OstLicht: Ren Hang – (K)ein Tabu

Foto: (c) Ren Hang

Der Fotograf Ren Hang spielt mit den Tabus seines Heimatlandes China – die Wiener Galerie OstLicht stellt nun seine Fotografien aus. Schockieren sie auch in Österreich?

Rot lackierte Fingernägel umfassen ihre Brüste, sechs Hände – mindestens. Während es draußen, im Hof der Ankerbrotfabrik, intensiv nach frisch gebackenem Brot riecht, scheint man in den Ausstellungsräumen der Galerie OstLicht  auf den ersten Blick einen ganz anderen Appetit wecken zu wollen: Nummern statt Bildtiteln und nackte Körper so weit das Auge reicht. Es ist die bisher umfangreichste Ausstellung des chinesischen Künstlers Ren Hang in Europa.

Foto: (c) Ren Hang

© Ren Hang / Galerie OstLicht

Weder Politik noch Poesie
Der 28-jährige Künstler lebt und arbeitet in Peking. Während er im Ausland momentan als junger Shooting-Star gefeiert wird, fallen seine Bilder in China regelmäßig der Zensur zum Opfer. Statt expliziter Inhalte sieht man auf seiner Homepage dort nur weiße Flächen, auch Fotoshootings musste er bereits abbrechen. Trotzdem sieht er selbst seine Fotografien nicht als politischen Protest. Im Interview mit Dazed Digital sagt er dazu: „My pictures’ politics have nothing to do with China. It’s Chinese politics that wants to interfere with my art.” Auch zwischen seinen selbst geschriebenen Gedichten und seinen Bildern erkennt er keinerlei Zusammenhänge. Stattdessen betont Ren Hang in einem Interview mit VICE die Spontanität ihrer Entstehung – er plane seine Shootings nicht. „Inspiration usually comes to me while I’m holding the camera and looking at the models. I don’t take pre-planned, previously realized photographs. I just shoot, you know?“

Foto: (c) Ren Hang

© Ren Hang / Galerie OstLicht

Symmetrie und Harmonie
Die Ergebnisse dieser Arbeitsmethoden muten erstaunlich sauber und kalkuliert an. Mit rotem Lippenstift malt eine Frau ein wackeliges Herz um ihre behaarte Scham. Lediglich ihr Unterkörper ist abgebildet, ihr Gesicht sieht man nicht. Obwohl alle Modelle nackt sind, so wirken sie trotz ihrer teilweise sehr eindeutigen Posen doch nie entblößt oder ausgeliefert. Symmetrisch und unaufdringlich inszeniert Ren Hang ihre Körper vor monochromen Hintergründen, auf Hochhausdächern oder in der Natur. Sorgfältig verwebt er dabei Gliedmaßen, Haare, Tiere und Pflanzen, bis man den Überblick verliert und die Grenzen zwischen einzelnen Körpern verschwimmen. Dazwischen ziehen immer wieder farbliche Akzente wie rote Lippen oder lackierte Fingernägel den Blick des Betrachters auf sich. Meist posieren Freunde und Bekannte für seine intimen Fotografien. Sein Freundeskreis scheint den Bildern zufolge nur aus jungen, schönen und schlanken Menschen zu bestehen. Bewusst zeigt er zwar die nackten Tatsachen menschlicher Körper, grenzt aber deren Vielfalt aus.

Foto: (c) Ren Hang

© Ren Hang / Galerie OstLicht

Saubere Perfektion statt skandalösen Inhalten
Kleine Schönheitsfehler wie Rasierpickelchen, Dehnungsstreifen und blaue Flecken zeigt Ren Hang auch. Man muss jedoch sehr nahe an die Bilder herantreten, um sie unter der glatten Oberfläche entdecken zu können. Und vielleicht liegt genau darin der Haken der Ausstellung: alles erscheint schön und harmonisch. Die Auswahl der Bilder sucht Erotik in sauberer Perfektion. Selbst die einzige Fotografie, die einen Schritt weiter geht – ein stehender Mann uriniert auf den Kopf eines sitzenden Gegenübers – übertritt den schmalen Grat zum Skandalösen nicht. Eine durchsichtige Plastiktüte trennt Reinheit von Körpersaft. Obwohl die ausgestellten Bilder in China zahlreiche Tabus brechen, so können sie den westlichen Blick kaum noch schockieren.

Die Ausstellung kann bei freiem Eintritt noch bis zum 19. Juni in der OstLicht. Galerie für Fotografie besucht werden.

Titelbild: © Ren Hang (via Galerie OstLicht)

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Caroline Böhm studiert Europäische Ethnologie und Kunstgeschichte in Wien. Seit Jahren denkt ihre Großmutter daher, sie würde sich ihre Zeit hauptsächlich in Wiener Kaffeehäusern vertreiben. Sie selbst bestreitet dies natürlich vehement. Kontakt: caro.boehm[at]mokant.at

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