ÖH Uni Wien: „Versteifen uns nicht auf Verbote“

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Im Kurzinterview spricht der Vorstand der ÖH Uni Wien über die Forderung des Couleurverbots, die Unterschiede und Gemeinsamkeiten christlicher und deutschnationaler Verbindungen und antifaschistische Bündnisse

mokant.at: Ein Bekleidungsverbot kann laut Verfassungsrecht nicht durchgesetzt werden, wenn die Bekleidung nicht gegen das Gesetz verstößt – wieso soll man also die Couleur verbieten?
ÖH Uni Wien: Allem voran möchten wir festhalten, dass das Couleur keine Bekleidung im klassischen Sinn ist. Das ist keine Hose, kein Leiberl, kein Pulli sondern ein ideologisch aufgeladenes Symbol. Wenn Burschenschafter und katholische Verbindungsbrüder ihr Couleur tragen, dann tun sie das mit einem Ziel: Ihr politisches Gedankengut nach außen tragen.

Tatsächlich geht es uns weniger um die Kleidung an sich, als allem was bei den Burschenschaften an rechtem Gedankengut hinter diesem Symbol verbirgt. Es geht darum, diesem Gedankengut die Öffentlichkeit zu verwehren und nicht Kleidervorschriften durchzusetzen. Was Burschen auf ihren Buden tragen ist uns herzlich egal, für welche Ideologie sie damit auf der Uni und in der Öffentlichkeit werben, widerum nicht.

mokant.at: Wie soll das Verbot realisiert werden?
ÖH Uni Wien: Die Universitätsleitung könnte beispielsweise, wie es an der Freien Universität Berlin passiert ist, klar zum Ausdruck bringen, dass an der Universität Wien solches Gedankengut geächtet wird und nicht mit der Haltung der Universität Wien vereinbar ist. An der FU Berlin hat das Präsidium den Dekan_innen eine Weisung gegeben, dass das Tragen von Couleur nicht erwünscht ist. Ähnliches könnte Rektor Engl auch tun.

mokant.at: Eine Burka ist in gewisser Weise auch ein politisches bzw. religiöses Zeichen. Sollte diese beispielsweise daher auch verboten werden?
ÖH Uni Wien: Das sind zwei völlig verschiedene Diskussionen, die wir auf keinen Fall vermischen wollen. Bei Burschenschaften handelt es sich um organisierte, regelmäßig auftretende reaktionäre Männerbünde, die mit ihren menschenverachtenden Ansichten keinen Platz bekommen sollen.

mokant.at: Will man mit diesen Protesten die Burschenschafter nur von der Uni Wien oder allgemein verdrängen?
ÖH Uni Wien: 
Vorrangig ist es unser Ziel als ÖH Uni Wien die offene Präsenz von Burschenschafter von der Universität zu verdrängen. Wir unterstützen aber etwa auch die Proteste gegen den Akademikerball, einem zentralen Vernetzungstreffen von Burschenschaftern und anderen der extremen Rechten.

Das große Ziel ist, das von den Burschenschaftern transportierte Gedankengut weiter ins Licht der Öffentlichkeit zu zerren und ihm jeglichen Raum zu nehmen  – egal ob an der Uni, in der Hofburg, im Rathaus oder sonst wo. Denn die Universität ist keine abgeschottete Blase; was in der Gesellschaft passiert betrifft die Universität, aber auch umgekehrt. Für Rassismus, Sexismus, Homophobie und Antisemitismus darf es nirgendswo Platz geben.

Hier sind wir in Wien nicht alleine: Antifaschistische Gruppen wie NOWKR und Offensive Gegen Rechts leisten hier seit Jahren unersetzliche Aufklärungsarbeit zur Thematisierung dieses Problems.

mokant.at: Könnten Sie sich ein gesetzliches Verbot für Burschenschaften vorstellen?
ÖH Uni Wien: Wir versteifen uns nicht auf Verbote, auch wenn wir froh sind, mit dieser Forderung die Diskussion um Burschenschafter angestoßen zu haben. Wir sehen einem gesellschaftlichen Diskurs und einem breit getragenen antifaschistischem Selbstverständnis entgegen, in dem ohne gesetzliche Verbote solches Gedankengut von einer breiten Zivilgesellschaft abgelehnt und bekämpft wird.

mokant.at: Richten sich die Forderungen und Demonstrationen nur gegen schlagende, deutschnationale Burschenschaften oder auch gegen nicht-schlagende, christliche Verbindungen?
ÖH Uni Wien: Deutschnationale Burschenschaften und christliche Verbindungen in einen Topf zu werfen ist insoweit falsch, als dass sie sich in gewissen Punkten unterscheiden. Nur ein Beispiel: Deutschnationale glauben an das große deutsche Reich, christliche Verbindungen an Gott und Österreich.

Gemein ist ihnen jedenfalls, dass beide sexistisches, homophobes und antisemitsches Gedankengut aufweisen, wobei gerade die christlich-sozialen Verbände sich hier teilweise stark voneinander unterscheiden. Auch wenn die christlichen Verbindungen zur Zeit selbst sehr darauf bedacht sind, nicht mit Burschenschaften gleichgesetzt zu werden, sind doch sie es die hier vehement das Couleur verteidigten und damit auch den deutsch-nationalen und rechten Burschenschaften zuarbeiten. Eine klare Absage an deutsch-nationales, rechtsextremes Gedankengut von seiten der Christlich-Konservativen wäre hier wünschenswert. Dies beinhaltet aber auch die eigenen Traditionen, Bräuche und Auftreten zu hinterfragen: Etwa die eigene Rolle als Wegbereiter und -begleiter des Austrofaschismus unter Dollfuß, der noch in vielen Buden geehrt wird und warum sie sich immer noch – auch optisch – in diese Traditionslinie stellen.

 

Titelbild: (c) Julian Haas

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Kiana Fathi ist als Redakteurin für mokant.at tätig und studiert Publizistik an der Universität Wien. Kontakt: kiana.fathi@mokant.at

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