Flughafen Wien: Ein einziges Sicherheitsrisiko?

Ob Menschenschmuggel oder Terroranschläge- alles sei am Wiener Flughafen möglich, so Insider. Kollegen der kürzlich festgenommen Sicherheitsmitarbeiter über Hintergründe und Sicherheitslücken am Vienna Airport

„Menschlich war er sehr nett, ein bisschen naiv“, erzählt uns Mario (Name von der Redaktion auf Wunsch geändert). Er beschreibt seinen Arbeitskollegen. Es handelt sich dabei um den polnischen Mitarbeiter der Passagierabfertigung, der wegen Menschenschmuggels am Flughafen Wien festgenommen wurde. Auch die zwei Beschuldigten aus Sri Lanka kenne er gut: „Ich hätte ihnen das nicht zugetraut.“ Auffällig allerdings seien sie geworden. Sie waren meist deutlich besser und teurer gekleidet als alle anderen, trugen auch teure Wertgegenstände bei sich. „Da denkt man sich dann schon seinen Teil“, meint Mario. Menschenschmuggel hätte er den Beschuldigten aber deswegen nicht zugetraut.

Schmuggler als Flugbegleiter
Seit 1994 ist die Sicherheit auf Österreichs Flughäfen auch in den Händen von mehreren Privatfirmen. Mario arbeitete bis vor kurzem bei der Austroport Boden- und Flugzeugabfertigungsges.m.b.H. Diese wurde 2014 an die private türkische Passagierabfertigungsfirma Celebi Ground Handling verkauft. Dort herrsche eine hohe Personalfluktuation, weiß Mario. Wurde früher noch nach Maturanten gesucht, nehme man heute praktisch jeden, der sich bewirbt. Auch Bewerber ohne Schulabschluss würden in einigen Fällen als Personalabfertiger am Flughafen eingesetzt, meint der Insider. Die Bezahlung sei in Ordnung, doch nicht überragend. Einer der mutmaßlichen Täter habe im Sommer sogar als Flugbegleiter gejobbt um sich etwas dazuzuverdienen. Die Fluglinie möchte Mario lieber nicht verraten.

Internationales Schmugglernetz im Hintergrund
„Mit dieser Karte kannst du viel machen!“, Mario spricht von seinem Mitarbeiterpass. Mit diesen Ausweisen wurden auch die Flüchtlinge an der Grenzkontrolle vorbei vom Außen- in den Innenbereich des Flughafens geschmuggelt. Die Passagiere gelangten so nach Großbritannien und in die USA. Mario vermutet dort ebenfalls Hintermänner: „Anders wäre das nicht zu machen, das Netz an Schmugglern muss also viel größer sein!“ Auch an der angeblich geringen Anzahl der so „beförderten Passagiere“ hegt er seine Zweifel, da der plötzliche „Luxus“ seiner Kollegen so nicht finanzierbar gewesen wäre.

Bis auf die Unterhose
Wer hingegen trotz Mitarbeiterpass täglich kontrolliert wird, ist Alexander (Name von der Redaktion auf Wunsch geändert). Er arbeitet seit fast 20 Jahren am Vienna Airport, ist für Kontrolle und Wartung sämtlicher Geräte zuständig. Alex müsse sich zwar täglich vor Mitarbeitern des Flughafen-Sicherheitspersonals „bis auf die Unterhose“ entkleiden, sieht aber immer öfter, wie Lieferanten diverser Flugzeugcatering Firmen einfach durchgewinkt werden. „Eine sorgfältige Kontrolle dieser Lastwägen mit Flugzeugessen würde sicher länger dauern, ein verspäteter Abflug kostet aber Zeit und somit Geld. Deswegen werden weder die Fahrer noch ihre Fracht kontrolliert, wenn es schon eilig ist.“ Ein Sicherheitsrisiko meint Alex, da sich in diesen Lieferwägen einfach alles befinden könnte. „Stimmt nicht!“, entgegnet Mario. Diese Wägen würden sehr wohl streng kontrolliert.

Foto, bitte!
Auch die Einzäunung des Flughafengeländes erregt Alexanders Gemüt: „Eigentlich genügt ein Seitenschneider!“ Mit diesem Werkzeug könne man den simplen Maschendrahtzaun, der das Flughafengelände umgibt, öffnen, und hätte sofortigen Zutritt: „Jeder halbwegs technisch versierte Mensch könnte so einfach zu den Flugzeugen gelangen und diese sabotieren oder Sprengkörper anbringen!“ Die Polizeikontrollen an diesen Zäunen hielten sich in Grenzen, auch hier werde massiv gespart und nur wenig kontrolliert. Kameraüberwachung gäbe es zu wenig und vor allem nachts sei das Risiko groß.

Entlang dieser einfach gesicherten Zäune stünden jeden Tag zirka 30 bis 50 Flugzeugbeobachter mit ihren Kameras, so genannte „Planespotter“, erzählt uns Alexander weiter. Übers Internet organisiere sich diese weltweite Community, gebe auf ihren Seiten sogar an, wann welches Flugzeug wie lange auf welchem Gelände des Flughafens zu beobachten sei. Tatsächlich finden wir die Hinweise ziemlich schnell im Netz. Spottertipp des Tages: Eine Boeing 747-400F von Atlas Air wird auf einen Kurzbesuch auf dem Flughafen Wien eintreffen. Die Maschine mit der Flugnummer GTI 802 wird um 14:05 Uhr aus dem belgischen Lüttich erwartet und soll den Flughafen um 16:50 mit Ziel Tel Aviv wieder verlassen. „Wer mit diesen Infos ein paar Tage am Zaun steht und genau beobachtet, weiß bald, wann kontrolliert wird und wo es Kameras gibt und kann nachts wiederkommen. Somit ist alles möglich“, beschreibt Alex die Situation.

Ab und an die Polizei
Wir treffen eine kleine Gruppe älterer Herren am Zaun in der Nähe der Landebahn. Hier sei ein besonders guter Spot für Fotos. „Wer Zeit hat und ein echter Freak ist, steht hier den ganzen Tag“, erzählt uns ein Mann mit Brille. Er kenne die Gegebenheiten am Flughafengelände wie kein anderer. Ab und an käme ein Polizeiauto vorbei. „Aber generell wäre es für jemanden, der die Situation gut kennt, sicher möglich, einzudringen und Flugzeuge zu manipulieren“, meint der routinierte Spotter. Da es sich bei Schwechat aber um keinen militärischen Flughafen handelt, sei das Fotografieren und Filmen hier trotzdem erlaubt, informiert uns die Gruppe. Sogar ein kleiner Hügel wurde hier aufgeschüttet um das Ablichten der Flugzeuge über den Zaun zu erleichtern. Über die Begrenzung sei aber noch keiner von ihnen geklettert. Tagsüber wirke vor allem der Kontrolltower sicher abschreckend auf Menschen, die über den Zaun klettern wollen würden, meint Alexander. „Obwohl es eigentlich nicht Aufgabe der Mitarbeiter des Towers ist, hier zu kontrollieren“, weiß er zu berichten, „einzelne Fußgänger würden den Angestellten dort trotzdem auffallen. Wer in diesem Bereich des Airports ist, hat immer ein Auto dabei. Ohne Fahrzeug bist du verdächtig!“ Nachts und bei Nebel sehe die Situation aber ganz anders aus: „Gerade in diesem Bereich bräuchte es mehr Kontrollen und eigens dafür geschultes Personal im Tower, sonst wird Schwechat zu einem einzigen Sicherheitsrisiko!“

Titelbild: flickr.com/Matthias Ripp

Manuela Griessbach ist als Leiterin des Ressorts Gesellschaft für mokant.at tätig. Kontakt: manuela.griessbach[at]mokant.at

1 Comment

  1. mira

    7. Juni 2015 at 20:09

    da fühlt man sich ja echt sicher, typisch österreichische zustände!

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