Gastkommentar: Fifty Shades – bedenklicher Pseudo-SM

Fifty Shades of Grey © Universal Studios

Kein Sex, keine Liebe – dafür Stalking und Manipulation. Die Vorbildwirkung des Films Fifty Shades of Grey gibt Gastautorin Aga Trnka-Kwiecinski zu denken.

Gut zwanzig Jahre ist es nun her, dass Madonna mit diversen Auftritten in Videos und im Fernsehen die moralisch gefestigte Gesellschaft zu spalten drohte. Sie war provokant, lasziv, promisk, sexuell, selbstbewusst – die Kirche war schockiert, die Jugend begeistert, und der Mief der 1980er Jahre war spätestens damit weggefegt.

Fehlende Augenhöhe
Heute sitzt eine neue Generation im Kino und sie ist hochgradig aufgeregt, weil sie nun endlich die langersehnte Verfilmung eines Buches im Kino bestaunen wird können – die Auferstehung in bewegten Bildern, die Leinwandversion eines Kassenschlagers des Buchhandels: Fifty Shades of Grey. Schon klar, wir sprechen hier über kein Werk der Weltliteratur, aber wir sprechen über ein Phänomen, das vor allem die Generationen wirklich überrascht, die damals mit Madonna und Co. aufgewachsen sind. Was bitte soll so revolutionär daran sein, dass ein Mann und eine Frau eine sexuelle Beziehung miteinander haben, ohne dass sie sich vorher über Jahre in den jeweils gewinnenden Geist des Gegenübers verliebt haben? Wer 9½ Wochen gesehen hat, der braucht dieses romantische Vorspiel nicht. Und doch – manche handeln die Story der kleinen Studentin mit dem Superreichen bereits als eine der größten Liebesgeschichten aller Zeiten. Das verstört nun aber doch. Als Frau einer Generation, die mit Staunen miterlebt hat, wie Richard Gere im gleichnamigen Film aus Julia Roberts, einer Prostituierten, eine Pretty Woman gemacht hat, erscheint die damalige Geschichte im Vergleich mit Fifty Shades of Grey so viel realistischer und so viel nachahmenswerter. Nicht falsch verstehen: Sexarbeit ist damals wie heute nicht als Aufsteigerberuf zu sehen, egal ob ein Hollywood-Etikett daran hängt oder nicht. Aber immerhin erzählt die Geschichte aus dem Leben zweier Menschen aus unterschiedlichen Milieus, die sich in gewisser Weise auf Augenhöhe begegnen. Die weibliche Hauptfigur kannte ihren Preis und wusste, was sie wollte. Und weil Hollywood Happy Ends garantiert, bekam sie das auch. Heute, 2015, sitzen wir im Kino und sehen die Geschichte einer Frau, die dem Geld, dem Charme (wer könnte diese beiden Begriffe in diesem Fall schon sorgfältig auseinanderhalten?) und vor allem der sexuell konnotierten Macht erliegt. Aber Geld und Macht machen eben noch keinen Mann. Und unschuldige Naivität und Unwissenheit sind keine akzeptable Antwort auf eine Welt der emanzipierten Frau.

Pseudo-Sado-Maso
Wenn wir von Erwachsenen sprechen, so muss klar gesagt werden, dass Sexualität immer noch ein von zwei Menschen (bei Bedarf auch mehreren) geteiltes intimes Erlebnis ist. Freilich, wer eine Peitsche schwingt oder sich Brustwarzenklemmen besorgt ist noch lange nicht im SM-Bereich unterwegs. Hier geht es doch eigentlich um Vertrauen – beide Partner müssen sich ihrer jeweiligen Rolle bewusst sein, sie haben in diesem Spiel dieselbe Macht, einmal ausübend, einmal zulassend. Was sich allerdings in der Buchtrilogie und im Kinofilm zeigt, das sind zwei Menschen, die davon überhaupt keine Ahnung haben. In der Pseudo-Sado-Maso-Story nämlich geht es um einen Mann, der nach schweren Misshandlungen in seiner Kindheit nicht mehr zu empathischer Liebe fähig ist, und der glaubt, dies durch Sado-Maso-Praktiken kompensieren zu können. Dabei trifft er auf eine sexuell komplett unerfahrene und noch viel naivere Studentin – welch ein Klischee! Und das, was wirklich zu denken gibt, hat mit den Handschellen, den Schnüren, den Peitschen und sonstigen Hilfsmitteln wenig zu tun. Denn das verstörende an dieser Beziehung ist die Tatsache, dass die Figur Christian Grey seine Auserwählte in jeder Hinsicht kontrolliert, stalkt und manipuliert. SM hat seine Spielregeln, seinen Rahmen und seinen Raum, und wenn das Spiel vorbei ist, dann passiert alltägliches Leben. Im Fall von Fifty Shades of Grey allerdings vollzieht sich diese Kontrolle zu jeder Zeit an jedem Ort. Und die Hörigkeit der Protagonistin hat mit der gespielten Hörigkeit einer Sub gar nichts gemeinsam. Dass sie sich alibihaft zögerlich gegen die Überwachung ihres neuen Lovers zur Wehr setzt, macht es nicht besser. Dass dies allerdings eine breite Vorbildwirkung für eine junge Generation von Frauen haben soll, ist schlichtweg fatal.

Sado-Maso ist nicht neu, jede Generation hat in ihrer Jugend entdeckt, dass es einen Marquis de Sade gab, der zunächst Absonderliches beschrieb, und nach dem ersten Schrecken über das Gehörte oder Gelesene, wandte man sich anderen Dingen zu, oder begann, damit zu liebäugeln. Machtverhältnisse und Sexualität verfügen über einen direkten Zusammenhang, was in unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen bereits thematisiert wurde. Aber Fifty Shades of Grey markiert einen neuen – traurigen – Höhepunkt. Die alte Geschichte von Pygmalion wurde hier doppelt absurd interpretiert: Er soll durch ihre Unschuld und Reinheit erlöst werden, sie soll sich nach seinen Phantasien entwickeln, aber auch wieder nicht. Bisweilen beschleicht einen der Eindruck, dass es sich hier um zwei vernachlässigte Kinder handelt, die über Sexualität zu verstehen versuchen, was eigentlich woanders geheilt werden möchte.

Kein Rollenvorbild für eine Generation
Als ein Kind der MTV-Generation habe ich im Fernsehen schon vieles gesehen. Da war nackte Haut, da gab es Einblicke in sexuelle Praktiken, die unvorstellbar schienen, da waren Nacktheit, Sexualität, Pornographie dabei. Aber was mir Fifty Shades of Grey bringt, sind Einblicke in eine geschundene Psyche, die vollkommen unabhängig von der Art und Weise wie Sexualität ausgelebt werden soll, einen Hilfeschrei vernehmen lässt, der ungehört verhallt. Verzückt klatschen Frauen weltweit in die Hände – endlich ein Mann, der zupackt, der weiß was er will, der sich nimmt, was er möchte. Ja, so definieren wir gemeinhin Erfolg und Macht. Aber gleichzeitig gestattet er seiner Partnerin nicht, ein eigenständiger Mensch zu bleiben, er betreibt kein Spiel zwischen Unterwerfung und Vertrauen, er hat von diesen Begriffen genau genommen keine Ahnung. Eine Peitsche macht noch keine Domina, eine Frau und ein Mann machen noch keine gesunde Beziehung und sexuelle Praktiken machen noch keine Sexualität aus. Jedes David-Guetta-Video in unzensierter Fassung präsentiert mehr Sex als der Kinofilm zu Fifty Shades of Grey, aber wenn es offenbar nicht primär darum gehen soll, dann gehe ich mit noch viel mehr Fragezeichen aus dem Kinosaal heraus. Jemand der mein Handy, meinen Terminplan, mein Leben, und in letzter Folge auch meine gesamte Sexualität kontrollieren möchte, ist kein hingebungsvoller Lover, sondern jemand, der von geschulten psychologischen Fachkräften wohl die eine oder andere Diagnose gestellt bekommen würde. Wie könnte ich mir daher wünschen, dass die Protagonisten aus dem Buch oder dem Film als Rollenvorbilder für eine Generation stehen könnten?!

Wenn ich heute auf die letzten zwanzig Medienjahre zurückblicke, so sehe ich die Auftritte von Madonna und anderen voller Stolz. Nicht jede Darstellung gefällt mir, aber mir gefällt, dass dies selbstbewusste, emanzipierte Selbstinszenierungen von von sich selbst überzeugten Frauen gewesen sind. Wenn ich mir allerdings vorstelle, dass in gut zwanzig Jahren jemand auf die Medienprodukte dieser Zeit zurückblickt – ich wäre voller Scham. Nicht wegen der gezeigten oder angedeuteten Sexualität, sondern wegen der zur Schau gestellten Unfähigkeit von zwei Menschen zu empathischer Liebe und der Tatsache, dass dies auch noch frenetisch beklatscht wird.

Gastkommentar von Aga Trnka-Kwiecinski 

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(c) Aga Trnka-Kwiecinski

Die Autorin ist Kommunikationswissenschafterin, Lebens- und Sozialberaterin in Ausbildung unter Supervision, Lehrgangsleiterin für Provokationspädagogik an der Donau-Universität Krems, Lektorin u.a. an der Universität Wien, der Pädagogischen Hochschule Wien und der FH Campus Wien.

 

 

 

 

Titelbild: © 2015 Universal Studios

 

2 Comments

  1. Toni

    9. März 2015 at 10:16

    Sehr gut geschrieben! Kann mich dem voll und ganz anschließen!

  2. Maxime Musterfrau

    17. März 2015 at 12:32

    Vielleicht habe ich einen anderen Film gesehen, oder es liegt daran, dass ich nur den ersten Teil der Trilogie kenne, aber für mich machte die Protagonistin in diesem Film alles andere als den Eindruck naiv zu sein. Im Gegenteil, sie wirkte zumindest im ersten Teil als selbstbewusste junge Dame, die sich – warum auch immer – in diesen Typen verliebt hat und daraufhin versuchte seinen eigenwilligen Charakter und seine „Fehler“ besser zu verstehen.
    Ich denke – und ich spreche hier wirklich nur vom ersten Film, denn das Buch habe ich nie gelesen – es ist durchaus realistisch, dass sich eine junge Person in eine andere Person verliebt, mit der sie erstmals intensivieren körperlichen Kontakt hatte, die sie noch dazu mit zahlreichen teuren Geschenken umgarnt und Dinge gibt, von denen sie davor noch nicht mal wusste dass es sie gibt. Ich denke „Anastasia Steel“ ist keinesfalls die Ausnahme, wenn sie enorme Verbundenheit mit ihrer „ersten großen Liebe“ verspürt, sondern vielmehr sogar die Regel. Dass man sich von der „ersten großen Liebe“ dann sogar zu Dingen hinreißen lässt, die ein rational denkender Mensch niemals auch nur andenken würde, ist wohl dann auch keine Seltenheit.
    Der Film beziehungsweise die Geschichte beschreibt also meines Erachtens nur den Extremfall des ganz alltäglichen Verlaufs von „First Love“. Dass der Großteil der Menschheit diese ersten Erfahrungen normalerweise im Alter von 14-18 macht und nicht bereits im Studentenalter ist, ist lediglich ein Schönheitsfehler, um sich weiterhin in legalen Bahnen zu bewegen und dennoch die Romanze zwischen einem Millionär und einer jungen Frau zu ermögichen.

    Der junge, auf seine ganz spezielle Weise „treue“ Millionär, der sich in ein Mädchen von der Straße „verliebt“, ist die wesentlich größere Utopie in dieser Geschichte.

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