Diagnose: Gleiche Arbeit, weniger Zeit

Ärztestreikkl

Am 19. März gingen Wiener Ärztinnen und Ärzte auf die Straße um ihren Forderungen nach fairen Arbeitsmodellen Gewicht zu verleihen. Jakob Riedl erklärt in seinem Gastkommentar die Hintergründe der Streitigkeiten.

Im letzten Jahr ist in der Ärztelandschaft viel passiert. Auslöser dafür war eine EU-Arbeitszeitrichtlinie aus dem Jahr 2003, welche eine Begrenzung der Arbeitszeit auf 48 Stunden pro Woche vorsah. Während diese Regelung in den meisten Bereichen gut umgesetzt wurde, wurde sie im ärztlichen Bereich schlicht ignoriert. Die Ärztekammer, die sich jetzt natürlich in die erste Reihe der Proteste einreiht, hat sich bedeckt gehalten. Vier Gesundheitsminister haben zugeschaut, ebenso viele Sozialminister ließen die Sache jahrelang unkommentiert stehen. Dann geschah elf Jahre erst mal nichts, bis zum März 2014, als es plötzlich schnell gehen musste. Die EU gab Österreich einen Monat Zeit, um einen Vorschlag für eine Umsetzung im Ärztebereich zu erstellen. Andernfalls würden sehr hohe Mahnungen anfallen.

Elf Jahre Stillstand
Das ist der Startschuss für die typisch österreichische Lösung. Neben Selbstmitleid und dem hin- und herschieben des schwarzen Peters wurde mehr Zeit eingefordert, denn es wurde klar, dass seit 2003, also seit über zehn Jahren niemand an eine Umsetzung der Arbeitszeitrichtlinie gedacht hatte. Und das, obwohl es ein offenes Geheimnis war und ist, dass die Spitalsärztinnen und –ärzte bedenklich lange Arbeitszeiten ertragen mussten. Außerdem wurde klar, dass eine simple Reduktion der Arbeitszeit nicht möglich sein wird, denn die bis dato ausbezahlten Gehälter bestehen zu einem großen Teil aus den Zulagen für die Nacht- und Wochenenddienste, während das Grundgehalt, proportional zur Arbeitszeit und zur Arbeitsbelastung, gering war.

„Es geht nicht um Privilegien“
Einige Medien kommentierten dies kurzerhand mit „weniger Arbeit, mehr Geld“. Dabei geht es nicht um Privilegien, sondern um Anpassung der Grundgehälter an die neuen Arbeitsbedingungen. Bisher war es üblich, ein niedriges Grundgehalt mit hohen Zulagen für die anfallenden Schichtdienste zu akzeptieren, was mit einer Arbeitszeit von weit über 60 Stunden einherging. Davon sind auch die Berufsanfänger betroffen, deren Gehalt bisher zu einem guten Teil aus den Zulagen bestand. Es geht also nicht um niedergelassene Ärztinnen und Ärzte, sondern um die, die in den Krankenhäusern die überfüllten Ambulanzen betreuen müssen. Wenn man bedenkt, dass sich Österreich den Nachbarländern gegenüber als attraktiver Arbeitsmarkt für Studienabsolventinnen und –absolventen positionieren muss, ergibt sich eine schwierige Ausgangssituation. Um die jahrelangen Versäumnisse auszugleichen, muss viel Geld in die Hand genommen werden. Was uns zu dem momentanen status quo führt, zum Streit über Gehaltsschemata zwischen Ärzteschaft und Politik. Die Intensität der Proteste zeigt jedoch, dass es um mehr als eine bloße Gehaltsanpassung geht, hier entlädt sich auch jahrzehntelang aufgebauter Frust.

Gleiche Arbeit, gleiche Ärzte, weniger Zeit
Doch dieser Streit ist kein Wiener Phänomen. In Salzburg warfen die Ärztinnen und Ärzte nach der Präsentation des neuen Gehaltsschemas demonstrativ ihre Kittel der Politik zu Füßen und verließen den Hörsaal. In der Steiermark wurde (wie vielerorts) die Opt-Out-Lösung angestrebt, was bedeutet, dass Ärztinnen und Ärzte freiwillig über die vorgegebenen 48 Stunden hinaus arbeiten „dürfen“. Eine Abteilung am LKH Graz weigert sich diese Regelung durchzusetzen. Nachdem keine alternative Lösung vorliegt, gibt es nun Schwierigkeiten bei der Dienstbesetzung. Deshalb sieht die Medizinische Universität Graz arbeitsrechtliche Schritte vor. Der Regelbetrieb kann nicht mehr aufrechterhalten werden, da die gleiche Anzahl an Bediensteten die gleiche Arbeit in weniger Zeit umsetzen muss. Dafür braucht es mehr Personal, das nicht da ist. Die Opt-Out-Lösung zu unterschreiben, würde zwar die Dienstbesetzung ermöglichen, aber nichts am ursprünglichen Problem, nämlich am Personalmangel, ändern. Die Konsequenz wird also ein Rechtsstreit sein, weil sich die besagte Abteilung dafür entschieden hat, auf ihr Recht auf die gesetzliche Arbeitszeit zu pochen.

Wien gewinnt ob seiner Größe an besonderer Bedeutung. Das AKH ist nicht nur das größte Krankenhaus in Österreich, es ist auch eines der größten in Europa. Dass Verhandlungen für eine solche Gruppe schwieriger sein können, ist nachvollziehbar. Mittlerweile ist daraus ein Grabenkampf zwischen der Ärztekammer und der Wiener Stadtregierung erwachsen, mit Stadträtin Wehsely als Gallionsfigur. Auch wenn im Landtag nun eine Lösung beschlossen wird, herrscht nach wie vor Unmut. Die Verhandlungen waren lange und zäh, das Outcome überzeugt in Summe nicht ausreichend.

Kausale Therapie notwendig
Bei den Gehaltsverhandlungen ist zwar nicht der große Wurf gelungen, aber es ist ein Kompromiss, mit dem zumindest ein Teil zufrieden sein wird. Wer aber glaubt, dass damit die Zukunft des Gesundheitssystems gesichert ist, irrt sich. Es wandern immer noch sehr viele Absolventinnen und Absolventen ins Ausland ab, wodurch der Nachwuchs immer noch geringer ausfällt, als er könnte. Denn auch mit der Quotenregelung der Studienplätze werden theoretisch genügend Junge ausgebildet, aber es wollen immer weniger hier bleiben. Eine Befragung der Studienvertretungen der Medizinischen Universitäten zeigt, dass 52,9 Prozent der Studierenden im letzten Studienabschnitt (Klinisch-praktisches Jahr) nicht in Österreich bleiben wollen. Der Hauptgrund war zwar das Gehalt, aber direkt danach kamen Ausbildung und Arbeitsbedingungen. Die Anpassung der Gehälter mag also vorerst für Frieden sorgen, ist aber nicht die langfristige Lösung.

Dafür muss an vielen Stellen angesetzt werden, und kein Lösungsansatz führt an den Uniabsolventinnen und –absolventen vorbei. Wie die Befragung zeigt, braucht es eine fundierte Ausbildung, wozu auch ein respektvoller Umgang gehört. Wer im Turnus ist, wird vor allem als billige Systemerhaltung gesehen, was sich in der täglichen Arbeit, in der Motivation und in der langfristigen Ausbildung widerspiegelt. Österreich hat zusätzliche Zeit gewonnen, diese gilt es nun zu nutzen. Die Ausbildung für Jungärztinnen und –ärzte wurde gerade reformiert, wobei die Reform mit kritischen Augen betrachtet wird. Viele Seiten bezeichnen die Reform als rein kosmetische Veränderungen, andere als eine Modernisierung. Ob diese Reform Früchte trägt, wird sich zeigen.

Titelbild: (c) ÖH Med Wien

Jakob Riedl ist im Vorsitzteam der ÖH Med Graz. Ob Medizin, Ethik oder Playstation – er diskutiert leidenschaftlich gerne über Gott und die Welt.

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