Kunstauktionen: 3,2,1, deins!

Foto: (c) Caroline Böhm

Bei Kunstauktionen landen in Wien jedes Jahr Werke zu Millionenbeträgen unter dem Hammer. Wir waren bei einer Auktion des Dorotheums live dabei.

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Aufgeregtes Murmeln erfüllt den langgestreckten Saal. Ein hölzerner Tresen teilt ihn in zwei Teile. Vor ihm füllen sich die Sitzreihen langsam mit Menschen. Zu zweit oder am Telefon – sie nutzen die verbleibende Zeit, um sich auszutauschen. Auf ihren Knien liegen aufgeschlagene Kataloge mit allen Werken dieser Auktion; aus einigen ragen bunte Markierungen – man hat sich vorbereitet. Hinter dem Tresen muss es schnell gehen, hier treffen die Mitarbeiter des Dorotheums emsig letzte Vorbereitungen. Eine der Frauen sitzt hinter einer Glasscheibe – ähnlich einem Bankschalter – und händigt Bieternummern aus: unspektakuläre, mit Plastik laminierte Karten. Geduldig warten die Menschen vor ihr, bis auch sie an der Reihe sind. Dann betritt eine schwarzgekleidete Frau ein etwas höher gelegenes Pult. Mit klarer Stimme versucht sie, sich gegen den im Saal herrschenden Geräuschpegel durchzusetzen und verliest die Bedingungen der Auktion. Es geht los.

30.000 Euro für den „kleinen Geldbeutel“
Die heutige Kunstauktion hatte die Pressesprecherin des Dorotheums als eher zweitrangig und „für den kleinen Geldbeutel“ bezeichnet. Die Schätzwerte der abgebildeten Werke liegen bei bis zu 30.000 Euro, das günstigste Kunstwerk ist mit 200 Euro vermerkt. Die Preisvorstellungen spiegeln sich im Durchschnittsalter des Publikums wider: die Mehrzahl ist Mitte 40 aufwärts.

Erst im Winter letzten Jahres brachte eine einzige Auktion mit zeitgenössischen Kunstwerken dem Dorotheum über 14 Millionen Euro Umsatz. Im Gegensatz dazu kommt man bei dieser Auktion vergleichsweise günstig weg. „Sammler sind Verrückte“, erzählt ein älterer Herr im Vorfeld. Anders lassen sich die Preise des aktuellen Kunstmarktes vielleicht nicht erklären. Doch verrückt benimmt sich in diesem Saal niemand. Keinerlei Zwischenrufe sind zu hören, kein irrationales Handeln ist erkennbar. Stattdessen folgt routiniert Kunstwerk auf Kunstwerk. Wird eines nicht verkauft, so kommt unmittelbar das nächste an die Reihe. „Es sind viele Stammkunden hier. Die kennen den Ablauf genau“, erklärt die Auktionatorin später auf die Frage, wieso sie keinerlei Details zu den Werken nennt. Auf einem Bildschirm oberhalb ihres Kopfes wird der Preis des jeweiligen Stückes in verschiedene Währungen umgerechnet. Die Kunstwelt ist international.

Klein und kostbar
Ein Beamer wirft das nächste Bild an die Wand hinter ihr. Es ist eine Pastell-Skizze des niederländischen Malers Leo Gestel, nicht viel größer als ein herkömmlicher Zeichenblock. Abgebildet sind zwei fein gekleidete Damen, die sich im Freien mit einem Herren unterhalten. Insgesamt wirkt es unscheinbar – die exzentrischen Kopfbedeckungen, ein ausladender Hut und ein Turban sind noch das Augenfälligste am gesamten Bild. Der Schätzwert liegt bei knapp 6.000 Euro.

Plötzlich wird es hektisch. Neben der Auktionatorin stehen einige Frauen mit Handys am Ohr und diskutieren in verschiedenen Sprachen mit ihren Gesprächspartnern. Eine der Frauen hält sogar zwei Telefone, jedes an einem Ohr. Sie telefonieren mit Interessenten, die nicht bei der Auktion anwesend sein können, und bieten stellvertretend für sie. Ein Blickwechsel reicht und die Auktionatorin weiß, ob die Frauen beim nächsten Gebot mitgehen. Auf der Suche nach weiteren Bietern lässt sie ihren Blick durch den Saal schweifen, dann wendet sie sich erneut den Telefonistinnen zu. „Noch ein Gebot? Ich schlage sonst zu. 28.000 zum Zweiten.“ Ein weiterer fragender Blick in Richtung der Telefonistinnen, dieses Mal nickt eine von ihnen. „30.000 am Telefon.“ Das letzte Gebot, ein elektronisches Klingeln ertönt und besiegelt den Kauf. Ein Raunen geht durch das Publikum. Viele wissen, dass es für den Käufer nicht bei 30.000 Euro bleiben wird. Zum Höchstgebot kommen noch zusätzliche Kosten wie Käufergebühr und Umsatzsteuer hinzu. Laut Ergebnisliste der Auktion zahlt er letztlich 37.500 Euro.

„Ein Gefühl von Wettkampf“
Vor der Auktion kann man die Besucher dabei beobachten, wie sie durch die Ausstellungsräume mit den Originalen schlendern. Die Kunstwerke hängen dort dicht gedrängt, selbst über der Tür zur Toilette. Preisschilder findet man keine, stattdessen klebt an jedem Bilderrahmen eine kleine Nummer. Die Interessenten bleiben stehen, betrachten die Bilder genauer und schlagen die Details in den aushängenden Katalogen nach. Die Aufseherinnen des Dorotheums folgen ihnen dabei mit Argus-Augen. Sie sind jederzeit bereit, kaufwilligen Kunden beratend zur Seite zu stehen.

Auch eine etwa Mitte 50-jährige Frau flaniert durch die Räume. Sie trägt ein grün-kariertes Jackett und Lederstiefel, in ihren Händen hält sie einen Katalog mit zahlreichen neon-orangenen Klebezetteln. Sie sei durch den Newsletter des Dorotheums auf die Auktion aufmerksam geworden und plane definitiv, Bilder zu ersteigern, antwortet sie scheinbar ungern auf Nachfrage. Namentlich genannt werden will sie auf keinen Fall. Als beginnende Sammlerin nehme sie häufiger an Auktionen teil – „anfangs noch mit einem Gefühl von Wettkampf.“ Durch ihre regelmäßige Teilnahme kann sie mittlerweile ein gewisses Besucherschema identifizieren: Im vorderen Drittel sitze zumeist das Showpublikum, „eine Art Familientreffen.“ Im hinteren Teil des Saals dagegen ständen die Insider der Szene: Kunsthändler, die sich in Grüppchen beraten. Aber: „Heute kommen keine Hunderttausender zusammen“, daher sei das Publikum etwas anders als sonst.

Bietergefechte im Zeitraffer
Im Auktionssaal folgt im Zeitraffer Kunstwerk auf Kunstwerk, Zahl auf Zahl. Eine erstaunlich monotone Abfolge von immer gleich klingenden Sätzen. Nur die Künstler ändern sich. Gleichzeitig herrscht permanente Unruhe – Menschen kommen und gehen, in unregelmäßigen Abständen hört man die verschiedensten Handy-Klingeltöne. Alles verschwimmt zu einem Brei. Ein grauhaariger Herr in vorderer Reihe wird überboten, er schüttelt verärgert den Kopf. Auch das nächste Bild bekommt er nicht. Sein Sitznachbar, ein ebenso grauhaariger Herr mit rotem Halstuch und Woll-Jackett, ersteigert auch dieses Werk des österreichischen Landschaftsmalers und Grafikers Ernst Huber. Er sichert sich somit gleich zwei Gemälde für 260 Euro. Der Verlierer des Bietergefechts wirft noch einen abschätzigen Seitenblick auf seinen Nachbarn, dann steht er auf, nimmt seine Jacke und verlässt den Raum.

Letzte Chance für Schnäppchenjäger
Für das vorletzte Werk, eine Installation, die entfernt an ein Nest mit Ostereiern erinnert, scheint sich im Saal niemand mehr zu interessieren. Es ist warm geworden, die Luft im Raum ist verbraucht. Die meisten Besucher haben sich schon auf den Heimweg gemacht. Selbst die Mitarbeiterinnen hinter dem Holztresen schleichen sich, eine nach der anderen, unauffällig hinaus. 242 Werke in 2 Stunden und 15 Minuten – es wurden also pro Minute etwa zwei Kunstwerke versteigert. Jetzt zum Schluss und ohne Konkurrenz sieht die Dame im grün-karierten Jackett zusammen mit ihrem Partner die letzte Chance für ein Kunst-Schnäppchen gekommen. Gemeinsam gehen sie zum Pult der Auktionatorin und deuten auf einige markierte und noch nicht versteigerte Werke in ihrem Katalog. Für 1.000 Euro hätten sie diese gerne – statt der veranschlagten 1.200. Die Stimme der Auktionatorin klingt müde und heiser, als sie das Angebot ablehnt. „Sie haben aber viele Wünsche. Wieso bieten Sie nicht direkt mit?“ Die Antwort der Dame kommt prompt: „Wir wollen es günstiger.“ Ihr Handel gelingt nicht. Auch die Letzten müssen den Saal nun verlassen, das Gebäude soll abgeschlossen werden. Mit einem Seufzer tritt ein Herr in dunklem Mantel hinaus in den Regen. „Jetzt ist der Spaß vorbei.“

Titelbild: (c) Caroline Böhm

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Caroline Böhm studiert Europäische Ethnologie und Kunstgeschichte in Wien. Seit Jahren denkt ihre Großmutter daher, sie würde sich ihre Zeit hauptsächlich in Wiener Kaffeehäusern vertreiben. Sie selbst bestreitet dies natürlich vehement. Kontakt: caro.boehm[at]mokant.at

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