Team der Hagelabwehr

(c) Hagelabwehr Kulturschutzverein Langenlois und Umgebung: Das Team

mokant.at: Aber da man nicht wissen kann, wie sich das Gewitter ohne die Impfung entwickelt hätte, gibt es ja keinen wirklich wissenschaftlichen Beweis?
Eckharter: Das ist richtig. Man kann das nur unter Laborbedingungen testen, ein sogenannter Feldversuch ist nicht möglich. Denn um das wirklich wissenschaftlich testen zu können, müsste ich dieselbe Gewitterwolke einmal impfen und einmal nicht impfen, und das geht praktisch nicht. Ich kann nur eine vergleichbare Wolke messen.

„Über Kachelmann wird milde gelächelt“

mokant.at: Sie sind also trotzdem davon überzeugt, dass sich das Risiko lohnt. Denn es ist doch gefährlich, mitten in ein Gewitter zu fliegen?
Eckharter: Wir Piloten sagen immer scherzhaft, das gefährlichste an der Fliegerei ist der Weg zum Flugplatz mit dem Auto. Ich kann dem nur entgegen halten, dass in knapp 35 Jahren, wo wir Hagelabwehr mit Flugzeugen betreiben, noch nie etwas passiert ist. Es ist so, dass wir weder Anfänger noch Draufgänger brauchen können, sondern hier sind echte Profis gefragt, die eben auch das Risiko einschätzen können und dann funktioniert das. Weil man will sich selbst nicht gefährden und auch nicht die anderen, die in der Gewitterzelle unterwegs sind. Hier ist Disziplin gefragt.

mokant.at: Können Sie mir kurz beschreiben, wie so ein Hagelflug abläuft?
Eckharter: Man beobachtet die Wetterentwicklung sehr lange am Radar und durch visuelle Beobachtung und trifft dann die Entscheidung, zu welchem Zeitpunkt gestartet wird. Man fliegt dann mit dem Flugzeug zu dieser Gewitterzelle hin. Im Aufwindgebiet verbrennen wir Silberjodid. Die Verbrennungsrückstände werden mit dem Aufwind in die Wolke gebracht und verhindern den Hagel, vereinfacht ausgedrückt.

„Das gefährlichste an der Fliegerei ist der Weg zum Flugplatz mit dem Auto.“

(c) Hagelabwehr Kulturschutzverein Langenlois und Umgebung

An den Flugzeugen befinden sich Fackeln mit Schwarzpulver und Silberjodid

mokant.at: Welche Menge von dieser Silberjodid-Lösung wird pro Flug in die Wolken eingebracht?
Eckharter: Wir haben eine 6-prozentige Lösung in Aceton und das wird verbrannt und die Verbrennungsrückstände zieht es in die Wolke. Die Mengen, die eingebracht sind, sind im Vergleich zu diesen Millionen oder Milliarden Litern Flüssigkeit, die so eine Wolke enthält, sehr gering. Der Wissenschaftler Dr. Otto Svabik hat immer einen treffenden Vergleich angeführt: Wenn man mit einem Silberlöffel einen Kaffee umrührt, ist etwa so viel Silber im Kaffee wie Silberjodid in der Wolke. Also um ein Vielfaches unter der zulässigen Grenze und kaum nachweisbar in der Wolke.

mokant.at: Und wenn es am Boden ankommt?
Eckharter: Am Boden ist es dann gar nicht mehr nachweisbar, weil es so gering ist. Es gibt noch andere treffende Vergleiche: Wenn ein Winzer seinen Weingarten eine Stunde lang mit dem Traktor bearbeitet – ich rede jetzt gar nicht von spritzen, sondern nur mit dem Traktor durch den Weingarten fährt – dann wird ja Diesel verbrannt und dann werden Verbrennungsrückstände beim Auspuff vom Traktor ausgestoßen. Und diese Abgase von einer Stunde Einsatz von einem Weinbauern sind tausendmal größer als unsere Auswirkungen auf die Umwelt in einem ganzen Jahr durchs Fliegen. Das ist derartig wenig und gering und vernachlässigbar, dass das kein Thema ist. Und dann kommt noch dazu: Die Mittel, die wir ausbringen – das ist eben Silber und Jod – sind ja keine Giftstoffe sondern das sind ja positive Stoffe, die die Gesundheit fördern. Silber hat eine antibakterielle Wirkung, wird in der Medizin seit hunderten Jahren eingesetzt und Jod genauso, meines Wissens zur Vorbeugung von Schilddrüsenkrebs. Ich sag dann immer scherzhaft auf Vorträgen: Wäre das nachweisbar was wir da machen, dann müssten wir eigentlich von den Krankenkassen finanziert werden.

mokant.at: Und was ist mit dem Aceton?
Eckharter: Aceton ist einfach das Mittel, mit dem das verbrannt wird.

mokant.at: Und davon kommt aber nichts in die Umwelt?
Eckharter: Nein, gar nichts. Darum habe ich den Vergleich mit dem Traktor gebracht. Bei den Billiarden von Kubikmetern von Luftmasse, in denen wir unterwegs sind – da kommt dann nichts mehr am Boden an.

mokant.at: Kritiker sagen, dass Sie sich in den natürlichen Lauf der Natur und des Klimas einmischen. Was können Sie dem entgegnen?
Eckharter: Da beweisen unsere Untersuchungen auch, und das ist jetzt wichtig, dass wir weder Ort noch Zeit noch Menge des Niederschlags verändern. Wenn heute in Krems um zwei Uhr nachmittags 50 Millimeter Niederschlag fallen, dann fällt dieser Niederschlag um zwei Uhr Nachmittag in Krems – egal, ob wir fliegen oder nicht. Wir beeinflussen lediglich, ob dieser Niederschlag als Wasser oder in Form von Eis am Boden ankommt.

„Wenn ein Winzer eine Stunde lang mit dem Traktor durch den Weingarten fährt, sind die Auswirkungen auf die Umwelt tausendmal größer als beim Hagelfliegen in einem Jahr.“

mokant.at: Und mit „unsere Untersuchungen“ meinen Sie die Untersuchungen vom Herrn Svabik?
Eckharter: Vom Herrn Svabik, beziehungsweise sind wir auch mit der hydrologischen Abteilung vom Land Niederösterreich in Kontakt. Die bekommen von jedem unserer Flüge Aufzeichnungen darüber, wann wo wer mit welchem Flugzeug geflogen ist, welche Menge an Silberjodid ausgebracht wurde und die vergleichen das immer wieder mit ihren Methoden. Unser Bescheid, dass wir fliegen dürfen, muss jährlich neu ausgestellt werden, damit wir fliegen dürfen und da sind jedes Mal zirka zwanzig Gutachten erforderlich, unter anderem von dieser hydrologischen Abteilung. Dieses Gutachten bescheinigt uns jedes Jahr aufs Neue, dass unsere Tätigkeit keinen Einfluss auf die Niederschlagsverteilung im Gebiet hat.

mokant.at: Sie haben uns den aktuellen Bescheid für die Ausbringung von Silberjodid zukommen lassen, darin steht: „Die Bezirksbauernkammer Tullnerfeld hat sich gegen das geplante Vorhaben ausgesprochen, weil befürchtet wird, dass die Verteilung des Niederschlages gestört werden könnte.“ Wieso konnte man denn die Bauernkammer nicht überzeugen?
Eckharter: Das sind einfach reflexartige Reaktionen: „Hagelflieger? Da sind wir dagegen.“ Das ist ja nicht nur in Tulln zu beobachten, sondern alle Gemeinden, die unmittelbar angrenzen aber nicht im Gebiet sind, sind natürlich irgendwo neidisch. Nachdem sie ja nicht geschützt sind, sind sie halt automatisch dagegen, das liegt in der Natur des Menschen. Das Argument wird ja im Gutachten entkräftet, ich habe kein Problem damit. Ich persönlich bin seit 15 Jahren Geschäftsführer und wurde von der Bezirksbauernkammer Tullnerfeld noch nie kontaktiert, aber wenn sie den Dialog suchen, bin ich jederzeit gerne bereit, mit ihnen zu reden.

(c) Hagelabwehr Kulturschutzverein Langenlois und Umgebung

(c) Hagelabwehr Kulturschutzverein Langenlois und Umgebung: Die Flotte

mokant.at: Wer profitiert denn von der Hagelabwehr außer den Wein- und Obstbauern? Authohändler zum Beispiel?
Eckharter: Ja, ein konkretes Beispiel: Ich habe gehört, dass bei diesem nächtlichen Hagelgewitter bei einem großen VW,- Audi- und Skodahändler durch den Hagel etwa 160 Autos zerstört wurden, die im Freien gestanden sind. Darüber hinaus profitiert jede Person, die zuhause einen Obstgarten oder Gemüsegarten hat oder auch nur einen Balkonkasten am Fenster. Jeder, der privat ein Auto fährt, das geschützt wird, jeder, der spazieren geht und dem kein Hagelkorn auf den Kopf fällt profitiert. Auch Hausbesitzer, denn so werden Dächer nicht zerstört. Es profitiert wirklich jeder von unserer Tätigkeit.

„Die Bezirksbauernkammer Tullnerfeld ist automatisch gegen Hagelflieger, weil sie nicht im geschützten Gebiet ist und deshalb natürlich irgendwo neidisch.“

mokant.at: Wird da auch mit Versicherungen zusammen gearbeitet?
Eckharter: Das haben wir versucht vor einigen Jahren. Es ist allerdings so, dass die Versicherungswirtschaft Interesse hätte, so etwas flächendeckend zumindest österreichweit aufzuziehen und dafür hat unsere Organisation keine Kapazitäten. Wir betreiben Hagelabwehr ja nur im Gebiet Krems, Langenlois, Wachau, Traisental und Wagram. Und außerdem – das ist jetzt meine persönliche Interpretation – sind Versicherungen soweit ich weiß für große Hagelschäden rückversichert. Kleinere Hagelschäden müssen sie selber zahlen. Bei der Hagelabwehr verhindern wir aber eher die großen Hagelschäden beziehungsweise machen aus potentiell großen Schäden kleine Schäden. Das ist für die Versicherungen kontraproduktiv – denn diese Schäden müssen sie ja selbst zahlen. Damit haben wir eigentlich keine Basis zur Zusammenarbeit. Dazu kommt noch, dass ein großes Hagelereignis an sich eine gute Werbung für die Hagelversicherung ist, weil sich danach viele Leute versichern lassen.

mokant.at: Ihre Arbeit und auch die Arbeit aller anderen Piloten ist ehrenamtlich. Was ist denn Ihre Motivation dahinter, das zu machen?
Eckharter: Da gibt’s mehrere Dinge, zum einen die Faszination des Wetters. Sich mit der Meteorologie zu beschäftigen. Dann die Faszination des Fliegens – wie weit kann ich an die Grenzen gehen? Und natürlich ist die Motivation ähnlich wie bei jedem freiwilligen Mitarbeiter bei der Feuerwehr oder beim Roten Kreuz: Für die Gemeinschaft Gutes tun.

Titelbild und alle Fotos: (c) Hagelabwehr Kulturschutzverein Langenlois und Umgebung

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Rebecca Steinbichler ist Redakteurin und stellvertretende Ressorleiterin (Gesellschaft) bei mokant.at. Kontakt: rebecca.steinbichler[at]mokant.at

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