Und Überhaupt: Sonntagskonflikte

In der Kolumne UND ÜBERHAUPT schreibt sich unsere Kultur-Chefin Sabrina regelmäßig ihre Gedanken zum Leben und Leben Lassen von der Seele.

Sonntag kann eigentlich nicht viel von mir halten. Es gibt zwar Ausnahmen, aber prinzipiell sieht mich Sonntag nur in Jogginghosen. Und manchmal reicht’s nichtmal dafür. Sonntag ist eine komische Mischung aus sich genüsslich der Faulheit hingeben und sich latent unter Vorbereitungsdruck fühlen. Denn Sonntag ist der Tag vor allen Tagen. Er ist eine einzige To-Do-Listen-Review und -Planung. Er ist ein Konflikt.

Wird die kommende Woche die Woche sein, in der ich endlich zum Frisör gehe? Zur Zahnärztin? Es hat die letzten Jahre eigentlich auch ganz gut ohne geklappt. Ich warte einfach so lange, bis meine Schwester keinen Bock mehr hat, meinen Spliss zweimal jährlich zu stutzen und mitzuschätzen, ob die kleinen Löcher in meinen Backenzähnen größer werden. Sicher, der Grundschnitt ist ein schon lange verjährtes Desaster und Vorsorge ist eventuell mehr als ein Modewort. Aber meine durstigen Naturwellen sind relativ verzeihlich und meine (Natur-)Zähne wohl nicht allzu schlecht. Der nächste Paranoia-Anfall von wegen „Löcher immer größer“ und „Haare immer lascher“ kommt bestimmt. Da schreib ich’s dann auch wirklich auf die To-Do-Liste.

Und überhaupt: Wofür gibt es Haargummis?

Das Frisör-Budget wieder bis mindestens in die übernächste Woche gerettet und den Kühlschrank als minimalistisches Meisterwerk deklariert, stellt sich sonntags eine weitere wichtige Frage: Indisch oder Sushi? Rausgehen und die Joggings gegen Jeggings tauschen kommt dabei selbstverständlich nicht in Frage. Der Lieferservice des Vertrauens wird konsultiert. Sonntags gewinnt meistens Indisch. Vermutlich, weil man das nebenher so schön mit dem Löffel essen kann. Und weil manchmal ein bisschen Korma-Soße für Montag übrig bleibt – ein klarer Vorteil gegenüber der Option Sushi: das sollte nicht recyclet werden.

Und wozu löffelt sich das Chicken Korma besser als zum Serienmarathon? Sonntag ist nämlich seit neuestem auch Netflix-Tag. Er ist der Tag, an dem das Programm im Stundentakt fragt „Are you still watching 30 Rock?“ nachdem man sich wieder drei Episoden bewegungslos reingezogen hat. Netflix kann ja nicht wissen, dass man nebenher hundert andere Sachen (oder Instagram-Bilder) am Handy durchgeht. Der Amazon-Korb füllt sich schließlich auch nicht von selbst – oder entleert sich von selbst, wenn das Böses-Unternehmen-Gewissen einsetzt. Die Äquivalenzliste wird auf die To-Do-Liste gekritzelt und es wird festgestellt, dass man dafür vier verschieden Geschäfte ansteuern müsste. Bei grausigem Wetter. In der Vorweihnachtszeit. Still und heimlich füllt sich der Korb wieder – zumindest zur Hälfte. Das Plus an Online-Bestellungen: Man kann ein paar der über die Woche angestauten To-Dos gleich am Sonntag abhaken. Und nach den erledigten zwei Tasks von zehn (den kleinsten) hat man sich ein Schläfchen verdient – Sonntag rechnet damit.

Der Rest der To-Dos wird in die nächste Woche übertragen: Die Omas freuen sich bestimmt auch nächste Woche über einen Anruf, die Wäsche reicht noch bis ca. Mittwoch, die Uni-Arbeit ist auch nächste Woche noch aktuell.

Und überhaupt: Der angepeilte Billigfrisör ist irgendwann in den letzten Wochen wohl zu einem Subway geworden. Das wirft mir meine ganze Planung durcheinander. Es ist offenbar nicht in meiner Hand. Außerdem hat Netflix derzeit eine relativ geringe Auswahl für mich. Mir bleibt also eigentlich nichts anderes übrig: Continue watching 30 Rock.

Sabrina Freundlich ist stellvertretende Chefredakteurin von mokant.at. Sie beschreibt sich als writeophile and fortune cookie lover. Kontakt: sabrina.freundlich[at]mokant.at

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