Albertina: eine Traumreise

© Musee d´Orsay, Paris, Dist. RMN-Grand Palais, Herve Lewandowski

Die Ausstellung Degas, Cézanne, Seurat – das Archiv der Träume in der Albertina umfasst 130 der herausragendsten Zeichnungen aus dem Musée d’Orsay in Paris.

Betritt man den Raum, ist man mittendrin. Mittendrin in den Träumen der Künstler, in ihren Wünschen, ihren Selbstdarstellungen. Von Albträumen bis zu schönen Träumen ist alles vertreten. Es ist wie eine Ansammlung von gedanklichen Experimenten, Vorstellungen, Visionen und Hoffnungen. Das Archiv der Träume trägt den Namen zurecht. Die Ausstellung ist wie eine Reise durch die Traumlandschaften der Künstler.

Das Ich
Die Reise beginnt mit Selbstportaits. Teilweise sind es sehr detaillierte und ästhetische Darstellungen, andere Künstler scheinen sich selbst als schrecklich betrachtet zu haben, was sich in ihren Selbstbildnissen äußert. Deplatzierte Gesichtsmerkmale und deformierte Gesichter machen das deutlich. Man sieht, wie Künstler wie Léon Spilliaert oder Lovis Corinth sich selbst sehen. Während ersterer sich als einen schönen, jungen Mann betrachtet, ist letzterer von seinem Erscheinen deutlich weniger begeistert. Sein Selbstbildnis zeigt von wenig Ästhetik, das Gesicht ist verzogen und eine Gesichtshälfte wirkt verschoben. Während der erste Blick diesen Eindruck vermittelt, merkt man bei näherer Betrachtung, dass mehr dahinter steckt: Corinth zeigt mit dem Selbstbildnis den Schmerz und die Angst, die ihn tagtäglich quälen. Auch Spilliaert ist von Sorgen geprägt, was durch die dunklen Augenhöhlen offensichtlich wird. Die Betrachtung des Ich in Hinblick auf Ängste, Sorgen, Zweifel und Schmerz wird hier thematisiert.

Zwischen Traum und Albtraum
„All diese Merkwürdigkeiten, die das 19. Jahrhundert als ein so zerrissenes, gespaltenes Jahrhundert kennzeichnen, haben die Kuratoren zur Wegmarke dieser Ausstellung gemacht. Es ist eine Ausstellung, die spannendste Gegenüberstellungen, Entdeckungen und Begegnungen erlaubt“, so der Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder.

Gustave Moreau Kleopatra, 1883 © Musée d'Orsay, Paris, Dist. RMN-Grand Palais, Tony Querrec

Gustave Moreau, Kleopatra, 1883
© Musée d’Orsay, Paris, Dist. RMN-Grand Palais, Tony Querrec

Die Probleme und Ängste dieser Zeit wurden von den Künstlern in verschiedensten Szenen dargestellt. Giovanni Segantini porträtiert Bauern und Landarbeiter, die von der schweren Arbeit sichtlich erschöpft sind. Sie beklagen sich dennoch nicht. Dieser Eindruck entsteht durch die diffuse, rötliche Darstellung der Szenen. Es wird nichts romantisiert, sondern lediglich der Lauf des Lebens dargestellt.

Arthur Rackham hingegen spielt mit dem Element Schatten. Einfache Szenen lässt er durch gezielte Schattenwürfe wie einen Albtraum wirken: zwei Menschen die an einem Tisch sitzen und sich unterhalten, deren Schatten wie Monster scheinen. Der Künstler scheint Ängste und Probleme der Zeit damit ausdrücken zu wollen. Die Schrecklichkeit des Lebens, die sich in den Albträumen widerspiegelt.

Gustave Moreau hat sich nicht auf seine Ängste, sondern auf seine Träume konzentriert. Träume von verschiedenen, wunderschönen Frauen. Sowohl Kleopatra als auch Salome hat er in seinen Zeichnungen mit sorgfältigstem Detail dargestellt. Gold-, weiß- und Rotschimmer erwecken den Anschein, die Bilder würden funkeln. Der Fokus liegt auf der Grazie und Eleganz der Frauen. Auch Carlos Schwabe thematisiert die Frau, aber auf andere Weise: Die Frau stellt die männliche Angst vor dem Lust-Tod als Todesengel dar, als „femme fatale“. Sie scheint eine Art Erlöserin zu sein, die den Mann befreien möchte. 

Paul Cézanne, Montagne Sainte-Victoire, 1900-1902 © Musée d´Orsay, Paris, Dist. RMN-Grand Palais, Tony Querrec

Paul Cézanne,
Montagne Sainte-Victoire, 1900-1902
© Musée d´Orsay, Paris, Dist. RMN-Grand Palais, Tony Querrec

Französische Klassiker
Edgar Degas nimmt kurz eine Auszeit von seinem Lieblingsmotiv der Tänzerinnen und beschäftigt sich mit Landschaften. Mit zarten Pastelltönen aber auch warmen Farben stellt er die Schönheit der Landschaften dar. Die weiche Darstellung und die sanft ineinander übergehenden Farben erwecken ein Gefühl der Wärme. Die Darstellung der Landschaften könnte auch als den Wunsch oder Traum zu reisen gesehen werden. Aber auch Degas’ Hauptmotiv bleibt nicht lange aus: Zeichnungen von Tänzerinnen in Pastelltönen sind auch in dieser Ausstellung  vertreten. Das Hauptelement des Künstlers ist anscheinend auch Teil seiner Traumwelt. Andere französische Künstler wie Paul Cézanne und Pierre-Auguste Renoir tragen auch Werke idyllischer Darstellungen zur Ausstellung bei.

Das Archiv der Träume kann nur schwer zusammengefasst werden. Mit 130 einzigartigen Werken aus dem  Musée d’Orsay in Paris ist sie eine Ausstellung, die entdeckt werden muss. Wie eine Reise, die nicht beschrieben werden kann — sondern die man nur selbst mit eigenen Augen erleben kann.

Die Ausstellung ist noch bis 3. Mai 2015 in der Albertina zu sehen.

Titelbild: Edgar Degas, Nach dem Bad (Frau, sich den Nacken trocknend), 1885 – 1886;
© Musée d’Orsay, Paris, Dist. RMN-Grand Palais, Herve Lewandowski

 

Kiana Fathi ist als Redakteurin für mokant.at tätig und studiert Publizistik an der Universität Wien. Kontakt: kiana.fathi@mokant.at