Weihnachten: Last Christmas I Sold You My Heart

Traditionsfeiertage wie Weihnachten fordern immer ihren Tribut:
stereotypen Verfall

Während manche Individuen die Kalenderhürde von November zu Dezember immer wieder mit zugekniffenem Auge nehmen (ich), überschwimmen andere die Grenze fröhlich in Beerenpunsch (du) und wieder andere futtern sich seit September durch maschinell gefertigte Lebkuchensterne und gurgeln zu All I Want for Christmas (sie da drüben im roten Shirt). Denn alle Jahre wieder kommen Abgründe, Todsünde und Zustände auf uns zu (das Christuskind kommt schon lange nicht mehr) und wer sich nicht darüber pikiert, hat sowieso schon verloren, sagt der Nonkonformist. Weihnachten – eine Endlosschleife. Eine Auswahl an Stereotypen, die die Traditionsfeierlichkeiten sonst noch hervorbringen, sei in folgendem besprochen.

Typ: Hurrabärchi
Der erwachsene(!) Weihnachtsenthusiast gehört einer mittlerweile vom Aussterben bedrohten Spezies an. Fast tarnen muss er sich in der Masse der gestressten Pessimisten, die weder Verständnis für seine Vorfreude noch für seine naive Andersartigkeit zeigen können. Ein Hurrabärchi postet „Schnee! :D“ auf seine Facebook-Wall, verdreht nicht die Augen, wenn die Kaufhäuser ihre Weihnachtsshopping-Compilations losdröhnen und trägt sich den ersten jährlichen Sendetermin von Love Actually im Kalender ein. Der Typ Hurrabärchi wird im Stillen beneidet und im Lauten verhöhnt, manchmal umgekehrt.

Typ: Aussteiger (Ab in den Süden)
Oft beneidet und ebenso oft unverstanden, macht sich der Weihnachtsaussteiger ganz dezent aus dem Staub. Der Fluchtgedanke aus dem vom Christentum durchzogenen Land treibt die Aussteiger meist gen wärmere Gebiete, wo sie Nordmanntanne gegen Cycas-Palme tauschen und der 24./25. Dezember in einer anderen Zeitzone stressfrei vorüberzieht. Dass zuhause eventuell Angehörigenherzen brechen, kümmert den Aussteiger kaum, denn er als Geschäftsmensch denkt rational und gesund egoistisch. Das Verhalten des Aussteigers rechtfertigt allerdings einige Trotzigkeiten der daheimgebliebenen: Er muss nicht beschenkt werden, er darf nicht meckern und seine Urlaubsfotos dürfen missachtet werden. Der Aussteiger darf erst nach Silvester wieder auf der Matte stehen – denn ganz oder gar nicht.

Typ: Konsument
Der Konsument ist ein selektiver Allesfresser. Er gustiert, er variiert und vor allem: Er kauft. Dieser Stereotyp entfaltet dank Weihnachtsbonus und Marketingindustrie sein volles Kaufpotential. Das 14. Gehalt kaum auf dem Konto, wird es ausgegeben – man gönnt sich ja sonst nichts. Der Konsument ist der eklektischste der Weihnachtstypen: Wie es gerade passt, mixt er vermeintliche Tradition, Saison und Kaufrausch und schenkt sich und seinen lieben währungserfassbare Lebensfreude. Der Lifestyle-Weihnachter hat lange Bersorgungslisten, sammelt seit November hochtrabende Rezeptideen und schaut Weihnachtsfilme vorwiegend im Kino. Der Konsument lebt in uns allen.

Typ: Rebell (Without a Cause)
Der Kritiker und Nonkonformist wäre verdammt gerne James Dean. Er gibt sich immun gegen Weihnachtsstimmung, verdreht dramatisch die Augen wenn jemand Weihnachtsromanzen erwähnt und schwört, dass er die Einkaufsstraßen ab einem selbst gewählten Stichtag meidet wie eine Krankheit. Der Christkind-Rebell widerspricht sich öfter mal selbst aber das gehört zu seiner komplexen und aufgeklärten Persönlichkeit. Der Rebell hat Wörter wie „Konsumterror“ oben auf seiner Vokabelliste, weiß von Demos gegen die Ver-Santa-Clausung der Welt und sieht Kevin allein zu Haus nur unter Protest an, wegen der hippen Schnitttechnik versteht sich. Der Rebell wird erstmal bestätigt, dann aber auch nicht eingeladen.

Typ: Emo
Manchen tun die hereinbrechende Kälte und die Liebespropaganda nicht gut. Der Weihnachtsemo nutzt die Zeit um sich die übers Jahr angestauten Fehlschläge vorzuhalten und sich ordentlich selbst zu bemitleiden – die „first world problems“ dramatisieren sich schließlich auch nicht von selbst. Der gemeine Weihnachtsemo deprimiert sich an bunten Lichtern und Tannenzweigen, versucht, sich mit dem flachen Weinglasfuß Narben am Unterarm zu verpassen und bleibt im TV bei Der Grinch und beim „All by Myself“-Anfang von Bridget Jones hängen. Auch bei ihm sieht’s eher schlecht aus mit Partyeinladungen um die Weihnachtszeit.

Typ: Sitte & Sippe (Oh du Gänsebraten)
Der traditionellste aller Weihnachtstypen ist wohl der Familienweihnachter. Unabhängig davon, wie (un)lieb man sich während des Jahres hat, zum Geburtsfest kommen alle zusammen, optional auch an den Folgetagen. Es wird geschlemmt, bis der Arzt kommt beziehungsweise die Oma mit dem Nussschnaps, die mit ganz schlechtem Gewissen stellen sich sogar als Gottesdienst-Begleitung zur Verfügung. Typ Sitte & Sippe lädt sich einmal im Jahr am Nostalgiedock auf um dann das restliche Jahr darüber zu lästern. Der Familienfeierer steht heimlich auf die ewig gleichen Gerichte, plant zwecks Balance für Silvester ein übertriebenes Kontrastprogramm und lacht über das Vergleichspotential in Single Bells. Typ Sitte & Sippe liebt Suppe.

Statistisch gesehen ist die Mehrzahl der Menschen in unseren Breitengraden eine Mischung aus mindestens zwei Typen. Verkaufen tut sich jeder. Aber das ist okay. Schließlich geht’s der Wirtschaft nicht gut.

 

Sabrina Freundlich ist stellvertretende Chefredakteurin von mokant.at. Sie beschreibt sich als writeophile and fortune cookie lover. Kontakt: sabrina.freundlich[at]mokant.at

1 Comment

  1. Toni

    3. Dezember 2014 at 13:03

    Erkenne mich in allen Typen ein bisschen wieder!

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