Alexandra Schneider: „Mit Mursi setzte Entsetzen ein“

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Ein Film erzählt von der Zeit nach der Revolution in Ägypten. Im Mittelpunkt steht die neue ägyptische Generation – Opfer und Heldinnen

Regisseurin Alexandra Schneider erzählt  von ihrer Arbeit in Ägypten und ihrem neuen Dokumentarfilm „Private Revolutions“, der derzeit in den österreichischen Kinos zu sehen ist. Im Film begleitet sie eine Bankerin, die ihre Karriere für ihren Traum aufgibt, eine Muslimschwester, die für die Kampagne Mursis arbeitet und zwei weitere Revolutionärinnen. Ein Gast-Interview von Nermin Ismail.

Zum zweiten Teil des Interviews: „Wir wissen wenig über Ägypten“

Nermin Ismail: Der Film fängt mit den Parlamentswahlen 2011 an. Wie lange haben Sie für den Film in Ägypten gedreht?
Alexandra Schneider:
Wir waren das erste Mal im Juni 2011 dort. Der offizielle Drehbeginn war im November 2011. Da waren wir sechs Wochen unten für die Parlamentswahlen. Dann war ich 2012 in Summe neun Monate unten. Das letzte Mal gedreht haben wir im Februar 2013.

Nermin Ismail: Wer sind diese Frauen, die im Film begleitet werden?
Alexandra Schneider: Amani ist eine sehr außergewöhnliche Frau, die Medienwissenschaften studiert hat. Eine Radiomacherin und Revolutionärin. Sie will einen Diskurs über Frauenrechte starten, nicht in der intellektuell gebildeten Oberschicht, sondern mit jungen Frauen aus allen Schichten. Sie kämpft darum, dass soziale Themen aufgegriffen werden; von Heirat um jeden Preis, das Problem der Scheidung über sexuelle Belästigung in der Öffentlichkeit.

Sharbat ist eine Aktivistin, die auf der Straße politisch aktiv ist. Jemand, der unmittelbar durch Demonstrationen versucht etwas zu ändern. Trotz Widerstand der ganzen Nachbarschaft und der Familie. Sie kommt aus einer unteren Schicht und lebt knapp über den Existenzminimum. Sie ist jemand, der sehr unmittelbar für Dinge kämpft, die sehr viele Ägypter betreffen.

Fatema kommt aus einer reichen Familie. Hat gerade ihr PHD in Politik absolviert. Gleichzeitig ist sie dreifache Mutter und bei den Muslimbrüdern sehr engagiert, in durchaus wichtigen Positionen. Sie versucht ihre berufliche Karriere und ihr Engagement mit ihren Verpflichtungen als Ehefrau und Mutter unter den Hut zu bringen.

Mey kommt aus einer wohlhabenden Bankerfamilie. Sie ist Nubierin, das ist eine Minderheit aus dem Süden. Mey hängt eine sehr erfolgversprechende Bankerkarriere an den Nagel, weil sie in der Region ihrer Eltern rund um Aswan regionale Entwicklungsprojekte aufbauen möchte. Sie will die kulturelle Identität stärken und aus Nuba eine attraktivere Gegend machen.

Nermin Ismail: Wie waren die Dreharbeiten in Ägypten? Im Film kommt auch vor, dass sich Menschen über Ihr Auftreten in ihrer Gegend beschweren. Gab es viele Schwierigkeiten als österreichische Filmemacherin dort zu arbeiten?
Alexandra Schneider: Dass sich grundsätzlich die Stimmung verändert hat, haben wir gespürt. Von dieser große Euphorie und Hoffnung Anfang 2011 kippt es dann zunehmend in Frustration und Ernüchterung. Es war auch für viele schockierend, dass das erste Mal von allen Oppositionsbewegungen sich die Muslimbruderschaft durchsetzen konnte und alle anderen linksliberalen oder revolutionären Gruppen kaum über ihre eigenen Zirkel hinaus bekannt geworden sind. Mit Mubarak war noch nicht die Spitze des Eisberges erreicht. Politischen Aktivisten war das bewusst, dass das Militär kein Freund des Volkes ist, aber vielen Ägyptern war das nicht bewusst und wie viele Personen in Machtpositionen da verwickelt sind. Auch wie schwer das wird, das hätte niemand erwartet. Es gab ja einfach Befehle auf Demonstranten zu schießen. Mit dieser Umbruchssituation hat sich die Gesellschaft immer mehr aufgesplittert. Die einen meinten, man muss sich mehr einsetzen für eine Veränderung und die anderen, die meinten vorher war alles nicht so schlimm und wollten zurück zur Normalität. Aus heutiger Sicht find ich es einen ganz normalen Diskurs, dass der Prozess einer Demokratisierung über Jahrzehnte dauert, aber natürlich ist das im Moment wahnsinnig frustrierend. Das ist aber gezielt geschürt worden. Das ist die Lieblingsstrategie der Regierung, dass das böse Ausland geheimnisvolle Sabotageakte plant und das edle ägyptische Volk unterwandert. Gerade in der Zeit unserer Dreharbeiten gab es einige so Kampagnen gegen ausländische Journalisten, die haben gefruchtet, weil sie dazu beigetragen haben, dass das Bild derer, die offensichtlich keine Ägypter sind und mit einer großen Kamera unterwegs sind, ein sehr negatives war.

Nermin Ismail: Wie haben die Menschen sonst auf euch reagiert?
Alexandra Schneider: Prinzipiell waren die Leute wahnsinnig liebenswürdig und offen. Auch zu meinen Protagonistinnen habe ich eine ganz enge Beziehung entwickelt. Sonst waren die Leute auch sehr interessiert und neugierig. Ich finde es als Europäerin sehr beeindruckend, wie sehr es diese Kultur der Gastfreundschaft gibt, die es bei uns ja überhaupt nicht gibt. Natürlich gab es dann bei angespannten Situationen wie bei der Präsidentschaftswahl, nachdem die ganzen liberalen und linken nicht mehr weiterkamen und es zu der Stichwahl zwischen Mursi und Shafik kam. Wo viele den Eindruck hatten, jetzt können sie zwischen Pest und Cholera auswählen. In dem Viertel, wo Sharbat wohnt, wo sie gewohnt sind alles selbst in die Hand zu nehmen, weil die Polizei da gar nicht reinkommt, kam es zu Schwierigkeiten. Bei Demonstrationen war es so, dass auf Demonstrationen losgegangen wurde wie auf uns. Da gab es auch sicher bezahlte Baltageya (Schlägertypen), die extra darauf angesetzt waren, Stress zu machen.

Nermin Ismail: Eine Protagonistin hat sich dann vom Filmprojekt verabschiedet, warum eigentlich?
Alexandra Schneider: Bei den Muslimenbrüdern, denke ich ist es so, dass die erste Phase der Drehzeit in die Phase hineingefallen ist, als sie großes Interesse hatten, sich der Welt als neue Partei zu positionieren und sich als modern und gemäßigt zu präsentieren, ab dem Moment wo sie die Wahl gewonnen hatten und die absolute Mehrheit im Parlament hatten, gab es für sie keinen Grund mehr sich nach außen zu öffnen. Sie sind dann zurückgekehrt zu diesem alten Verhalten, dass man niemand außerhalb der eigenen Reihen traut.

Das haben wir beim Filmen mit Fatema gespürt. Ich glaube nicht, dass es ihre persönliche Entscheidung war, nicht mehr mitzumachen, sondern dass das eine Ansage von oben war, das hat sie mir so auch kommuniziert. Sie hatte nicht mehr viel Spielraum.

Nermin Ismail: Wie war es vor allem als Europäerin in dieser Welt einzutauchen?
Alexandra Schneider: Ich hatte Bedenken, dass ich als Ausländerin einen Film über die ägyptische Revolution mache. Ich war anfangs unsicher, ob das funktioniert und ob das nicht total vermessen ist, noch dazu, da ich die Sprache nicht kann. Es hat sich gezeigt, dass es ein Vorteil war, weil so unterschiedlich die Frauen waren, haben die sich auf mich eingelassen und mir vertraut, weil ich als Neutrale wahrgenommen wurde. Eine Ägypterin, hätte nicht mit einer Muslimschwester und einer Gegnerin der Muslimbrüder gedreht, weil man erwartet hätte, dass sie eine Position hat. Das hat man gemerkt. Wenn ägyptische Teammitglieder dabei waren, haben die sich immer in Diskussionen verstrickt sei es mit Sharbat oder mit Fatema. Manche waren einfach total frostig. Bei Männern besonders, weil sie es nicht gewohnt sind, im Hintergrund zuzuhören und die anderen reden zu lassen. So ein beobachtender Dokumentarfilm ist auch nicht wirklich sehr etabliert in Ägypten, einfach dabei zu sein und möglichst unauffällig zu sein.

Nermin Ismail: Welche Phasen des arabischen Frühlings haben Sie mit der Kamera begleitet?
Alexandra Schneider: Anfang 2011 war eine Phase der Euphorie. Bei der Parlamentswahl gab es dann schlimme Zusammenstöße auf der Mohamed Mahmoud-Straße. Eine große Ernüchterung ist dann eingetreten, da das Militär auf einmal dann auch auf die Demonstranten geschossen hat und zwar scharf. Auch, dass die Muslimbrüder mit den Salafisten über 80 Prozent aller Sitze im Parlament hatten. Wo sich dann viele gefragt haben: Was hat das jetzt eigentlich alles gebracht? Das wird alles nicht so  einfach wie wir dachten. Wir haben uns das mit der Demokratie anders vorgestellt. Was parallel passiert ist, ist, dass alte Ängste, die unter Mubarak schon geschürt wurden, wie: „Wenn nicht ich, dann das Chaos oder der Fanatismus“, zu spüren waren. Es hat sich bestätigt. Dann mit Mursi setzte ein echtes Entsetzen ein, wo man gemerkt hat, es hat sich nichts geändert am System. Zwei Jahre Wirtschaftskrise, Stromausfall und alles. Dann war die Lage besonders angespannt.

Nermin Ismail: Die vier Frauen sind zwar alle Ägypterinnen, aber ziemlich verschieden. Hatten Sie den Anspruch alle Schichten zu repräsentieren? Wie erfolgte die Auswahl der vier Protagonistinnen?
Alexandra Schneider: Ich hatte den Wunsch, dass eine Vielfalt von Frauen, von Ideologien vertreten ist, aber auch von Arten des Engagements. Es sind nicht vier Frauen, die alle bei den Straßendemos oder, die alle in einer Partei sind. Wie der Titel suggeriert. Ein echter Umbruch findet auf der Straße, aber auch im Privaten statt. Wichtig ist, dass der private Diskurs beleuchtet wird, der kommt oft zu kurz, weil er nicht leicht zugänglich ist. Das ist der Vorteil eines Films, man kann über einen längeren Zeitraum beobachten. Das war auch mein Ziel. May hat andere Art von Revolution und auch Amani und es ist wichtig, dass sie vertreten sind und nicht nur eine Sharbat und eine Fatema, deren Engagement ich super finde. Es gibt Veränderungsprozesse auf vielen Ebenen.

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Titelbild: © Daniela Praher Filmproduktion

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