Kommunismus-Tourismus: Fidel Castro vs. Ho Chi Minh

Foto:(c) Naomi Tomsu
Hammer, Sichel und Bier? Urlaub in Kuba und Vietnam wird immer beliebter. Der Kommunismus ist aber auch das Einzige, das diese beiden Reiseziele verbindet. Eine Gegenüberstellung.
Es ist Februar. Die Lichter der Mopeds erleuchten das Stadtbild. Sie fahren so schnell vorbei, dass man kaum etwas erkennen kann. An der Kreuzung kommt der Verkehr kurz zum Stehen. Ein ungefähr einjähriges Kleinkind sitzt zwischen seinen Eltern auf der kleinen Maschine. Mutter und Vater tragen Mundschutz. Die Ampel wird grün, die Motoren heulen auf und die Familien, die verliebten Pärchen, Businessmänner und aufgestylten jungen Frauen verschwinden in die Nacht von Ho Chi Minh City.
Februar, ein Jahr zuvor, „Chan Chan“ tönt aus einem Lokal in der Altstadt von Havanna. Ein Mann mit Strohhut und Kontrabass verlässt das kleine Lokal. Im „la bodeguita“ stoßen Touristen mit Rum an. Ihre Gesichter wirken verschwitzt und sie sind unbeschwert. Eng ist es hier. An der Decke drehen sich zwei Ventilatoren. Hemingway war hier Stammgast. Und der Mojito, Kubas Nationalgetränk, wurde hier 1942 erfunden- angeblich.

Zurück im Süden Vietnams ist der Verkehr immer noch stark. Obwohl es offensichtlich keine Verkehrsregeln gibt, sieht das ganze „smooth“ aus. Fußgänger müssen nicht warten, bis es grün wird. Sie gehen einfach. Man wird sich schon irgendwie gegenseitig ausweichen. Scheint zu funktionieren. Trotzdem gibt es nirgendwo sonst auf der Welt so viele Verkehrstote wie hier in Vietnam. Über zwölftausend sind es jährlich. Neben den Scheinwerferlichtern zieren leuchtende Bögen, Blumen und Lichterketten das Stadtbild. Die Kulisse wird von Wolkenkratzern, deren Glasfassaden selbst in der Nacht zu glänzen scheinen, und Videowalls, die man vom Piccadilly Circus oder dem Times Square kennt, ergänzt. Hell erleuchtet sind auch Technikgeschäfte, die sich über etliche Stockwerke ziehen und riesige Flachbildfernseher und die neuesten iPhones anbieten. Vor McDonalds sitzen zwei Männer in Uniform. Sie passen auf die dutzenden Mopeds auf, die vor dem Fastfood-Restaurant geparkt sind.


In Havanna wird es langsam dunkel. Irgendwo spielt eine Band und eine Frau mit tiefer Stimme singt „Hasta siempre Comandante (Bis in die Ewigkeit, Kommandant)“. Ernesto Rafael Guevara de la Serna – kurz; CHE – ist damit gemeint. Auch wenn er seit 1967 tot ist, lebt er hier weiter. Auf Wänden. In Liedern. Auf Postkarten. Die zweite Symbolfigur der Kubanischen Revolution ist Fidel Castro. Bis 2008 war er Staatspräsident von Kuba. Dann übergab er sein Amt an seinen Bruder Raul. Bis heute ist die PCC, die kommunistische Partei Kubas, die einzig legale Partei im Land.

Es geht weiter durch die Straßen Habana Viejas. Jugendliche spielen hier Fußball. Die Fassadenbögen sind zum Teil abgebröckelt. Zum Teil sind sie türkis, gelb oder rosa. Wäsche hängt an den Fenstern. Einige Männer basteln mitten auf der Straße an einem Motorrad herum. Sie rauchen dabei. Richtung Kapitol wird es wieder touristischer. Vorbei am „El Floridita“, ebenfalls Stammlokal von Hemingway, stehen pinke Oldtimercabrios. Die Autos sind so stark poliert, dass sich ihre Fahrer darin spiegeln. Sie lehnen lässig an den Autos und warten auf Touristen, die eine Stadtrundfahrt machen wollen. Einen kurzen Fußweg entfernt liegt das Revolutionsmuseum. Wenn man die Eingangshalle betritt, stechen einem vier Karikaturen ins Auge. Ronald Reagan, Fulgencio Batista und George Bush mal zwei – Senior und Junior. Betitelt werden sie als „cretins“, also „Idioten“. Auf George W.s Helm ist ein Hakenkreuz. Unter den Namen stehen Danksagungen. Ohne den Feind hätte es keine Revolution gegeben.

Sextourismus, Karaoke und Sting
In Saigon, wie Ho Chi Minh City vor der Wiedervereinigung von Nord- und Südvietnam 1976 hieß, ist es bereits Vormittag. Der Verkehr ist etwas ruhiger als am Abend. Der Duft von Chilischoten, frischem Koriander, Minze und Thaibasilikum liegt in der Luft. Am Gehsteig stehen niedrige, rechteckige, silberne Tischchen mit kleinen Plastikstühlen. In der Mitte jedes Tisches steht ein provisorischer Holzofengrill, daneben ein Teller mit rohem Ziegenfleisch, frischen Kräutern und eine Schale Erdnüsse. Zwischen den Einheimischen sitzen ein paar wenige Touristen. Immer wieder laufen Leute vorbei, die „Ho, Ho, Ho Chi Minh“ rufen.
Ho Chi Minh war der Anführer der Việt Minh, die im Zweiten Weltkrieg gegen die japanische Besatzung und danach im Indochinakrieg gegen Frankreich kämpften. Höhepunkt war allerdings der Vietnamkrieg. Seither ist er Vietnams Idol. Auf dem Weg ins Backpacker-Viertel hängen Propaganda-Poster auf Wellblechen. Darauf ist eine Krake auf einem Kriegsschiff zu sehen. Ihre langen Arme umschlingen kleine weiße Boote. Die Krake ist China. Dass man hier im Süden kein Fan von China ist, wird auch deutlich, als die Hotelrezeptionistin in der Fischerstadt Mui Ne einen Angestellten anschreit, er solle auf keinen Fall Chinesisch sprechen. Grund dafür ist unter anderem der Territorialstreit um die rohstoffreichen Paracel-Inseln, die sich östlich von Vietnam im Südchinesischen Meer befinden.

Zwei Straßenhunde kommen uns entgegen als wir vorbei an Valentino, Prada und Gucci zum Benh Thanh Markt schlendern. Hier gibt es frischen Maracujasaft, Kokosnüsse mit Strohhalmen, getrocknete Shrimps und die köstliche Durian- wegen ihres Geruchs auch Kotzfrucht genannt. Michael Kors Taschen bekommt man hier auch, natürlich um ein Zehntel des Preises draußen und nicht ganz so echt. Die Stunden vergehen. Es wird wieder dunkel. Im Backpacker-District vermehren sich auch die Besucher mit voranschreitender Stunde. Bei einem kühlen Tiger- oder Saigon-Bier kann man das bunte Treiben beobachten. Frauen, die Pfannen auf ihren Rädern haben und darin Tintenfisch braten, Kinder – nicht älter als zehn – die Feuer speien und mehr Sextouristen als in Thailand. Ein blasser Mittfünfziger mit schütterem Haar, Bierbauch und zu kurzen Hosen erzählt einer Vietnamesin, die hoffentlich volljährig ist, einen Schwank aus seinem westlichen Leben. Zunächst lächelt sie ihn betreten an, während er nach der Kellnerin fragt, verzieht sich aber ihre Miene. Zwei Tische weiter sitzen zwei betrunkene Engländer mit zwei Vietnamesinnen, die sich nicht mehr die Mühe machen, so zu tun, als ob sie Spaß hätten. Wenn man die Pham Ngu Lao, Saigons bunteste Straße, drei Minuten entlang schlendert und mitzählt, kann es passieren, dass man 17 solcher ungleichen Paare sieht. Das Alter variiert, das Schema bleibt gleich.
Etwas abseits der Tourimeile bekommt man neben dem wohl besten Restaurant in Ho Chi Minh City auch einen Einblick, wie die Leute hier leben: die Zimmer sind klein, und doch haben alle Flachbildfernseher, man schläft zum Teil am Boden. Dennoch: alles ist offen, jeder teilt seine vier Wände mit jedem, auf der Straße wird Karaoke gesungen, in einem anderen Wohnzimmer gegessen und getrunken. Überall wird viel gelacht. Saigon lebt.

Broschen mit Che und Castro
Alte Kameras, Fotos, Broschen mit Che und Castro. Am Flohmarkt von Havanna bekommt man alles, was das kommunistische Herz begehrt. Ich habe gerade einen goldenen Stern in der Hand, als der Verkäufer meint, er würde alles für mein Guns N‘ Roses-Shirt tun. Er liebe diese amerikanischen Rockbands. Hier in Kuba bekomme man aber keine Fanartikel. Stolz erzählt er mir von seinem Schatz und holt ein Buch heraus. Ein sehr junger Sting ist auf dem Cover zu sehen. Seine Augen strahlen, als er durch das „The Police“-Fanbuch blättert. Etwas später schlagen die Wellen auf den Ufermauern auf. Die Malecons, eine Uferstraße, die von der Altstadt Havannas bis ins Viertel Vedado führt, wirken endlos. Ein Pärchen sitzt eng umschlungen da und sieht in Richtung Ozean. 169 Kilometer entfernt, am anderen Ende, befindet sich Key West, Florida. Wieder hört man „Chan Chan“ aus einem Autoradio. Nostalgisch ist es hier. Als wäre man abgeschottet vom Rest der Welt. Ist man irgendwie auch: Internet gibt es kaum. Morgen geht es weiter nach Varadero.

Hammer und Sichel an jeder zweiten Laterne
Es ist vier Uhr zehn. Wir werden mit Modern Talking aus dem Schlaf gerüttelt. Überall sind pinke, blaue und grüne Lichter. Im Nachtbus von Dong Hoi nach Hanoi ist es plötzlich ganz laut, während die Straßen draußen noch ganz leer sind. Fünf Stunden später ist auch Hanoi erwacht. Auch hier gibt es einige Hochhäuser, viele Mopeds und noch mehr Menschen. Dennoch ist es irgendwie ruhiger hier. An den Ecken wird Kaffee getrunken und Rindfleischsalat gegessen. Rote Flaggen mit Hammer und Sichel oder Stern hängen wie in ganz Vietnam an jeder zweiten Laterne. Vor einer großen Lenin-Statue fahren Kinder in bunten Plastik-Autos herum. Die Rosen auf dem Platz sind zu einer kommunistischen Flagge angeordnet. Am Abend wird Silvester nach dem chinesischen Jahr gefeiert. Die Straßen rund um den Hoan-Kiem-See sind gesperrt. Unzählige Luftballone in Ziegenform sind zu sehen. Neben Familien sind viele Jugendgruppen unterwegs. Die Mädchen sind von Kopf bis Fuß gestylt – Mode-Blogger hätten hier ihren Spaß. Um Zwölf gibt es ein riesiges Feuerwerk. Fast jeder macht Bilder mit seinem Smartphone und stellt diese gleich auf Facebook. Betrunken ist hier außer ein paar Touristen niemand. Um halb eins verlassen die Menschenmassen die Straßen und fahren auf ihren Mopeds nach Hause. Wieder sind die Straßen leer.

Putin im All-Inclusive Club
Geschrei. Ein Oldtimercabrio kommt uns in Varadero entgegen. Vier Touristen gröhlen in einer Sprache, von der sie denken, es sei spanisch, zu „Guantanamera“ mit, während sie mit Rosen um sich schlagen. Der Fahrer lacht verhalten. Sie fahren in die andere Richtung. In die Richtung, in der eine Hotelburg an die nächste anschließt. Zum Frühstück gibt es Ham and Eggs, zu Mittag Pizza und Spaghetti. Am Nachmittag sonnt man sich neben gefühlten tausend anderen Touristen aus aller Welt. Abends wird dann „Mister Hotel“ gewählt. Betrunkene Russen haben sichtlich ihren Spaß dabei. Auf die Frage des Animateurs, wer der attraktivste Mann aller Zeiten wäre, sagt die dralle Blondine: Putin, und kann sich dabei kaum auf ihren Beinen halten. Dann spielt es wieder „Chan Chan“ und man trinkt fertig gemixte Mojitos.

Titelbild:(c) Naomi Tomsu

naomi.tomsu@mokant.at'

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