Tagtraeumer: „Hassprediger für den Weltfrieden“

Im Interview reden Tom, Kevin, Tobias und Alexander über die Musikszene in Österreich, den Songcontest und Helene Fischer

Spätestens seitdem der Song Sinn auf Ö3 rauf- und runtergespielt wird und sie den Titel „Band des Jahres beim Amadeus Austrian Music Award erhalten haben, kommt man um Tagtraeumer nicht mehr herum. Auch die hartgesottensten Radio-Verweigerer wurden schon beobachtet, während sie „Du sagst es hat keinen Sinn, solang ich bin, wer ich bin/ Wenn ich bleib, wer ich bin, hat Beziehung kein‘ Sinn“ vor sich hin trällerten. Das Debutalbum „Alles OK?! ist seit 27.03. erhältlich. Wir haben vier der fünf Burschen aus der Steiermark und dem Burgenland getroffen und mit ihnen über Liebesbriefe, Après-Ski-Schlager und divenhafte Techniker geplaudert.

Weitere Bandinterviews findest du hier

mokant.at: Von all den Verkehrsmitteln in Wien – warum träumt ihr am liebsten in der U4?
Tom: Auf das war ich jetzt nicht gefasst! (alle lachen)
Kevin: Weil die U4 in Richtung Heiligenstadt an der Donau entlangfährt. Das ist eine wunderschöne Kulisse, mit den ganzen Brücken, und das ist ein wunderschöner Ort zu träumen.
Tom: Stimmt das?
Kevin: Ja. Es ist toll, dort spazieren zu gehen!

mokant.at: Ihr singt auf Deutsch. Soll das so bleiben, oder könnt ihr euch vorstellen, auch in anderen Sprachen zu singen?
Tom: Vielleicht singe ich einmal Französisch (grinst). Nein, es bleibt auf jeden Fall Deutsch. Da kann man die Gefühle am besten ausdrücken.

(c) Karoline Gittenberger

(c) Karoline Gittenberger

mokant.at: Conchita Wurst und Bilderbuch sind österreichische Acts, die gerade in aller Munde sind. Wen sollte man noch kennen?
Tobias: Wanda!
Tom: Julian Le Play, Wanda,… ist man da genregebunden?
mokant.at: Nein, überhaupt nicht.
Tom: Dann sollte man Gerard kennen. Das ist ein super lieber Rapper, der auch coole, deepe Tracks macht und nicht nur Gangsterrap. Und eventuell auch Chakuza, der ist jetzt auch ein bisschen auf der – ich will jetzt nicht sagen Softie-Schiene – aber er ist ein sehr angenehmer Rapper.
mokant.at: Sind das auch deine Vorbilder?
Tom: Naja, vor drei Jahren gab es dieses Lied E-Mail für dich von Chakuza und ich hab‘ mir immer vorgestellt, ich wäre sein Backup-Rapper. Dann bin ich mit meinem Mikrofon im Zimmer gestanden und hab‘ immer die letzten Wörter von den Zeilen hineingerappt. Chakuza ist schon ein Vorbild.

mokant.at: Weil ich gerade Conchita Wurst angesprochen habe: es kommt bald der Songcontest nach Wien. Wäre das etwas für euch?
Tom: Ich denke, in zehn Jahren oder so.
mokant.at: Seid ihr noch zu jung dafür?
Tom: Wenn man unser Album hört, dann merkt man einfach, dass es nicht zum Songcontest passen würde. Wir sind keine Entertainment-Band. Wir sind eine BandBand, wo es um Musik geht. So wie U2: da geht es um Musik.
Kevin: So wie bei Sinn.
Tom: Genau. Ich denke, bei The Makemakes ist es nicht falsch, wenn ich sage, es ist eine Entertainment-Band. Genauso Conchita Wurst.
Kevin: Das passt, die haben auch alle lange Haare.
Tom: Genau, alle haben lange Haare, alle sind lässige Typen.

mokant.at: Wenn ihr sagt, ihr seid keine Entertainment-Band – spielt ihr dann lieber im kleinen Kreis oder auch gerne einmal auf Festivals?
Tom: Das kommt darauf an, wie die Leute drauf sind. Es gibt Konzerte – auch große Konzerte – wo die Leute voll dabei sind. Dann gibt es große Konzerte, wie Festivals, da hast du vielleicht zehn Prozent der Aufmerksamkeit. Da würdest du lieber vor fünfzig Leuten spielen, von denen du die gesamte Aufmerksamkeit hast. Es geht darum, dass die Leute die Lieder kennen, dass die Leute die Lieder mitsingen, oder von mir aus mitfühlen, das ist für uns das Wichtige.

(c) Karoline Gittenberger

(c) Karoline Gittenberger

mokant.at: In einem Interview bei der Starnacht am Wörthersee habt ihr euch als Helene Fischer Fans „geoutet“. Sind Schlager wieder jugendtauglich?
Tobias: Nein.
Tom: Also ich glaube schon, dass Schlager wieder jugendtauglicher geworden ist.
Tobias: Das war es ja schon immer, das spielen sie auch in den ganzen Diskotheken.
Tom: Ja, aber das ist Après-Ski-Schlager.
Tobias: Aber das mag Jung und Alt, eigentlich. Also ich nicht, aber viele.
Kevin: Das sind Sachen, die jeder versteht, die jeder rausbrüllen kann.
Tobias: Ich stell’s mir eigentlich voll beschissen vor, wenn man atemlos durch die Nacht muss.
Kevin: Das ist ja nicht angenehm! Das kann ja nicht angenehm sein. Liebe Frau Fischer, wie machen Sie das? (alle lachen)

mokant.at: Welche Bands haben euch sonst noch beeinflusst?
Tom: U2 habe ich vorher schon gesagt, das war einer der ersten Einflüsse aus dem Rock-Bereich.
Kevin: Bei mir waren es, als ich mit zwölf Gitarre spielen gelernt habe, Green Day und Punk Bands. Damit fängst du eigentlich an, wenn du Gitarre lernst.
Tom: Das kommt bei mir beim Texte schreiben auch dazu. Green Day ist tatsächlich ganz gut drauf beim Texte schreiben.
Kevin: Sum 41 war immer dabei, sowas hört man mit sechzehn Jahren.
Tom: Unser Stil ist von selbst entstanden, aus ganz verschiedenen Einflüssen.
mokant.at: Von Green Day seid ihr stilistisch aber schon ein Stück entfernt.
Kevin: Naja, von den Gitarren her eigentlich nicht so weit.
Tom: Gar nicht einmal so weit weg. Man kann sagen, Herbert Grönemeyer ist dabei, man könnte sogar sagen, Julian Le Play ist dabei, Revolverheld ist dabei. Aber es sind auch ganz viele amerikanische Künstler. The Script, U2, Coldplay, Kings of Leon.

mokant.at: Ihr habt bei der Castingshow „Herz von Österreich“ mitgemacht. Warum genau dort?
Tom: Weil der Vertrag nicht knebelnd war.
Kevin: Und weil das Konzept cool war. Die Idee ist cool, österreichische Musik zu fördern und die Chance zu bieten, dass wirklich deutschsprachige österreichische Künstler sich dort anmelden dürfen.
mokant.at: Wieso braucht man in Österreich eine Castingshow, damit österreichische Musik bekannt wird?
Kevin: Weil Werbung zu teuer ist, um sie selbst zu finanzieren.
Tobias: Man braucht keine Castingshow.
Tom: Man braucht es vielleicht nicht. Wenn man es ganz genau nimmt, war es bei uns ja tatsächlich Ö3, die gesagt haben „okay, wir spielen jetzt ‚Sinn‘, weil es uns gefällt“. Ö3 hat den größten Einfluss in Österreich und die größte Einschaltquote. Das gibt es so nirgends in Europa, Ö3 ist ein Sender, der mit keinem anderen vergleichbar ist. Läuft ein Lied auf Ö3, dann kennen es so viele Leute. Wenn es ihnen dann noch gefällt, kaufen sie es. Das entwickelt sich so wie ein – ich will jetzt nicht sagen Schneeball – aber doch irgendwie. Danke an Ö3!

mokant.at: Hört ihr privat auch Ö3?
Tom: Ja. Weil ich denke, jeder von uns war einmal in einem Auto unterwegs. Oder in einem Bus. Ich bin Südburgenländer und wenn du mit dem Bus nach Wien fährst, gibt es da diese kleinen Steckdosen vorne im Sitz, mit den Ziffern von eins bis sechs.
Kevin: In welchem Bus?!
Tom: Beim Dr. Richard!
Kevin: Echt?
Tom: Na sicher, in den großen! Da schaltest du dann die Kanäle durch und auf Ö3 kommen die Lieder, die du kennst und da bleibst du dann dabei. Ich gebe ehrlich zu, ich habe viel Ö3 gehört. Aber auch viele andere Radiosender.
Tobias: Ich nicht, nie.
Kevin: Ich hör fast nur CDs.
mokant.at: CDs? Noch immer?
Kevin: Ja klar, wir haben da so eine nette Plattenfirma, die schenken uns ganz viele CDs. Wir gehen rein auf einen Kaffee, treffen unsere Bandmanagerin und die sagt uns dann „Burschen, nehmt euch ein paar CDs!“. Ich muss zugeben, selber kaufen würde ich sie mir nicht mehr. Man kann es heutzutage auch billiger bekommen.
Tom: Da spreche ich wieder dagegen. Also ich kaufe mir auch CDs.
Tobias: Ich hab‘ Spotify.
Tom: Aber kaufen ist doch auch schön. Ich habe Bon Jovi noch zuhause, ich habe Julian Le Play zuhause, Casper, Gerard, RAF.
Kevin: Wir wollen unser Album featuren und schimpfen über CDs. Das geht nicht, das können wir nicht machen. Wir müssen alle sagen, dass wir CDs kaufen (lacht). Wir wollen ja auch, dass unser Album physisch verkauft wird.

mokant.at: Ihr seid aber auch online gut unterwegs, ihr habt jede Menge Klicks auf Youtube – welche Rolle spielen Social Media für Bands heutzutage?
Kevin: Eine ganz große.
Tom: Ja, definitiv, das macht viel aus. Du kannst auf Facebook die ganze Werbung machen, für die du früher so viel Geld gezahlt hast, dass du daran Pleite gegangen bist.
Kevin: Damals hätten wir die Reichweite nie gehabt, die man heute mit Facebook oder Youtube hat. Wenn man wirklich etwas dafür tut, kann man eine große Masse an Leuten erreichen – und das gratis.
Tobias: Dafür hat man sich damals mit 10.000 verkauften Alben ein Haus kaufen können.

mokant.at: Im Lied Laufen kritisiert ihr aber die digitale Kommunikation. Wie passt das zusammen?
Tom: Ich kritisiere nicht, dass es Facebook als Werbeplattform gibt.
Tobias: Aber viele bauen ihr Leben über Facebook auf.
Tom: Du schreibst jeden Tag mit Leuten, anstatt dass du dich mit ihnen triffst. Ich hasse es, wenn man sich nicht in die Augen schauen kann beim Reden. Wenn wir zum Beispiel ein Telefoninterview machen würden, würde ich das nicht so cool finden, wie wenn wir uns sehen. Weil du siehst, wie ich mit meinen Händen herumfuchtle und du siehst mich im Bett!
Alexander: Deshalb haben wir viel mehr Spaß bei Liveauftritten.

(c) Karoline Gittenberger

(c) Karoline Gittenberger

mokant.at: Wie macht ihr das, wenn ihr auf Tour seid? Nutzt ihr dann nicht Facebook und WhatsApp?
Tobias: Ja, doch. Aber das wird im Lied nicht kritisiert.
Tom: Doch, im Endeffekt schon. Aber das ist dann Zwang. Man muss es so machen, es geht nicht anders. Aber ich telefoniere nicht zwei Stunden lang mit meinem besten Freund und rede mit ihm über ein Mädchen, sondern ich frage nach einer Minute, ob wir uns treffen. Beruflich braucht man es. Ich mag es nicht, überall erreichbar zu sein, aber ich muss es sein.
Kevin: Es gibt auch Leute, die irgendwo hinfahren, nur um sagen zu können, dass sie dort waren und es auf Facebook posten.
Tom: Es gibt noch schlimmere Leute, die sich treffen und sich nebeneinander hinsetzen und die ganze Zeit nur auf ihrem Handy schreiben.
Tobias: Und auf 9GAG schauen.
Kevin: Da rate ich euch, bleibt gleich daheim!
Tom: Und wenn sie sich nicht mehr sehen, schreiben sie sich: „es war so schön heute!“
Kevin: „Ich hätte gerne mehr mit dir gesprochen!“ Ja, dann hättest du halt den Mund aufgemacht! (Pause) Wir sind Hassprediger. (alle lachen). Unser zweites Album heißt dann Hassprediger!
Alexander: Hassprediger für den Weltfrieden (alle lachen).

mokant.at: Was wäre euer Plan B zur Musik?
Alexander: Innenarchitekt. Ich hab‘ nach der Matura ein Kolleg für Innenarchitektur begonnen, aber nachdem das mit der Band immer mehr geworden ist, hab‘ ich das pausieren müssen.
Kevin: Wenn es keine Musik, keinen Gesang und keine Gitarren geben würde, dann würde ich am liebsten Medizin studieren. Aber solange es Musik auf der Welt gibt, will ich nichts anderes machen.
mokant.at: Wer von euch ist der Bio-Bauer?
Tom: Der ist leider nicht da. (Bandmitglied Matthias war beim Interview nicht anwesend, Anm. d. Red.) Weißt du, warum?
mokant.at: Kühe melken?
Tom: Er hat leider keine Tiere. Er riecht also gut (alle lachen). Er baut Getreide an und bäckt Brot. Ich glaube, ich bin der Einzige von uns, der keine zweite Perspektive hätte, weil ich nicht maturiert hab‘. Ich glaube, ich würde die Matura nachholen und Jura studieren. Das mein‘ ich ernst.

mokant.at: Im Lied Sinn sprichst du an, dass du Liebesbriefe schreibst. Wie viele hast du wirklich schon mit der Hand geschrieben?
Tom: Zählen da auch Liebes-SMS?
mokant.at: Nein.
Tom: Briefe – das ist dann schon lange her. Vielleicht zehn.
mokant.at: Und wie viele habt ihr schon bekommen?
Tom, Kevin, Tobias: Gar keine.
Kevin: Alles auf Facebook. Ich würde mich viel mehr über einen Brief freuen!
Alexander: Ich habe einen bekommen. Von meiner Freundin. (alle lachen)

mokant.at: Ich habe noch drei kurze Fragen zum Schluss.
Welche Lieder singt ihr unter der Dusche?
Kevin: Y.M.C.A. (lacht)
Tom: Wir singen Y.M.C.A. und tanzen dazu.
Kevin: Nein, ich singe oft Breakeven von The Script.
Tom: Ich singe Robbie Williams unter der Dusche: „I just wanna feel real love…(singt)
(alle lachen)

(c) Karoline Gittenberger

(c) Karoline Gittenberger

mokant.at: Wer aus der Band ist die größte Diva?
Kevin: Tobi.
Tobias: Ich?!
Kevin: Ja, immer wenn er ein Mädchen sieht – (fährt sich durch die Haare)
Tobias: Das ist doch keine Diva!
Kevin: Doch, zu einer Diva gehört das Eitle auch dazu. Wenn es der ist, der am meisten zickt, dann ist es der Roli. Das ist unser Techniker. Beim Essen: es ist ein super Essen und der Roli sagt nur: „mittelcool“.
Tobias: „Was sagst du zu der Suite mit Whirlpool?“ – „mittelcool“. (alle lachen)

mokant.at: Was war das letzte Konzert, das ihr besucht habt?
(überlegen)
Alexander: Rolling Stones. Das war cool.
Tobias: Ich war in Oberwart, da hat zum Beispiel Wanda gespielt.
Kevin: twenty one pilots.
Tom: Ich war mit Tobias bei Wanda.
Tobias: Ich wollte aufs Alt-J Konzert gehen, aber da haben wir gespielt.
Tom: Ich wollte mit unserem Techniker zum All Time Low Konzert fliegen, aber er war zu sehr eine Diva. Er hat gesagt, er braucht das Fünf-Sterne-Hotel.

Tagtraeumer sind demnächst hier zu sehen:
08.04.2015           WIEN   WUK
09.04.2015           GRAZ   PPC

 

Titelbild: (c) Karoline Gittenberger

Alissa Hacker ist als Redakteurin für mokant.at tätig. Kontakt: alissa.hacker[at]mokant.at

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