flux23: Faszinierend, verstörend, entspannend

Engerl, flux23

insider&outsider art ist eine Ausstellung, die Werke beeinträchtigter Menschen mit jenen unbeeinträchtigter Personen mischt. Eine schräge Performance bringt zusätzlich Verwirrung und Witz in das Kunstgemisch im flux23.

Die Eröffnung der Ausstellung insider&outsider art verspricht spannend zu werden. Denn hier werden Kunstwerke von beeinträchtigten Menschen ebenso wie Werke von unbeeinträchtigten ausgestellt. Eine Auseinandersetzung mit den Grenzziehungen rund um Kunst und Gesellschaft steht dabei im Mittelpunkt. Hier gibt es keine „richtige‟ oder „falsche‟ Kunst, hier ist Kunst einfach das, was einem selbst und den Künstlern gefällt: Eine vielfältige Sammlung spannender Bilder, Gemälde, Skulpturen und anderer Kunstwerke. Zeitgleich mit der Ausstellungseröffnung wird auch das flux23 Wohnzimmer eingeweiht. Schon in der Einladung wird man dazu aufgefordert, seine Hausschuhe mitzubringen, denn es werde gemütlich.

Steige dir selbst auf die Zehen
Ob man seine Kuschelschlappen wirklich einpacken soll, ist man sich nicht sicher. Vorsichtshalber stecke ich die lila Plüschpatschen in meine Handtasche und mache mich auf den Weg. Ich folge einer Gruppe von Menschen, die in die Richtung gehen, in die mich auch mein Navi schickt. Wir betreten die Novaragasse 55 und folgen den neonfarbenen Schildern, die uns den Weg zum flux23 Wohnzimmer weisen. Der Aufstieg in den vierten Stock gestaltet sich nicht nur durch die Anweisungen auf den Schildern abenteuerlich: Auf dem Weg in den zweiten Stock fällt vor mir ein Teil des Stiegengeländers zu Boden ‒ ich bin mir sicher, dass das nicht geplant war. „Steige dir selbst auf die Zehen“, verlangt ein aufdringliches Schild im zweiten Stock ‒ na gut. Im dritten Stock sollen wir wie Pippi Langstrumpf auf der Decke des Raumes spazieren  ‒  da es keiner vormacht, enthalte auch ich mich dieser Aufgabe. Nun ist das Ziel, der vierte Stock, endlich in Sichtweite.

© Jasmine Schuster

© Jasmine Schuster

Oben angekommen werden wir aufgefordert, unsere Schuhe auszuziehen, die Ausstellung finde schließlich im Wohnzimmer statt. Gut, dass ich meine schicken lila Hausschuhe vorsichtshalber eingepackt habe. Ich schlüpfe in die Patschen und stelle meine Chucks etwas weiter unten auf den Stiegen ab. Damit gebe ich der jungen Frau am Eingang die Erlaubnis, sie für ihre Performance zu verwenden. „Ich mache sie nicht kaputt“, verspricht sie und lässt uns in die Wohnung eintreten.

Bunt, lebendig und faszinierend
Gleich im Vorraum findet man die ersten Kunstwerke, unter anderem Bilder, die nicht gemalt, sondern gestickt wurden. Der kleine Raum auf der linken Seite zieht einen magisch an. Dumpfe Beleuchtung umhüllt ein großes Kunstwerk, das auf dem Boden liegt und anscheinend gänzlich aus Papier besteht. Auf einem Teppich stehen Pizzaschachteln ‒ in einer offenen Schachtel ist eine Pizza mit Tomatenscheiben und Champignons zu sehen ‒ Aschenbecher mit Zigaretten und Kissen ‒ alles ausschließlich mit Bleistift gezeichnet und aus Papier. In dem größeren Raum auf der rechten Seite befinden sich viele Bilder an den Wänden, darunter mehrdimensionale Kollagen aus vielen detailgenau ausgeschnittenen Tieren, Engeln und vielem mehr. Ein Herr, der zu mir stößt, als ich eines dieser Werke begutachte, ist genauso fasziniert wie ich. „Je länger man hinschaut, um so mehr entdeckt man“, sagt er. Das stimmt, gerade habe ich einen Tiger unter den zahlreichen Engeln gefunden.

Aus der rechten Ecke des Raumes starrt eine Sammlung aus Keramikengeln. Diese Engel sind komplett weiß, bis auf ihre Gesichter. Die hat ein Künstler mit Hautfarben bemalt und die Engerl geschminkt. So erkennt man die Unschuld der Figuren gar nicht, im Gegenteil, sie wirken irgendwie aggressiv. Auf dem Rundgang durch die zahlreichen Kunstwerke an den Wänden findet man auch Baumstammzuschnitte, die bemalt wurden, sowie zahlreiche bunte Gemälde.

© Jasmine Schuster

© Jasmine Schuster

Dr. Lena Freimüller, die Leiterin des Projekts, erzählt, dass es für diese Ausstellung besonders wichtig sei, nicht anzugeben, welche Kunstwerke von welchen Künstlern sind. Das ergibt Sinn, denn ob man es will oder nicht, Werke eines beeinträchtigten Menschen sieht man einfach anders, als Werke anderer Menschen. Kunst liegt eben in den Augen des Betrachters. Man kann nicht zuweisen, welche Werke von welcher Künstlergruppe gemacht wurden und ist von allen gleichermaßen fasziniert. Und das ist gut so.

Evamaria Schaller, die Schuhfetischistin
„Es geht los!‟ heißt es plötzlich, gemeint ist die ortsbezogene Performance der Künstlerin Evamaria Schaller. Schon bringt die junge Frau haufenweise Schuhe, wirft sie in die Mitte des Raumes. Einige Zuschauer setzen sich im Kreis auf den Boden, während die Künstlerin noch mehr Schuhe holt. Ich finde meinen rechten Chuck in dem Durcheinander wieder. Der Schuhberg scheint endlich hoch genug zu sein, nun mischt die Künstlerin den Haufen ordentlich durch. Jetzt nimmt sie jeweils zwei verschiedene Schuhe und riecht an ihnen. Sie schnuppert nicht nur vorsichtig, sondern steckt ihre Nase tief in die Schuhe und Stiefel und inhaliert deren Geruch. Das Publikum kichert und lacht, ich finde das etwas witzig, vorrangig aber schräg. Auf diese Weise sortiert die Künstlerin die Schuhe, scheinbar durch Geruchsbewertung, in zwei Gruppen. Die eine Hälfte wird in einer Reihe aufgestellt, die andere Hälfte wird wieder zu einem Schuhhaufen . Nun beginnt die junge Frau, die Schuhe paarweise auf den Boden zu klopfen, sortiert so wieder aus und baut einige zu einer Wand auf. Anschließend nimmt sie nacheinander Schuhe mit Schnürsenkeln, schwingt sie hin und her und kickt andere Schuhe damit gegen die aufgebaute Wand. Dabei spart sie nicht an Energie, das erste Geschoss fliegt durch die Gegend ‒ gerade vor die Nase eines kleinen Mädchens, das auf Papas Schoß hinter der Schuhwand sitzt. Die Kleine ist von der Action unbegeistert, dennoch bringt man sie lieber in Sicherheit.

© Jasmine Schuster

© Jasmine Schuster

Wie ein Chuck seine Unschuld verlor
Nach einiger Zeit des Kickens sortiert Evamaria Schaller wieder einige Schuhe aus, drei schaffen es ins Finale, darunter auch mein rechter Chuck. Nun nimmt sie meinen Schuh und leckt vorsichtig mit ihrer Zunge an ihm. Ich bin verwirrt, im Publikum hingegen scheint man schon etwas Derartiges erwartet zu haben ‒ es kichert vereinzelt in der Menge. Die Künstlerin verkostet alle drei Finalisten und entscheidet sich letztendlich für den beigen Raulederschuh. Diesen schleckt sie tatsächlich überall genüsslich ab. Ich muss mich dazu zwingen, weiter zuzusehen, am liebsten würde ich hingehen, meinen geliebten Schuh holen und weglaufen.

Doch sie hört zum Glück auf zu lecken, verteilt die Schuhe in ungleichen Paaren ans Publikum. Wir sollen die Schuhe anziehen und ihr folgen. Widerwillig schlüpft mein rechter Fuß in einen riesigen Turnschuh, der linke schmiegt sich in einen schwarzen Lackschuh. Die Künstlerin führt uns Richtung Ausgang. In diesem Moment sehe ich meinen rechten Chuck am Fuß einer Dame an mir vorbeilaufen. Ich folge meinem Lieblingsschuh und stelle das ausgeliehene ungleiche Paar auf die Stiegen, wie es uns befohlen wird. Applaus. Das bedeutet, die Performance ist zu Ende. Ich applaudiere, bin begeistert und ein bisschen verwirrt, doch ich klatsche. Das ist Kunst ‒  zu verstören und doch irgendwie zu faszinieren.  Allerdings werde ich meinen rechten Schuh nie wieder so ansehen, wie ich es vor einer Stunde noch tat ‒ denn seine Unschuld hat er heute verloren.

Die Ausstellung insider&outsider art im flux23 Wohnzimmer kann noch bis zum
16. Januar 2015 nach Terminvereinbarung besucht werden.

Titelbild© Jasmine Schuster

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Jasmine Schuster studiert Publizistik- und Kommunikationswissenschaft in Wien und ist als Redakteurin für mokant.at tätig. Kontakt: jasmine.schuster[at]mokant.at

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