Schwendermarkt: Spielball der Bezirkspolitik

Foto: (c) Caroline Böhm

Der Wiener Markt hat schon bessere Zeiten gesehen. Bürger, Bezirk, Wirtschaftskammer und das Marktamt – alle wollen mitreden.

Die grüne Markise hängt bereits in Fetzen herab. Staub sammelt sich an der Glasscheibe, hinter der noch vor wenigen Monaten frisches Brot über die Ladentheke wanderte. Ein letzter Flugzettel klebt an dem mittlerweile leerstehenden Stand. Im Namen einer Bürgerinitiative mahnt er, den kursierenden Gerüchten über einen drohenden Abriss des Schwendermarktes keinerlei Glauben zu schenken. So heruntergekommen und leergefegt der Markt im Winter auch wirken mag – der Flyer zeigt deutlich die Konflikte, die hinter seinen Kulissen zwischen den verschiedenen lokalen Akteuren im 15. Wiener Gemeindebezirk lodern.

„Es war nie entschieden, dass er wegkommt!“
Begonnen habe alles mit einer Presseaussendung der ÖVP zu Beginn des Jahres, berichtet Tamara Schwarzmayr von der Initiative „Samstag in der Stadt“. „Der ganze Beton muss weg“, forderte damals Georg Hanschitz, Parteivorsitzender von Rudolfsheim-Fünfhaus. Der Schwendermarkt zähle zu den „Schandflecken Wiens“. Der ÖVP-Antrag zur Begrünung des Marktes führte zu großem Medienecho; es kursierten Gerüchte über eine geplante Schleifung des gesamten Marktareals. Dem widerspricht Alexander Hengl, Mediensprecher des Marktamtes: „Es war nie entschieden, dass er wegkommt!“ Dennoch versetzten die unterschiedlichen Stellungnahmen der einzelnen Parteien in den Medien Anwohner und Standbesitzer in Angst und Schrecken. Unter dem Motto „Schwendermarkt bleibt“ formierte sich daher eine Bürgerinitiative. Gemeinsam sammelte sie in kürzester Zeit 1700 Unterschriften für dessen Erhalt und forderte neben einem weiterhin konsumfreien öffentlichen Raum auch Verbesserungen wie Sonnenschutz und mobile Sitzmöglichkeiten. Unter dem Druck der Öffentlichkeit haben die Fraktionen der Wirtschaftskommission dem Erhalt des Marktes im Oktober zugestimmt.

Wie konnte es soweit kommen?
Tatsächlich lädt der Markt im Winter nicht zum Verweilen ein. Ein kalter Wind weht über seine Freifläche, die Betonwände der Passage zwischen den Marktständen sind mit Graffiti überzogen. Nicht nur die Bäckerei, auch der Stand des ehemaligen Obsthändlers ist verlassen. Doch immerhin: Fischbrötchen gibt es noch. Lediglich ein einzelner Fischhändler ist geblieben, obwohl der Schwendermarkt 1833 als Fischmarkt begann. Anfangs florierte er durch seine verkehrsgünstige Lage direkt an der äußeren Mariahilfer Straße. Im Zuge von Sanierungs-Maßnahmen wurde er zuletzt 2002 erheblich verkleinert. Gleichzeitig hat sich die Bevölkerungsstruktur des Bezirks verändert – laut einer Statistik der MA23 war Rudolfsheim-Fünfhaus im Jahr 2011 der einkommensschwächste Wiener Gemeindebezirk. Nach telefonischer Auskunft des Marktamtes sind zurzeit zwar alle Stände vergeben, allerdings seien die Stände an sich alle sehr klein und daher unattraktiv. Ein weiteres Problem sind die unterschiedlichen Zuständigkeiten. Die festen Marktstände sind Eigentum der Händler selbst – sie investierten eine hohe Summe in deren Kauf und zahlen zudem monatliche Pacht an das Marktamt. Einige der Inhaber stehen kurz vor ihrer Pensionierung, eine Anpassung an die veränderten Bedingungen bedeutete jedoch weitere Investitionen. Ein Teufelskreislauf, meint Schwarzmayr von der Initiative „Samstag in der Stadt“. Für die öffentlichen Flächen ist dagegen der Bezirk verantwortlich. „Von der Politik kommt das Geld für die laufenden Ausgaben wie Reinigung und Schädlingsbekämpfung“, berichtet Hengl, Sprecher des Marktamtes. „Wenn kein Geld kommt, dann kann der Markt auch nicht erhalten bleiben.“ Die finanzielle Förderung durch die Wirtschaftskammer der Stadt Wien ist nun beschlossen, zusätzlich steht eine Finanzierung mit den städtischen Fördermitteln der „Initiative Reindorf“ im Raum. Die Sanierung und Umgestaltung des Stadtteils Reindorf sind bereits von langer Hand geplant, auch der Schwendermarkt ist Teil dieses Gebiets.

Bezirkspolitischer Spielball
Konkrete Maßnahmen gebe es allerdings noch nicht, sagt SPÖ-Bezirksvorsteher Zatlokal während eines Interviews im Dezember. Für Anfang des kommenden Jahres plant er zunächst einen runden Tisch, um alle „Player“ kennenzulernen und – „so breit wie möglich“- unterschiedliche Meinungen einzuholen. Doch: „Die vielen Ideen müssen auch finanziert werden.“ Vor 2018 sei daher keine großangelegte Neugestaltung des Marktes möglich. Zum einen liege das an dem fehlenden Budget neben einem Großprojekt wie der Wasserwelt, zum anderen an einer Vorlaufszeit von zwei bis drei Jahren. Kurzfristig finanzierbar seien aber kleinere Projekte zwischendurch, wie Sitzgelegenheiten. Das größte Potential des Schwendermarktes sieht er aber ohnehin woanders: „Der Platz hat soziale Komponenten, da gibt es Kommunikation.“ Diese gelte es zu erweitern, etwa durch lokale Produkte, die man im Supermarkt nicht kaufen könne. Momentan erarbeite zudem ein Interessent das Konzept für einen der Stände. Er besitze bereits einen Stand auf einem „nicht unbedeutenden Markt“ und plane sowohl eine Verkaufsfläche als auch ein integriertes Lokal. Zatlokals Meinung nach mache es jedoch keinen Sinn alles zu planen, wenn die Größe und der Erfolg des Schwendermarktes noch nicht absehbar sind. Ob er für neue Konzepte, geschweige denn deren Konkretisierung überhaupt noch noch die Möglichkeit hat? Im kommenden Jahr wird ein neuer Bezirksvorsteher gewählt. Unmittelbar nach Aussendung von Zatlokals offizieller Stellungnahme im Oktober meldeten sich daher auch andere Parteien zu Wort. „Seit Jahren predigt die ÖVP, dass endlich etwas zur Rettung des Marktes getan werden muss“, verkündete Georg Hanschitz, Parteivorsitzender des Gemeindebezirks, in einer weiteren Presseaussendung. „Nun scheint diese Botschaft endlich auch bei der SPÖ angekommen zu sein.“

Foto: (c) Caroline Böhm

Foto: (c) Caroline Böhm

(K)ein toter Markt
Doch auch bevor von politischer Seite das Versprechen einer Finanzspritze kam, tat sich bereits einiges im Grätzel rund um den Schwendermarkt. Schon seit 2010 engagieren sich Nadia Prauhart und Tamara Schwarzmayr mit ihrer Initiative „Samstag in der Stadt“ für die lokale Bevölkerung. Unter dem Anspruch „jede/r hat ein Recht auf Stadt“ organisieren die beiden Frauen Angebote wie eine wöchentliche, kostenlose Sozialberatung, einen Nachbarschaftsgarten und den Flohmarkt „der wiedergefundenen Dinge“. Auch ihrem Engagement ist es zu verdanken, dass neuerdings jeden Donnerstag und Samstag drei Marktfahrer der beginnenden Kälte trotzen. Ivan Bankov etwa verkauft seine Bauernprodukte seit September auf dem Schwendermarkt. Er hat durch seinen täglichen Wechsel zwischen den verschiedenen Märkten Wiens einen direkten Vergleich. „Der Naschmarkt ist unter der Woche tot. Unsere Sachen kann man dort nicht verkaufen.“ Von seinem neuen Standort dagegen ist er positiv überrascht – „Wir sind zufrieden, weil die Menschen Interesse haben.“ Doch es gibt auch Kritiker. „Ich hab die Schnauze voll“, schimpft Herr Peregi, der ortsansässige Fischhändler. „Das ist ein toter Markt, seit 10 Jahren.“ Die Aktionen der beiden Initiativen sind seiner Meinung nach sinnlos: die Menschen, die die Petition unterschrieben haben, kämen nicht zum Einkaufen.

Instrument im Wahlkampf
Auf der Mitte des Platzes steht in diesem Winter ein großer Weihnachtsbaum. Ihn spendete der Bezirksvorsteher, als ersten Vorboten der versprochenen Veränderungen. Er ist eingezäunt, umgeben von Bauzäunen und rotem Absperrband. Damit wirke er wie ein „Gated Christmas Tree“, schmunzelt Schwarzmayr. Vom Weihnachtsmarkt auf dem Schwendermarkt habe sie nur durch Zufall erfahren, berichtet sie. Das Kommunikationsproblem zwischen Bürgern, Bezirk, Marktamt und Wirtschaftskammer setzt sich fort. Trotzdem ist Schwarzmayr zuversichtlich, dass in Zukunft lokale Entscheidungen nur noch mit Bürgerbeteiligung getroffen werden können. „Es ist ein Schritt passiert und dessen sind sie sich bewusst.“ Spätestens im Oktober wählen die Wiener Bürger neue Bezirksvertretungen. Am Schwendermarkt hat der Wahlkampf bereits begonnen.

Titelbild: (c) Caroline Böhm

Caroline Böhm studiert Europäische Ethnologie und Kunstgeschichte in Wien. Seit Jahren denkt ihre Großmutter daher, sie würde sich ihre Zeit hauptsächlich in Wiener Kaffeehäusern vertreiben. Sie selbst bestreitet dies natürlich vehement. Kontakt: caro.boehm[at]mokant.at

4 Comments

  1. Bernieee

    7. Januar 2015 at 13:34

    „laut einer Statistik der MA23 war Rudolfsheim-Fünfhaus im Jahr 2011 der einkommensschwächste Wiener Gemeindebezirk“

    Kein Wunder, wohnen ja auch größtenteils schlecht und/oder nicht gebildete Migranten dort…

  2. Ralf

    8. Januar 2015 at 00:42

    – uj – da fehlt ja mehr wie die Hälfte, aber jede/r kann verschweigen was er will !

    https://www.facebook.com/Schwendermarkt-559347754191754

  3. Silvia M

    9. September 2015 at 20:08

    „Es war nie entschieden, dass er wegkommt!“ Dennoch versetzten die unterschiedlichen Stellungnahmen der einzelnen Parteien in ….
    Aufgabe für euch: Ich bin schon 25 vor Ort und Stelle Schwendermarkt es war nie die rede davon das der Markt wegkommt.
    Wie kommt zu eine Bürgerinitiative für etwas was nicht im Raum steht?
    Ja politische Interessen der ahnungslose Bürger manipuliert.
    Wie viele Bürgerinitiativen gibt es wegen Schwendermarkt?
    Zwei, wieso?
    Wieso kommt in keinen Medien-Zeitung das nicht vor?
    Weil die gleiche politische Gruppe da hinter steckt.
    Wie viele solche Bürgerinitiativen gibt im Bezirk nicht nur wegen Schwendermarkt?
    Demokratie ist das was unsere Land ausmacht aber ist nicht immer möglich das sich so eine Partei Gruppe nicht einmischt.
    Ist das nur in unserem Bezirk?
    Findet heraus und schreibt die Wahrheit.

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