Irrlicht: Spiele, Biere und viel Liebe

In Rudolfsheim-Fünfhaus haben zwei Schauspieler ein ehemaliges Puff zu einem Treffpunkt im Grätzel umfunktioniert. Das Inventar ist geblieben. Statt Sex gibt es im Irrlicht Spiele, Impro-Theater und ein Verkleidungszimmer.

Draußen vor der Tür stehen ein weißer Klappsessel und ein Aschenbecher. Das ist der Raucherbereich des Lokals. In einer Seitenvitrine leuchtet einem hell das Logo Irrlicht entgegen. Das ehemalige Bordell wird durch eine große, schwere Tür betreten. Von außen lässt sich nicht sagen, was einen drinnen erwartet, obwohl das Programm im Schaufenster ausgehängt ist: Ein Konzert für die Philippinen ist für heute Abend geplant.

Wohnzimmer mit Rotlicht-Flair
Auf der anderen Seite der Tür beginnen plötzlich alle zu klatschen. „Schnell, sucht euch einen Platz, es beginnt!“, ruft jemand. Die rot erleuchtete Theke ist das erste, das man sieht. Die Mitte des Raumes ist gleichzeitig die Bühne. Eine Frau und zwei Männer in ihren Zwanzigern stehen im Zentrum. 25 Augenpaare blicken gebannt auf das Trio, als der eine plötzlich wirre Sachen und der andere Norwegisch spricht, während die junge Frau jeden Satz mittels Bewegung untermauert. Sie bewegt sich durch den Raum – hüpfend, am Boden robbend oder sitzend – je nachdem, was sie gerade darstellt. Lino, der Mann hinter der Bar, klärt auf: „Heute ist Improvisationstheater.“

Der Raum wirkt größer als er ist. Die Wand ist komplett verspiegelt. Das Publikum sitzt auf roten Lederbänken. Am Boden liegt ein großer Perserteppich. Dahinter ist schwarz ausgemalt. Das Licht ist gedämmt. Die ehemaligen Freier aus der Bar Melodie – so hieß das Irrlicht vorher – haben sich in ein bunt gemischtes Publikum verwandelt. Eine ältere Dame mit Brille nippt an ihrer Bierflasche, während ein junger Mann seiner Nachbarin etwas ins Ohr flüstert. Niemand traut sich, Getränke zu holen oder aufs Klo zu gehen, da der Weg zur Bar und Toilette über die Bühne, wo noch immer geschauspielert wird, führt.

Pantomime statt Stangentanz
Der große, junge Mann, der rechts steht, spricht noch immer Norwegisch oder tut zumindest so. Er soll einen Professor darstellen. Der braunhaarige, etwas kleinere Mann steht links neben ihm und übersetzt das, was sein Mitspieler zu sagen hat. Es geht um das Paarungsverhalten von Seekühen. Die junge Frau stellt das Gesagte pantomimisch dar. Als sie den Liebesakt der Seekühe darstellt, ertönt lautes Gelächter. Die Zuschauer sind begeistert.

Ein wenig später bedanken sich die drei Schauspieler bei ihrem noch immer aufmerksamen Publikum und verbeugen sich. Einer der drei geht mit einem Hut durch, um Spenden zu sammeln. Es herrscht Aufbruchsstimmung. Die Tische werden leerer, nur noch eine Handvoll Leute bleibt an den Tischen zurück. Andere stürmen hektisch mit Zigarette im Mund vor die Tür. Die Toilette ist neben drei Séparées zentral begehbar. Der Raum ist schmal. Wenn man in den Spiegel sieht, steht dann über der eigenen Erscheinung „Schön bist du“. Dort wo man ein Waschbecken vermutet, befinden sich eine Schreibmaschine und ein alter Plattenspieler. Neben der Schreibmaschine liegen Unmengen von Zetteln. Teilweise stehen da Geschichten, Sätze oder auch nur Wortfetzen.

Wrestlermasken und Hawaiiketten
Am Weg zum Raucherbereich kommt man beim Kostümséparée vorbei. Der Raum ist klein und es ist dunkel. An der Wand erkennt man eine Garderobe. Jacken mit Pailletten hängen neben Wrestlermasken, plüschigen Dingen und Hawaiiketten. Nachdem wir uns verkleidet haben, kommt Besitzer Lino und gibt uns einen Blitzauslöser in die Hand. Dreimal blitzt es und wir verlassen den Raum geblendet.

Teile des Publikums kommen derweil von einer Rauchpause zurück. Währenddessen hat ein unscheinbar wirkender Mann die Bühne betreten. Plötzlich hat er eine Gitarre in der Hand, spielt Mundharmonika und singt mit amerikanischem Akzent. Er klingt ein bisschen wie Johnny Cash. Die verbliebenen Leute sind noch immer gebannt und nippen gelegentlich an den Bierflaschen, die neben roten Kerzenlichtern auf den Tischen stehen.

Der Puff-Charme ist geblieben
Langsam leert sich das Lokal. Zwei Mädels sitzen an der Stange und lachen miteinander. Ihre Körper spiegeln sich in der Wand wieder. Daneben leuchtet es pink aus einem Raum heraus. Der sanfte Schein lockt hinein. Ein Sofa, das gerade noch in den Raum passt, wird von einem jungen Mann besetzt. In seiner Hand hat er einen Controller. Er spielt konzentriert Mario Kart.

Zurück an der Theke bestellen sich die letzten Gäste noch ein Bier und machen es sich auf den roten Lederhockern bequem. Die beiden Mädels tanzen mittlerweile, ohne ein Publikum zu brauchen, um die Stange herum. Das Rotlicht schimmert in der Spiegelwand und wenn man genau hinsieht, steht in weißer Schrift geschrieben: Spiele, Biere und viel Liebe.

Reportage von Naomi Tomsu, entstanden im Rahmen der mokant.at-Akademie
Titelbild: (c) Naomi Tomsu

Die mokant.at Akademie für Nachwuchsjournalismus ist ein Projekt, das sich an Nachwuchsjournalistinnen und Journalisten richtet, um ihnen eine fundierte, praxisnahe und leistbare Ausbildung zu ermöglichen.

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