Die Zigarette: Das Ende einer Ikone

Das Ende einer Ikone

Rauchen: Symbol für Freiheit und Emanzipation oder gefährliches Laster? Alles zu seiner Zeit.

Das Rauchen erfreute sich durchaus schon größerer Beliebtheit, als es in diesen Tagen der Fall ist. Den Konsum von Tabak in Lokalen, beim Bundesheer oder gar in der eigenen Wohnung zu verbieten, wäre im ersten Drittel des letzten Jahrhunderts undenkbar gewesen. Das mag zum einen daran liegen, dass man sich über die schädliche Wirkung des Rauchens noch nicht im Klaren war und zum anderen, dass das Rauchen den Menschen das Gefühl von Freiheit und Überlegenheit vermittelte. Die Zigarette erlebte Mitte des 20. Jahrhunderts ihre Blütezeit und wurde zum Statussymbol. Doch bedeutet das 21. Jahrhundert nun das Ende dieser Ikone?

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Krieg und Frieden
Bereits durch Christoph Kolumbus gelangte der Tabak nach Europa. Da man das Rauchen zur damaligen Zeit auf dem europäischen Kontinent aber noch mit dem Teufel in Verbindung brachte, wurde ein Mitglied seiner Besatzung sogleich für zehn Jahre inhaftiert als man ihn rauchend sah. Zum Zeitpunkt seiner Entlassung war das Rauchen bereits etabliert und die Zigarrenmarken nutzten sogar das Image der weitgereisten Seefahrer um den Tabak an den (damals noch ausschließlichen) Mann zu bringen. Vor allem in Kriegen verbreitete sich der Trend des Tabak-Rauchens. Angefangen mit dem 30jährigen Krieg (1618-1648) wurde in allen darauf folgenden Kriegen geraucht. Der Tabak war ebenso wichtig wie Lebensmittel und das Rauchen wurde zum Symbol für Freiheit.

Die Pfeife wurde auch als Angriffssymbol eingesetzt und dafür vom Feldmarschall für seine Soldaten sichtbar in die Höhe geschwungen. Rauchte man ausgehend vom 17. Jahrhundert noch Pfeife und später Zigarre oder schnupfte  Tabak, so hatte im 20. Jahrhundert die schlanke Zigarette ihren Aufschwung. Sie löste die sperrige Zigarre ab, die den Männern vorbehalten war. Durch die beiden Weltkriege bekam das Rauchen eine neue Dimension und die Zigarette erfuhr einen rasanten Aufschwung. Frauen und Alkohol waren an der Front tabu, also avancierte die Zigarette zum Genussmittel, das zudem das Hungergefühl unterdrückte und die Nerven beruhigte. Auch abseits der Front erhielt das Rauchen einen neuen Stellenwert und erstmals rauchten auch Frauen.

In Friedenszeiten konnte man es sich mit speziell für das Rauchen angefertigten Möbelstücken bequem machen. Wie etwa im 19. Jahrhundert in einem „Raucherstuhl“, der mit Zigarren, Zigarrenabschneider, Zündhölzer und teilweise sogar mit Bierkrug und Buchstütze ausgestattet war. Die Menschen nahmen sich viel Zeit für das Rauchen und hatten ihre Freude daran. Das Tabakmuseum Wien, das Kuriositäten wie diesen Stuhl ausstellte, wurde aber im Jahr 2005 geschlossen. Zu klein war das Interesse an der großen Geschichte des Tabaks.

Liberté Toujours
Nach den Weltkriegen stieg die Zigarette zum Statussymbol der Bürger auf und wurde zum Inbegriff von Freiheit, Modernität, aber auch sozialer Autorität. Wer rauchte, galt als fortschrittlich und emanzipiert. Die Emanzipationsbewegungen der 1960er Jahren waren gezeichnet von rauchenden Frauen, die auch das Rauchen als Menschenrecht einforderten. Zigarettenhersteller eigneten sich dieses Streben nach Freiheit und Emanzipation an. Die Marke „Gauloises“ etwa wirbt nach wie vor mit dem Slogan „Liberté toujours“ (Freiheit für immer). Dieses Gefühl vermittelten auch Berühmtheiten wie Marlene Dietrich, James Dean und andere Sexsymbole Mitte des 20. Jahrhunderts. Aber auch Intellektuelle wie Jean Paul Satre und Simone de Beauvoir frönten dem Tabak und wurden gerne dabei abgelichtet. Geraucht wurde im Grunde überall, im Auto, vor den Kindern, im Kino und natürlich auch im Bett.

Obwohl bereits Anfang des 20. Jahrhundert erste Berichte über die schädliche Wirkung des Rauchens veröffentlicht wurden und in den 1950er Jahren der Zusammenhang zwischen Rauchen und Lungenkrebs bewiesen wurde, schenkte man zu dieser Zeit den Warnungen nur wenig Aufmerksamkeit. Viel wichtiger war es, das neue Lebensgefühl in vollen Zügen zu genießen und den erfolgreichen Stars der damaligen Zeit nachzueifern, die es auf der Leinwand vormachten.

Das Ende der Ikone
Wie kein anderer Konsumartikel hat die Zigarette Fall und Aufstieg erlebt. Den Status, den das Rauchen im 20. Jahrhundert hatte, hat es heute verloren. So wurde die Zigarette in den letzten Jahrzehnten immer weiter marginalisiert und hat nun schon lange nicht mehr den Kultstatus, den sie einmal hatte. Bereits 1983 musste Lucky Luke seine selbstgedrehte Zigarette gegen einen Grashalm eintauschen – was ihn jeglicher Coolness beraubte. Wurde früher in US-amerikanischen Filmen vor allem im Film Noir Kette geraucht, um das überlegene Lebensgefühl zu repräsentieren, so qualmen heute nur mehr problembehaftete Charaktere. Man vergleiche nur Humphrey Bogart in „Casablanca“ und Denzel Washington in dem Film „The Flight“. In öffentlichen Lokalen gilt in den meisten Ländern seit geraumer Zeit gänzliches Rauchverbot. Das soll nun auch in Österreich umgesetzt werden.

Horváth und die Tschick
Das Verbot zu rauchen ist ebenso alt wie das Rauchen selbst. So wurden rauchende Menschen früher nicht nur inhaftiert, es gab beispielsweise im heutigen Orient die Methode des Lippen- und Nasenabschneidens. Sogar die Todesstrafe wurde bei Verstoß des Rauchverbotes angewendet, wie es etwa in Lüneburg der Fall war. So drastisch will man ab diesem Jahr in Österreich zwar nicht vorgehen, allerdings soll nun tatsächlich das strikte Rauchverbot in Lokalen durchgesetzt werden. Doch lassen sich viele Österreicher das Rauchen nicht so einfach wegnehmen und protestieren gegen diese Reglementierung, die vor allem von Wirten als Einschränkung betrachtet wird. In kaum einem anderen Land Europas ist das Rauchverbot in öffentlichen Lokalen so schwer durchzusetzen wie in Österreich. Aber auch hierzulande hat die Zigarette ihren Stellenwert als Symbol für Freiheit und Überlegenheit verloren. An dem schlechten Image, das die Zigarette heute hat, konnte auch die neue Marke „Tschick“, die von einem Oberösterreicher erfunden wurde und letztes Jahr auf den Markt kam, nichts ändern. Eine „typisch österreichische Lösung“ für das Rauchergesetz gab es bereits vor einigen Jahren, aber Ödön von Horváth hat sich wohl nicht getäuscht, als er den Zauberkönig in seinen „Geschichten aus dem Wiener Wald“ sprechen ließ „Rauchen und Fressen werden die Leut‘ immer“. Bleibt abzuwarten wie und ob sich das vollständige Rauchverbot in Lokalen im Jahr 2015 durchsetzen lässt.

 

Titelbild: (c) Agnes Kugler

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Agnes J. Kugler studiert Kultur- und Sozialanthropologie. Einen Großteil ihrer Zeit verbringt sie auf ihrem Fahrrad Gustav oder in der Bibliothek. Seit Jänner 2015 ist sie als Redakteurin bei mokant.at tätig. Kontakt: agnes.kugler[at]mokant.at

2 Comments

  1. Hui-Buh

    10. März 2015 at 03:45

    ***Obwohl bereits Anfang des 20. Jahrhundert erste Berichte über die schädliche Wirkung des Rauchens veröffentlicht wurden und in den 1950er Jahren der Zusammenhang zwischen Rauchen und Lungenkrebs bewiesen wurde, schenkte man zu dieser Zeit den Warnungen nur wenig Aufmerksamkeit.***

    Ist so nicht ganz richtig. Die Tabakindustrie wusste Bescheid, aber die haben das lange Zeit verheimlicht.

  2. Stefan Maier

    10. März 2015 at 11:16

    „In kaum einem anderen Land Europas ist das Rauchverbot in öffentlichen Lokalen so schwer durchzusetzen wie in Österreich.“

    Was aber nicht am Willen und Wunsch der Bevölkerung nach einem Rauchverbot liegt (und sogar Akzeptanz von Rauchern und Wirten), sondern am Klüngeln und Wurschtln. Die Österreicher und Wirte sind nicht weniger für ein klares Rauchverbot wie in Irland, Frankreich oder Bayern auch – sie sind nur zu unfähig (zu klaren Lösungen) und lassen sich mehr Angst machen als anderswo.

    Unterschiede bzgl. der Akzeptanz eines Rauchverbotes gibt es zwischen Iren, Italienern, Franzosen und Österreichern überhaupt nicht. In jedem Land galt vor Einführung des Gesetzes immer eben grade dort als am „schlechtesten durchsetzbar“, die Iren mit ihren Pubs, die freiheitlichen Franzosen, die traditionellen Bayern, und in jedem Land funkionierte es danach einfach. Man muss es halt nur machen. Die Österreicher sind da nichts besonderes, und auch tolerant genug für Rauchfreiheit.

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