Waldorfschulen: „Wir nehmen die Schwachen auch“

(c) Julian Haas

Kaum eine andere Schulform ist so klischeebehaftet wie die Waldorfschule. mokant.at war in der Rudolf-Steiner-Schule Wien-Pötzleinsdorf, um sich selbst ein Bild zu machen

Wien an einem typischen Novembermorgen: der Himmel ist bedeckt, alles ist grau. In einem Teil des 18. Bezirks fühlt man sich aber plötzlich ganz weit weg von der Großstadt. Am Ende eines kaum befahrenen Weges, dessen Boden mit Laub bedeckt ist, erhebt sich das Schloss Pötzleinsdorf. Es ist ruhig, hie und da hört man Kinder reden und lachen, sieht sie durch den Schlosspark laufen. Was für manche wie eine Reise in eine Idylle wirkt, ist für etwa 300 Schüler nur der tägliche Weg zum Unterricht. Hier befindet sich die Rudolf-Steiner-Schule Wien-Pötzleinsdorf.

Übersinnliche Welt

(c) Julian Haas

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Der Rudolf-Steiner-Schulverein Pötzleinsdorf mietete das Schlösschen am Stadtrand im Jahre 1982. Die erste Waldorfschule wurde von Rudolf Steiner 1919 in Stuttgart gegründet. Waldorfschulen wollen Kinder nicht nur intellektuell sondern auch künstlerisch und körperlich schulen. Der ganze Lehrplan der Schule ist auf Steiners allgemeiner Menschenkunde aufgebaut. Steiner beschreibt darin unter anderem die Entwicklungsstufen des Kindes und stimmt den Lehrplan danach ab.Die sogenannte Anthroposophie, die oft mit Waldorfschulen verbunden wird, ist die von ihm begründete Methode zur Erforschung der übersinnlichen Welt. Sie beschäftigt sich mit den „geistigen Wesen in den Reichen der Natur und des Kosmos“, heißt es auf der Homepage der Schule, also mit den Dingen, die für Menschen nicht sinnlich wahrnehmbar sind. Die Anthroposophie soll die Ergebnisse der Geistes- und Naturwissenschaften ergänzen. Sie wird aber nicht an Waldorfschulen gelehrt.

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Wir treffen Schulleiterin Claudia Degen in ihrem Büro. Die Pädagogin hat welliges braunes Haar. Ihr Gesicht ist freundlich, sie lächelt ab dem Zeitpunkt der Begrüßung. „Wir sind eine Schule mit Öffentlichkeitsrecht, erfüllen also den öffentlichen Lehrplan“, erklärt sie uns. Gemeinsam mit einer Kollegin leitet sie die Rudolf-Steiner-Schule. Außerdem unterrichtet sie die sechste Klasse. Die Ausbildung hier umfasst zwölf Jahre (Volksschule, Ober- und Unterstufe), in einem angehängten dreizehnten Jahr kann mit der Matura abgeschlossen werden. Kindergarten und Hort befinden sich im gleichen Gebäude. Waldorfschulen sind keine öffentlichen Schulen, sondern Schulen in freier Trägerschaft. Sie werden großteils aus den Beiträgen der Eltern finanziert. Für das Schuljahr 2013/2014 betrug der monatliche Beitrag an der Schule in Wien-Pötzleinsdorf für ein Kind in etwa 430 Euro, Eltern können aber um Ermäßigung ansuchen. Dafür kann man sich an die Elternbeitragsgruppe wenden, die dann nach individuellen Lösungen sucht. Erziehungsberechtigte müssen hierfür aber ihre finanzielle Situation offenlegen.

Kunst und gesichtslose Puppen
Die hellen Gänge des Gebäudes sind mit großteils sehr beeindruckenden Kunstwerken der Schüler tapeziert. Vor einer Hand voll Steinskulpturen bleibt Frau Degen stehen. Sie erzählt, dass sie aus dem Steinbaupraktikum stammen und von den Kindern selbst bearbeitet wurden. Neben dem Steinbaupraktikum gibt es noch Industrie-, Feldmessungs- und Sozialpraktika. Schüler sollen hier das theoretisch erarbeitete Wissen praktisch anwenden lernen. Die praktische Umsetzung von theoretischem Wissen ist ein Schwerpunkt in allen Waldorfschulen. „Ich bin selbst in ein Gymnasium gegangen und ich war eine sehr gute Schülerin, aber ich weiß jetzt nichts mehr vom Gelernten und ich wusste auch nach einer Woche nichts mehr. Da ist bei uns ein ganz anderes Konzept dahinter. Was möglich ist, versuchen wir auch, anschaulich zu gestalten.“ In einer Glasvitrine sind handgefertigte Puppen ausgestellt. Augen und Mund sind nur angedeutet: eine zu realistische Darstellung würde die Fantasie beeinträchtigen, erklärt die Schulleiterin.

(c) Julian Haas

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Bevor es in den Unterrichtsraum geht, durchqueren wir noch den großen Garten. In einem Nebengebäude befindet sich der Handwerksraum der Schule. Während sie uns hölzerne Kochlöffel zeigt, die die Kinder im Unterricht gefertigt haben, schwärmt Claudia Degen vom Holzgeruch, der den ganzen Raum erfüllt. Wien scheint nun noch weiter weg zu sein: keine Bildschirme, keine Laptops, schwere, massive Werkbänke und –tische prägen das Bild. Sind Waldorfschulen und die moderne Gesellschaft deshalb unvereinbar? „Ein weiteres Vorurteil ist, dass wir hier in einer heilen Welt leben. Eltern fragen dann, wie die Schüler draußen mit dem Leistungsdruck umgehen sollen.“ In Rudolf-Steiner-Schulen sei es aber wichtiger, dass die kindliche Neugier nicht erstickt werde: „Unsere Schüler halten in der achten Klasse ein Referat mit künstlerisch-praktischer Umsetzung, das ist eine Leistung, die andere Schüler vielleicht nicht so leicht zusammenbringen würden. Tatsächlich ist unsere Schule sehr fordernd: wir verlangen viel mehr von den Kindern, als andere Schulen. Nicht nur das klassisch Intellektuelle – auch das viele Künstlerische, das Handwerkliche. Was wir alles wollen von den Schülern – das Theaterspielen, die Praktika in der Oberstufe, die Eurythmie – das ist anstrengend.“

Vom Namentanzen und anderen Klischees
Stichwort Eurythmie: diese Bewegungsform wird sehr oft mit Waldorfschulen verknüpft. Da lerne man nur, seinen Namen zu tanzen, lautet ein Vorurteil. Doch Eurythmie will Sprache oder Musik durch Bewegungen ausdrücken. Frau Degen versteht, dass das auf Erwachsene oft befremdlich wirken kann, wenn man sich nie damit auseinandergesetzt hat. „Es bietet sich an, lächerlich gemacht zu werden, vor allem wenn man nur ein Standbild sieht und nicht das Kunstprojekt, das es eigentlich ist.“ Wichtig sei dabei nämlich auch der soziale Faktor: gemeinsames Singen oder Tanzen erschaffe ein großes Gemeinschaftsgefühl. Waldorfschüler haben ihr ganzes Schulleben lang Eurythmie-Unterricht und bleiben im gleichen Klassenverband. Auch die Klassenlehrer wechseln nicht. Sie werden an eigenen Instituten für Waldorfschulen ausgebildet. In der ersten und zweiten Schulstunde unterrichten die Klassenlehrer in ihrer Klasse. Danach folgt der sogenannte Fachunterricht, der in einzelnen Stunden von verschiedenen Fachlehrern durchgeführt wird. Sie haben zusätzliche Qualifikationen in den jeweiligen Unterrichtsfächern. Durch den gleichbleibenden Klassenverband entstehe ein starkes soziales Bewusstsein, so Degen. Auch wenn diese Schulform lange Zeit negativ konnotiert war, gebe es mittlerweile Firmen, die Waldorfschüler bevorzugen, berichtet die Schulleiterin. „Firmen sagen, die haben Persönlichkeit, die trauen sich, ihre Meinung darzustellen und sind Teamworker.“

(c) Julian Haas

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Eurythmie ist aber nicht die einzige Sache, von der es stereotype Vorstellungen in der Gesellschaft gibt. Spricht man Frau Degen auf Klischees an, entgegnet sie mit einem Lachen: natürlich treffe sie darauf. „Sobald ich in irgendeiner Gesellschaft außerhalb von Waldorfleuten bin, kommen genau diese Vorurteile: Da lernen die Kinder ja nichts, da sind ja nur die ganz schwachen Kinder. Und ich erzähle dann, wie das tatsächlich bei uns ausschaut. Dass wir nicht nur „Schwache“ haben. Wir nehmen die Schwachen auch, aber es gibt eine große Spannbreite. Ich habe Spitzenschüler in der Klasse und ich habe auch Lernschwache.“ Woher die Vorurteile kommen, könne sie nicht genau sagen. Vielleicht liege es an der größer werdenden Angst der Eltern, dass ihre Kinder in einer Leistungsgesellschaft nicht mehr mithalten können. Dass man in Waldorfschulen nicht sitzenbleiben kann und die Tatsache, dass auch „schwächere“ Schüler aufgenommen werden, widerspricht dem Leistungsdenken unserer Gesellschaft. „Kinder im Alter bis sieben sollten eigentlich nur draußen herumtoben, da sie durch das natürliche Spielen automatisch alle ihre Sinne schulen. Das verkümmert in unserer Gesellschaft zurzeit ein bisschen.“

Alternativ trifft konservativ
Zurück im Hauptgebäude, vorbei am Atelier und dem Eurythmie-Raum, hinein in die sechste Klasse, in der Frau Degen unterrichtet. Der Raum ist dank der großen Fenster lichtdurchflutet. Die Einrichtung ist aus Holz, die Schulbänke sind alles andere als modern. Die Wände sind in einem zarten und sehr hellen Grünton gehalten. Frau Degen erklärt, dass die Wandfarben auf das Alter der Kinder und die damit verbundene Lebensphase abgestimmt sind. In den ersten Klassen werden warme Töne wie altrosa verwendet, in den höheren Stufen kühlere Farben: sie hätten eine beruhigende Wirkung auf Jugendliche – vor allem in der Pubertät.

(c) Julian Haas

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Die Schulglocke läutet, die Schüler stehen hinter ihren Pulten und begrüßen die Klassenlehrerin: sie sagen den Morgenspruch auf und machen Armbewegungen dazu. Das aufgesagte Gedicht stammt von Rudolf Steiner und würdigt die Natur. Hauptsächlich ist es aber da, damit sich die Kinder sammeln und auf den Unterricht einstimmen können. Dies sei so üblich an Waldorfschulen, klärt die Klassenlehrerin auf. Anschließend wird ein Text rezitiert, um die Sprache der Kinder und deren Literaturkenntnisse zu fördern. In dieser Einheit ist das Goethes Zauberlehrling. Alle Strophen werden im Chor aufgesagt, Frau Degen steht hinter dem Lehrertisch und deutet mit ihren Händen an, welche Textzeile folgen wird. Der „rhythmische Teil“ des Unterrichts hat begonnen. Schließlich packen die Schüler noch ihre Blockflöten aus. Sie spielen ein kurzes Stück, zuerst ein-, dann zweistimmig. Insgesamt dauert der rhythmische Part etwas länger als eine Viertelstunde.

Der Lehrplan wird in Rudolf-Steiner-Schulen in Epochen gegliedert. Frau Degens Klasse beschäftigt sich gerade mit dem antiken Rom; sie befinden sich in der Geschichteepoche. Das heißt, dass die nächsten drei bis vier Wochen dem Thema Geschichte gewidmet sind. Nach dem oben genannten rhythmischen Teil folgen Arbeits- und Erzählteil des Epochenunterrichts. Anstatt klassische Schulbücher zu verwenden, erarbeiten sich die Kinder ihre sogenannten Epochenhefte selbst. Nach einer gemeinsamen Wiederholung erzählt die Klassenlehrerin von den Plebejern und Patriziern. Stichworte werden ins Heft geschrieben, bevor eine Schülerin Frau Degen in eine dunkelgelbe Toga hüllt.

Disziplin oder laissez-faire?

(c) Julian Haas

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Der Unterricht selbst läuft sehr diszipliniert ab. Ein Schlag auf das kleine goldfarbene Xylophon reicht meistens aus, um die Gespräche der Schüler einzustellen. „Waldorfschulen oder -lehrer sind oft sehr biologisch orientiert, sei es in der Kost oder in der Kleidung. Dadurch bekommen manche Eltern ein falsches Bild. Daher gibt es auch das Vorurteil, dass bei uns alles laissez-faire ist, dass ungestüme Freiheit herrscht, dass die Schüler enthemmt sind und machen dürfen, was sie wollen, was überhaupt nicht der Fall ist.“ Dennoch antwortet eine Schülerin auf die Frage, was ihr am Unterricht hier am besten gefalle, dass nicht alles so streng sei und dass es keine Noten gäbe. Statt der üblichen Skala von Sehr Gut bis Nicht Genügend gibt es in der Waldorfschule eine verbale Beurteilung. Sie sei zwar sehr aufwändig, aber gerechter, meint Frau Degen. „Wo ist die Grenze zwischen zwei und drei? Oder zwischen vier und fünf? Dem Schüler tut sie unglaublich weh. Wenn ich verbal beurteile, kann ich viel fairer agieren, ich kann es genau beschreiben.“

Durch den rhythmischen Teil unterscheidet sich der Unterricht von dem einer allgemein höherbildenden Schule. Arbeits- und Erzählteil sind von der Gestaltung her jedoch eher konservativ und erinnern ein wenig an die eigene Volksschulzeit. Die Lehrerin erklärt Fakten, erzählt Geschichten und Fabeln, die Kinder arbeiten mit, hinterfragen und schreiben Aufsätze über das Gelernte. Der heutige Epochenunterricht endet nach zwei Stunden. Draußen wartet eine Mutter, um ihr Kind abzuholen. Das Schloss Pötzleinsdorf, der Garten und die Umgebung sind jetzt belebt. Zwischen den Rufen und Gesprächen der Kinder antwortet die Frau kurz auf die Frage, warum sie ihr Kind hier in die Schule gegeben hat. Ihr gefalle das pädagogische Konzept der Schule. „Kinder haben hier noch eine Schutzhülle“, sagt sie, bevor sie in der Menge verschwindet.

Weiterführende Links:
http://www.waldorfschule-poetzleinsdorf.at/index.php

Titelbild: © Julian Haas

Alissa Hacker ist als Redakteurin für mokant.at tätig. Kontakt: alissa.hacker[at]mokant.at

7 Comments

  1. mp

    25. November 2014 at 11:44

    450Euro?!? Da würd mich aber echt mal eine Statistik interessieren, ob die nachher auch erfolgreicher sind oder besser gebildet

    • Eve

      25. November 2014 at 15:42

      Ja 450 Euro im Monat sind nicht schlecht!! Spätestens wenn man mehrere Kinder hat, kann man sich das nicht mehr leisten. Sehr schade, denn so wird schon im Vorhinein aussortiert.

      • Alissa Hacker

        25. November 2014 at 17:01

        Wie im Text erwähnt, können Eltern, die finanziell schlechter gestellt sind, um eine Ermäßigung ansuchen. Der Betrag von 430 Euro würde dann also an die finanzielle Situation der Eltern angepasst werden. Ich denke, das ist eine Maßnahme, um die von Ihnen erwähnte Aussortierung zu umgehen.
        (http://www.waldorfschule-poetzleinsdorf.at/page.php?m=schule–kosten)

    • Mayerhofer

      26. November 2014 at 09:49

      Ich kenne einen ehemaligen Waldorfschüler persönlich. Ob sie erfolgreicher oder besser gebildet sind wage ich nicht zu beurteilen. Aber sie sind definitiv ‚anders‘. Also man erkennt, dass sie eine spezielle Aus- und Fortbildung genossen haben.
      Mein Beispiel hat auch an der Uni noch hervorragende Noten, wobei das meines Erachtens nicht unbedingt ein Indiz ist.

    • Gast

      27. November 2014 at 22:50

      Es geht in der Waldorfschule eben nicht drum erfolgreicher oder besser gebildet zu sein. Vielmehr geht es darum, kleine Kinder keinen unnötigen Druck auszusetzen.

      • mp

        28. November 2014 at 13:15

        genau das würd mich eben interessieren. Wie kommen Menschen, die nie gelernt haben, mit Druck umzugehn, in der wirklichen Welt zurrecht? Besser, schlechter, gleich gut?Sprich tut man den Kindern überhaupt was gutes, wenn man sie vor Druck… schützt?

        • Max Mose

          21. September 2015 at 23:05

          Also ich kenne einen Waldorfschüler, der im späteren Leben keine Probleme hatte mit Leistungsdruck. Im Gegenteil, er ist ein Student mit ausgesprochen guten Noten und das alles noch neben einem Job und vielen Freizeitaktivitäten. Ob er aber ein Einzelfall ist, kann ich natürlich nicht beurteilen. Man merkt ihm aber schon an, dass er irgendwie „anders“ ist.

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