Gurkenalarm: vor Lebensfreude strotzend

Gurkenalarm © Raimund Appel

Gurkenalarm, so nennen sich Jimmy und Benedict – und die Gurke. Mit ihren Songs möchten sie die Welt retten. Zumindest zum Schmunzeln bringen sie damit schon jetzt.

Jimmy Brainless aka Captain Brainless und Benedict Steirer aka The Incredible Benis sind als musikalisches Kuschel-Kitschpop-Duo unterwegs – als Trio, wenn man die Gurke mitzählt. Seit Ende 2011 treten die drei als Gurkenalarm auf und bringen das Publikum mit ihren Songs und ihrer absichtlichen Andersartigkeit zum Grübeln, Schmunzeln – und zur totalen Verwirrung. Nach ihren musikalischen Darbietungen wünschen sie sich keinen Applaus, sondern möchten lieber, dass das Publikum in lautes Gequake, Gewieher und Gemuhe ausbricht. Die beiden Sänger haben sich mit uns über Kunst, Tiere und Gähnen unterhalten, während die Gurke ein wachendes Auge auf sie warf.

mokant.at: Kann es sein, dass ihr tierlieb seid?
Jimmy: Ja!
Benedict: Ja. Ich bin zwar gegen einige Tiere allergisch, aber das heißt nicht, dass ich sie nicht lieb habe.

mokant.at: Deshalb kommen Tiere oft in euren Songs vor?
Benedict: Ja, wir haben durchaus viele Tiere in unseren Songs und auch einige Tiergeräusche.
Jimmy: Wir sind sehr für ein Gleichgewicht zwischen Mensch, Pflanze und Tier auf der Welt.

mokant.at: Das heißt, ihr fordert Gleichberechtigung auch für Gemüse?
Benedict: Genau. Gemüse sollte definitiv mehr Rechte in der Gesellschaft bekommen.

mokant.at: Gurken sollen also auch wählen können?
Jimmy: Ja, wenn sie wollen.
Benedict: Ja, oder Stimmen durch bestimmte Menschen, Organisationen oder Bands bekommen. Wir sehen uns dabei auch als Vertreter.
Jimmy: Das Problem ist, dass sich die meisten Gurken selbst nicht so äußern können, dass sie verstanden werden. Deswegen funktionieren wir als Sprachrohr.

mokant.at: Ihr seid also so etwas wie Gemüseflüsterer?
Benedict: Gemüseflüsterer kann man fast sagen, ja. Wobei wir selbst auch irgendwie genetisch mit Gemüse verwandt sind.
Jimmy: Das müssen wir jetzt erklären.
Benedict: Wir stammen von einem weit entfernten Planeten namens „Verduras“. Auf diesem Planeten leben Menschen und Gemüse im Einklang. Die Stadt aus der wir kommen – Gurken-Town – besteht aus einer riesigen Gurkenpflanze.
Jimmy: Wir sind eigentlich überzeugt davon, dass es auf der Erde auch mal so war.
Benedict: Ja, das ist wie bei Avatar. Wir haben unsere Gurkenpflanze zerstört und so weiter. Man muss dazusagen, dass die Story noch nicht ganz ausgereift ist, das ist uns jetzt gerade erst am Weg hierher eingefallen.
Jimmy: Das ist wie bei verschiedenen geschichtlichen Hintergründen – die müssen auch erst langsam konstruiert werden.

Gurkenalarm © Raimund Appel

© Raimund Appel

mokant.at: Zurück zum Thema Tierliebe. Ihr habt einen Song – „Nashornmama“, der von einem Kind handelt, das eine Nashorn-Mutter und einen Menschen-Vater hat. Erklärungsbedarf?
Benedict: Ich weiß gar nicht mehr, wie ich darauf gekommen bin. Der Song ist wirklich alt, die ersten Zeilen habe ich vor fünf oder sechs Jahren geschrieben. Und irgendwie ist das dann weitergesponnen. Das hatte gar keinen speziellen Grund, aber ich glaube der Song stellt einfach ein bisschen eine schwierige Mutter-Sohn-Beziehung dar.
Jimmy: Bei uns ist es oft so, dass wir melodische Wortvereinigungen schreiben, die instinktiv entstehen und die Gründe dafür werden erst im Nachhinein gefunden. Man muss glaube ich auch manchmal die Fäden zusammenziehen, damit man rekonstruieren kann, was man selbst geschrieben hat – die Einflüsse sind nicht immer von Vornherein klar.
Benedict: Bei Nashornmama wird beispielsweise das Zurücklassen eines Kindes oder das nicht ernst Nehmen des Elterndaseins aufgezeigt. Der Song soll auch einfach möglichst verstörend sein, das war ein entscheidender Faktor.

mokant.at: Schreibt ihr eure Texte alleine oder mit der Gurke?
Benedict: Also eigentlich schreibt die Gurke alles.

mokant.at: Wie genau macht sie das?
Benedict: Durch uns. Sie wird mit Elektroden an unsere Hände angeschlossen und sendet ganz, ganz feine elektrische Impulse. Die werden um das Tausendfache verstärkt und dann wird das in Handbewegungen umgewandelt. Manchmal ergibt das nur Krixeleien und wir müssen das noch übersetzen.

mokant.at: Und ihr übernehmt einfach kommentarlos, was euch die Gurke befiehlt?
Benedict: Wir streiten schon öfters mit ihr, aber sie ist sehr dominant.
Jimmy: Und kritikresistent.

mokant.at: Warum heißt ihr gerade „Gurkenalarm“ – sind Gurken gefährlich, dass sie einen Alarm auslösen könnten?
Benedict: Alarm ist eigentlich gar nicht so auf Gefahr bezogen, sondern auf Alarmbereitschaft, Wachsamkeit – darauf, offen durch die Welt zu gehen.

mokant.at: Wie habt ihr zwei euch kennengelernt?
Benedict: Wir sind gemeinsam in die Schule gegangen und haben auch damals schon zusammen Musik gemacht, damals waren wir noch Loser-Punk. Das war anders. Die Band war zwar etwas größer, aber weniger bekannt.
Jimmy: Als ob wir jetzt so berühmt wären.
Benedict: Nein, noch nicht. Aber wir haben vor, die Welt zu retten.

Gurkenalarm © Raimund Appel

© Raimund Appel

mokant.at: Ihr habt vor die Welt zu retten – mit Gurkenalarm?
Benedict: Mit Gurkenalarm – mit unseren melodischen Wortvereinigungen, die alle Herzen berühren.
mokant.at: Wie kann eine melodische Wortvereinigung die Welt retten?
Benedict: Wir transportieren einfach eine Lebens-Grundhaltung durch unsere melodischen Wortvereinigungen. Die setzt sich durch viel Hören fest und irgendwann wirst du einfach zu einem vor Lebensfreude strotzenden Individuum.
Jimmy: Gurken-Mensch.
Benedict: Genau.

mokant.at: Beim Song Siebenschläfer gähnt ihr zu Beginn – ist das ein guter Einstieg?
Benedict: Ja, also das ist kein Gähnen aus Langeweile – es ist ein Gähnen aus Morgenmuffigkeit und Aufwachstimmung. Das Lied soll aufweckend sein und auch ansteckend wirken.
Jimmy: Gähnen ist ja sehr ansteckend.
Benedict: Ja! Vor allem in der ersten Zeit in der wir das Lied geprobt haben, musste Jimmy jedes Mal gähnen wenn ich gegähnt habe, dann musste ich auch wieder gähnen und so weiter.
Jimmy: Oder auch wenn Benedict nicht gegähnt hat!
Benedict: Das war wirklich schon richtig einprogrammiert, wir haben immer an der selben Stelle gegähnt.

mokant.at: Wo habt ihr das Schneckenhaus fürs Siebenschläfer-Video gefunden?
Benedict: Das Schneckenhaus haben wir innerhalb von zwei Wochen selbst gebaut. Wir haben uns eingesperrt und Tag und Nacht daran gebastelt, gemeinsam mit unserer Feature Sängerin Alice Reichmann – das war ein Gurken-Familienprodukt.

mokant.at: Was genau ist Kunst für euch?
Benedict: Über den Begriff Kunst streite ich mich mit mir selbst schon sehr lange, und auch mit anderen Menschen. Ich habe für mich eine Definition gefunden: Kunst muss für mich in erster Linie irgendeiner gewissen Ästhetik entsprechen, damit es irgendwen anspricht – wer auch immer das ist. Also es muss meiner Ästhetik entsprechen, mich ansprechen. Dann erst kann ich mich darauf einlassen und eine Message dahinter sehen. Dann kann man sich etwas dabei denken, etwas Eigenes interpretieren oder fühlen.

Jimmy: Ich gehöre zu den grauenvollen Menschen, die alles für Kunst halten, solange sich ein anderer Mensch damit identifizieren kann.

mokant.at: Und wann genau wird man eurer Meinung nach vom Hobbymusiker zum Profi?
Jimmy: Ich glaube, man kann nicht zwischen Hobbymusiker und Profimusiker unterscheiden, eher zwischen Hobby- und Berufsmusiker. Denn auch ein Berufsmusiker ist nicht unbedingt professionell.
Benedict: Aber ein Hobbymusiker kann auch professionell sein.
Jimmy: Genau, aber etwas beruflich zu machen, heißt nicht, dass man es professionell macht. Ich glaube auch, wir beide sehen uns weit davon entfernt, professionelle Musiker zu sein.
Benedict: Es ist aber auch nicht so,  dass wir das nicht anstreben. Also ich sehe Musik als einen Teilberuf von mir, ich sehe mich auch dazu berufen, Musik zu machen.

mokant.at: Das heißt, ihr strebt Musik schon als Beruf an?
Benedict: Durchaus.
mokant.at: Gemeinsam mit Gurkenalarm oder solo?
Jimmy: Ich darf es noch nicht laut sagen, aber eigentlich strebe ich eine Solo-Karriere an.
Benedict: Ach ja? Aha…
mokant.at: Das heißt, du bleibst dann mit der Gurke alleine, Benedict?
Benedict: Ich bleibe mit der Gurke alleine, ja.
Jimmy: Mit dem Sorgerecht. Nein, also wir sehen uns in der Zukunft natürlich Hand in Hand am Horizont entlang schreiten. Möge es auch so geschehen.

 

Titelbild: © Raimund Appel

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Jasmine Schuster studiert Publizistik- und Kommunikationswissenschaft in Wien und ist als Redakteurin für mokant.at tätig. Kontakt: jasmine.schuster[at]mokant.at

3 Comments

  1. Maxime Musterfrau

    17. März 2015 at 15:23

    Ich glaube nicht, dass die beiden unter dem Einfluss einer Gurke stehen. Dieses Gewächs nennt sich anders. mokant.at hat zu diesem anderen Gewächs eh ein paar Artikel geschrieben….

    • Jasmine Schuster

      18. März 2015 at 14:40

      Jimmy hat mir versichert, dass sie nur unter Gurken-Einfluss stehen…

  2. maja

    17. März 2015 at 19:40

    da ist sicher was dran 🙂

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