Spuren: „Verfall ist Poesie“

(c) Christian Stangl, Reinhart Francois

Die Ausstellung Spuren – Wiens vergessene Seiten ist anders als andere Fotoausstellungen: Sie zeigt her, was die Leute nicht mehr sehen wollen. mokant.at hat mit den Fotografen gesprochen.

Wenn man sich als Nichtwissender auf den Weg zur Ausstellung Spuren macht, wird es nicht lange brauchen, bis man verwirrt umherblickt. Denn die Ausstellung findet man nicht wie versprochen in der Linzer Straße 61 vor, sondern bereits weiter oben, in einem alten Schaufenster. Der Staub steht dick auf den Schaufenstern längst geschlossener Geschäfte und wurde stellenweise merklich unbedacht weggewischt, um die Bilder für Passanten sichtbar zu machen. Denn anstatt in einer einzigen Fotogalerie, sind die Bilder der vergessenen Orte Wiens entlang der ganzen Linzer Straße gereiht.

(c) Reinhart Francois, Christian Stangl

(c) Reinhart Francois, Christian Stangl

Outside the Box
Die Fotografen Christian Stangl und Reinhart François denken ‚outside the box‘ – im wahrsten Sinne des Wortes. War doch ihre Entscheidung, gemeinsam mit der Gebietsbetreuung 6/14 der Stadt Wien eine Ausstellung über die Straße zu verteilen, keine willkürliche. „Die Gebietsbetreuung will aus dem Grätzl rund um die innere Linzer Straße einen lebenswerteren Teil der Stadt machen“, meinen die Fotografen Christian Stangl und Reinhart François. „Leider hat die Straße kein besonders gutes Image, kulturelle Angebote gibt es wenig. Da wir an das Potential dieser Gegend glauben, und auch in der Nähe leben, lag es sehr nahe, vor Ort etwas zu machen.“ Die Frage nach dem generellen Beweggrund für die Ausstellung und der Motivation Altes und Verlassenes zu fotografieren wird malerisch beantwortet: „Wir wollten uns für die Ausstellung auf Wien beziehen, da die Stadt unsere Heimat ist und viele Ecken trotzdem unbekannt sind und erst entdeckt werden müssen. Jeder verlassene Ort hat seine eigene Geschichte, seine eigene Stimmung, sein eigenes Licht. Da Wien sich rasch verändert, ist es wichtig für uns, die Spuren festzuhalten bevor sie verschwinden.“

Inside the Box
Wenn man sich dann die Linzer Straße entlanggeschlungen hat, an den düsteren Bildern von entlegenen Orten vorbei, schwer erkennbar im grellen Sonnenlicht, erreicht man schließlich doch die Linzer Straße 61: einen der Standorte der Gebietsbetreuung 6/14. Obwohl unscheinbar von außen, lohnt sich der Weg hinein allemal, denn drinnen warten große und stechend scharfe Fotografien, auf Leinwänden gedruckt. Die Motive sind verschieden und in gewisser Weise gleich, denn obwohl das asbestverseuchte, ehemalige Gebäude des Kuriers und das Tor der alten Villa Hohe Warte auf den ersten Blick nicht viel verbindet, so sind sie doch beide gleichermaßen vergessen von Wienern und Wienerinnen. „Was die Auswahl der Motive betrifft, wollten wir einen Bogen spannen. In den Fotografien zeigen wir Szenarien von verlassenen Industrieanlagen, Hotels, Restaurants, Theater, Wohnhäusern und Krankenanstalten“, so Stangl und François.

(c) Reinhart Francois, Christian Stangl

(c) Reinhart Francois, Christian Stangl

Frische Spuren
Seien es der hohe Kontrast der Bilder, die ungewohnten Perspektiven der Kameras oder die Tatsache, dass viele der Bilder bei Nacht geschossen wurden – sie vermitteln dem Betrachter mitunter ein unheimliches Bild der Stadt. An ein Erlebnis können sich die Fotografen speziell erinnern: „Einmal waren die Spuren sehr frisch. Das bedeutet, dass der scheinbar verlassene Ort bewohnt war. Es war ein unheimliches und auch bedrückendes Gefühl zu wissen, dass mehrere Menschen im selben Haus, in dem wir fotografierten, sich eine neue, zeitlich befristete, Unterkunft geschaffen haben.“ Trotzdem haben die Bilder gleichzeitig etwas eigenartig Anmutiges an sich; man hört nicht auf zu starren, denn jedes für sich ist wie eine Art Labyrinth, ein Bilderrätsel, dass es zu lösen gilt. Die Zerstörung, die in den Bildern abgebildet wird, hinterlässt keinen negativen Eindruck auf den Betrachter. Stangl und François erklären das so: „Leerstand ist nicht nur hässlich oder muss schockieren. Verfall ist Poesie – visuelle Poesie. Wenn ein Gefühlsmoment beim Betrachter hervorgerufen wird, entsteht im besten Fall bei jedem einzelnen eine Geschichte, eine individuelle Erfahrung.“

 

Die Ausstellung ist bis 30. November 2014 in der Linzer Straße zu betrachten; alternativ können die Bilder auch unter www.spuren.wien gesichtet werden.

Titelbild: (c) Reinhart François, Christian Stangl

 

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Cornelia Kucani hat Studien der Anglistik und der Publizistik- und Kommunikationswissenschaften absolviert und ist höchst anglophil. Wenn sie nicht in Großbritannien vorzufinden ist, dann auf tumblr als halliepotter.

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