Nachbarschaft: Der Salafist in meinem Haus

Foto: (c) Caroline Böhm

Täglich hören wir von der Gefahr, die von radikalisierten Muslimen ausgeht. Doch wie ist es, mit ihnen in einem Haus zu leben? Zu Besuch bei einem Wiener Studenten

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Im Park der Venediger Au riecht es eindringlich nach Cannabis. Allein die Wahrnehmung dessen ist absurd. Denn die eigentliche Aufregung rührt von etwas anderem her: wir nähern uns der Altun-Alem-Moschee in der Nähe des Pratersterns. Dieser Moscheeverein wird von Salafisten als Versammlungsort genutzt. Laut einem Profil-Artikel befindet er sich im Visier des österreichischen Verfassungsschutzes. Mitglieder des Vereins stehen im Verdacht eine terroristische Vereinigung gegründet zu haben. Ebu Tejma, lange Zeit dortiger Hausprediger, gilt zudem als enger Vertrauter des sogenannten „Hasspredigers“ Pierre Vogel.

Von außen ist die Moschee unscheinbar, fast läuft man im Dunkeln an ihr vorüber. Die Gebetsräume befinden sich im Keller eines Jugendstil-Hauses. Ein Garten macht es unmöglich, direkt in die Räume zu blicken. Neben der Eingangstür des Mehrfamilienhauses führt eine separate Tür hinab zum Verein. Kurz vor dem Klingeln an Bens (Name geändert, Anmerkung der Redaktion) Haustür wagen wir noch einen raschen Blick durch das verglaste Kellerfenster. Das Herz klopft bis zum Hals, jedoch ist kein Mensch zu sehen. Die Innenräume sind hell erleuchtet, in einem Regal neben der Treppe stehen zahlreiche Schuhpaare – es scheint Gebetszeit zu sein.

Unter sich und unauffällig im Keller
Ein Mitte 20-Jähriger mit bärtigem Gesicht öffnet die Tür. In seiner derzeitigen Wohnung lebt Ben seit Beginn seines Veterinärmedizin-Studiums vor zwei Jahren. Ihm zufolge steht tagtäglich zu bestimmten Uhrzeiten eine Gruppe von etwa 10-20 meist jungen Männern vor der Haustür. Jeder, der das Haus betreten möchte, muss sie durchqueren. Einen anderen Zugang zum Wohnhaus gibt es nicht. Bislang wurde Ben von ihnen nie angesprochen, bloß „am Anfang haben die mich manchmal gegrüßt. Halt auf arabisch. Aber da habe ich nicht geantwortet.“ Obwohl er sie jeden Tag passiert, würde er vermutlich keinen einzigen von ihnen wiedererkennen. „Fetter Bart, schwarz gekleidet mit Outdoor-Jacken und Salomon-Schuhen. Die sehen alle gleich aus.“

Für kurze Zeit hing ein Zettel an der Kellertür: „Islamunterricht für Frauen“. Gesehen hat Ben dort jedoch noch keine Frau. Sonst bekommt er nicht viel mit von seinen radikal-gläubigen Nachbarn. Nur selten dringen Gebets- oder Gesprächsfetzen hinauf in seine Wohnung. Ihm sei lediglich aufgefallen, dass in den Kellerräumen zu jeder Tages- und Nachtzeit Licht brenne. „Wenn ich vom Feiern komme, also um 5 Uhr, um 3 Uhr oder um 2 Uhr; es brennt immer Licht.“ Die salafistischen Hausbewohner bleiben unauffällig und unter sich, man lebt aneinander vorbei. Ben vermutet dahinter eine Taktik: „Sie schippen im Winter Schnee vor dem Haus. Für das ganze Haus, nicht nur vor ihrem Eingang. Ich glaube, das ist so ein bisschen: Wir lassen euch in Ruhe. Dafür lasst ihr uns da wohnen. Wir machen keinen Stress im Haus.“ Trotzdem rufe einer seiner Freunde bei jedem Besuch zuvor an – wegen der Männer hat er keine Lust länger als notwendig vor verschlossener Tür warten zu müssen.

Im Visier der Behörden
Scheinbar nicht ganz unbegründet: Bei einer Großrazzia im November 2014 wurde Ebu Tejma festgenommen. Laut Kurier sieht die Grazer Staatsanwaltschaft aufgrund seiner „Prediger-, Lehr- und Ideologisierungsarbeit“ in ihm die Schlüsselfigur bei der Rekrutierung von Dschihad-Kämpfern für IS und Al-Nusra in Syrien. Von der Razzia selbst hat Ben nichts mitgekriegt, nicht das Aufbrechen von Türen und keine lauten Rufe. Aufmerksam machten ihn erst Journalisten des ORF, als sie ihn am nächsten Morgen um ein Interview baten. Trotzdem ist nun klar, dass sein Wohnhaus observiert wird. Öfters seien bereits Elektriker bei ihm in der Wohnung gewesen. „Vielleicht war da schon einer vom Verfassungsschutz, der hier irgendwas eingebaut hat, um unten abzuhören. Dass sie abgehört werden oder irgendwelche Informanten da sind, das glaube ich hundert pro.“ Bislang habe er aber noch keine auffällig oft kreuzenden Jogger bemerkt.

Weder Schweinekotelett noch Charlie Hebdo
Mitbekommen hat Ben auch nicht, ob seine außergewöhnlichen Nachbarn jemals in der Hausgemeinschaft thematisiert wurden. Zumindest gab es bisher weder einen Aushang noch Gespräche im Hausflur. Er alleine verspüre kein Bedürfnis, mit den Männern selbst zu reden – „weil ich weiß, das bringt eh nichts.“ Die Frage, ob er nicht manchmal das Verlangen nach Protest und Provokation habe, verneint er. „Ich würde sagen, dass ich sie akzeptiert habe. So dumm, wie das klingt.“ Anfangs habe er noch gedacht: „Okay, scheiße. Das sind krasse Leute, eigentlich muss man da schon etwas gegen machen. Wenn man einen Nazi-Laden im Haus hat, dann würde man wahrscheinlich auch etwas dagegen tun.“

Diese Einstellung hat sich jedoch gewandelt. „Die sind schon echt nochmal eine andere Stufe. Und ich kann sie auch nicht einschätzen.“ Zudem wisse er, dass er nichts gegen sie ausrichten könne. „Ich kann sie ärgern, indem ich die neue Charlie Hebdo-Ausgabe oder ein Stück Schweinekotelett dahin lege. Aber ich weiß, dass es nichts bringt, weil das denen eh scheiß egal ist.“ Außerdem vermutet er, dass sie sich darüber wahrscheinlich sogar freuen würden. „Weil sie denken: Ohja, wir sind schon wieder im Mittelpunkt.“ Mit Angst vor seinen Nachbarn habe diese schweigende Akzeptanz aber nichts zu tun. „Ich denke, die sprengen nicht ihr eigenes Haus in die Luft. Sie würden mich auch nicht schlagen. Weil sie einfach viel zu viel Angst vor Stress haben. Die wollen Stress vermeiden. Hier ist ja ganz klar, auf wen es zurückfällt.“ Einen Umzug wegen seiner Nachbarn hat Ben jedenfalls noch nicht in Erwägung gezogen.

Journalisten und Salafisten
Letztlich fehlt noch ein Foto für den Artikel, am liebsten vom Eingang des Vereins. Mittlerweile ist es dunkel. Es könnte riskant sein, mit dem Blitzlicht der Kamera die Aufmerksamkeit der Vereinsmitglieder auf sich zu ziehen. Denn ein Artikel der Presse zeigt deutlich, wie es anderen Journalisten am selben Ort mit diesem Wunsch erging. Im Oktober 2013 bedrohte ein Türsteher mit Pistolenholster ein Kamerateam des ORF. Sie wollten ein Treffen von Ebu Tejma mit weiteren, ebenfalls höchst umstrittenen Salafisten-Predigern wie Abu Abdullah filmen.

Auch Ben erzählt eine ähnliche Geschichte: „Man muss auf jeden Fall ein bisschen aufpassen. Die sind einerseits ziemlich zurückgezogen. Aber wenn man ihnen zu nahe kommt, dann, glaube ich, kommen sie raus.“ Einmal konnte er beobachten, dass Journalisten auf der Straße standen und den Eingang gefilmt haben. „Da kamen sie sofort raus und haben mit dem Handy Fotos gemacht. So, so so, alle abfotografiert und wieder runter. Nach dem Motto: Wir wissen, wer ihr seid.“ Beim Verlassen seiner Wohnung gibt Ben daher noch einen Rat. „Ich würde vorsichtig sein. Ich glaube, die Leute sind echt gefährlich.“ Einige Tage später geht es trotzdem erneut zum Moscheeverein, mit einer Kamera im Gepäck und zitternden Knien. Doch das mulmige Gefühl ist unbegründet: die Männer bleiben auch bei dieser Rückkehr unter sich.

Titelbild: (c) Caroline Böhm

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Caroline Böhm studiert Europäische Ethnologie und Kunstgeschichte in Wien. Seit Jahren denkt ihre Großmutter daher, sie würde sich ihre Zeit hauptsächlich in Wiener Kaffeehäusern vertreiben. Sie selbst bestreitet dies natürlich vehement. Kontakt: caro.boehm[at]mokant.at

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