Oktoberfest: Zu Besuch mit Oma Gerda

Eine Oktoberfestreportage der anderen Art. Für alle, die keine Zeit hatten um selbst nach München zu fahren, und für die Melancholischen unter euch, die sich wünschen, noch immer dort zu sein.

Zurzeit sprießt das Internet nur so von Oktoberfestberichten. Unsere Augen werden mit Schlagzeilen wie: „10 Dinge die ihr auf der Wiesn unbedingt machen müsst“, „Wie überlebt man die Wiesn?“ „Wie bleib ich bei der Wiesn noch Jungfrau?“ reizüberflutet. Man kann also mit gutem Gewissen behaupten, dass das Thema schon relativ ausgelutscht ist. Dennoch bieten wir euch etwas noch nie Dagewesenes! mokant.at hat das Münchner Oktoberfest mit der Wiesn-Oma besucht und ja sie ist die Oma die im Hühnerstall Motorrad fährt.

„Wer sitzend trinken will, muss leiden!“
Gerda (Name wurde von der Redaktion geändert) lehnt lässig an der Säule des Haupteinganges. Ihr Dirndl ist feuerrot. Die Achtzigjährige ist ein wahrer Wiesnprofi. Nach eigener Aussage besucht sie die Wiesn schon so lange sie windelfest ist. Perfekt also um sich ein paar Insidertipps zu holen. Hinter ihr befindet sich das große, grüne Tor mit der opulenten Aufschrift: „Willkommen zum Oktoberfest.“ Die blau-weiß karierten Fahnen hängen zu allen Seiten und die Zeltspitzen sprießen wie Pilze aus dem Asphalt. Links und rechts wuseln die eifrigen Wiesn Besucher mit Blumen in den Haaren, Lebkuchenherzen um den Hals und Brezelresten zwischen den Zähnen. Es ist 8:00 Uhr morgens. Die müden Augen kullern beinahe aus unseren Köpfen. Gähnend starren wir hoch zu Gerda und fragen, ob wir nicht später kommen hätten können. Sie schnaubt abfällig. „Wenn ihr den meist gefürchteten Satz auf der Wiesn – Wegen Überfüllung geschlossen – nicht hören wollt, dann bleibt euch am Wochenende nichts anderes übrig als früh aufzustehen. Hier lautet die Devise: Wer sitzend trinken will, muss leiden!“

Im letzen Jahr tranken die rund 6,4 Millionen Wiesn-Gänger circa 6,7 Millionen Liter Bier
Wir stellen uns vor dem Bräurosl an. Einem laut Gerda beliebten Zelt für Jugendliche und Junggebliebene. Die Warteschlange windet sich einmal um das ganze Zelt herum. Im Normalfall wartet man hier noch eine Stunde bis man hineinkommt. Viele stehen schon seit 06:00 morgens hier. Da stehen wir nun in der morgendlichen Frische und mit einem größeren Durst als Rihanna und Charlie Sheen zusammen. „Insgesamt gibt es vierzehn Zelte“, meint Gerda mit ihrer tiefen Raucherstimme, „wer sich auskennt, der weiß in welchem der Zelte die Party abgeht. Es ist nicht in jedem gleich. Das einstige Promizelt Hippodrom gibt es ja nicht mehr. Ihr wisst eh, Steuerhinterziehung und so. Jetzt ist da der Marstall aber dort gehen wir heute nicht rein, denn da sind nur die Schnösel“, meint Gerda. Plötzlich zwinkert sie uns zu und zieht uns zu einem Hintereingang. Ein Mann so breit wie ein Kleiderschrank steht vor uns. Sein Gesicht ähnelt Al Pacino. Als er Gerda sieht, verändert er seinen bösen Blick in ein kindliches Lächeln und lässt uns endlich in das Bierzelt rein. Noch ist alles leer im Zelt. Die Gänge sind sauber und menschenleer. Die Kellner warten und bereiten sich auf einen weiteren extremen Arbeitstag vor. Im letzen Jahr tranken die rund 6,4 Millionen Wiesn-Gänger circa 6,7 Millionen Liter Bier. Das ergibt einen Konsum von 1,05 Litern pro Kopf und genauso verhalten sich auch die Wiesnbesucher. Wir setzen uns auf die Holzbank und sehen gebannt zum Eingang. Die Uhr tickt. Jeder geht auf seinen Posten und die Tore zum Zelt öffnen sich. Wie ein Sardinenschwarm pressen sich die Massen durch die hohen Holztüren. Es geht nicht lange und die Plätze sind besetzt. Jeder der jetzt erst auf die Wiesn kommt, hat keine Chance mehr auf einen Platz. Außer man kann den Türsteher bestechen. „Wenn einem dieser Stress um den Platz nicht gefällt“, meint Gerda und bestellt beim Kellner für jeden ein Maß, „dann muss man unter der Woche kommen. Da hat man eher noch gute Chancen für einen Platz oder am Sonntag, da reicht es wenn man um 10:00 Uhr kommt. Aber am Wochenende muss man kämpfen. Da hat man keine Freunde mehr, wenn man ins Zelt will.“ Wie Ameisen zischen die blau angezogenen Kellner durch die Bierbänke und klatschen jedem Saufwilligen die Maßkrüge auf die noch trockenen Tische. Auf der ganzen Wiesn sind ungefähr achtausend Festangestellte und fünftausend wechselnde Arbeitskräfte und noch immer kommt es einem vor, dass es zu wenige für so viele Besucher sind.

Mit dem Alkohol steigert sich die Gewaltbereitschaft der Gäste
Gerda hat ihr Bier innerhalb von zwanzig Minuten geleert. Sie sieht uns verwundert an. „Wie? Ich dachte die Jugend ist schlimmer geworden? Das ist ja gar nichts. Los macht jetzt mal Stimmung hier!“ Als die Musikanten auf die Bühne treten und die ersten Blasmusiklieder anspielen, schreit Gerda auf und hüpft auf die Bank. Sie zieht ihre Nebenmänner und Nebenfrauen zu sich hoch und klatscht in die Hände. Sie rät uns nach der ersten Maß langsamer zu trinken und nur dafür zu sorgen, dass wir immer den gleichen Pegel haben. Ein gewaltiger Absturz auf der Wiesn kann schneller passieren als erwartet. Viele teilen sich auch die Maß um nicht zu schnell zu viel zu trinken. Betrunken zu sein, kann kaum vermieden werden, denn etwas anderes als einen ganzen Liter Bier in einem Krug zu trinken, ist auf der Wiesn unverzeihbar. Mit dem Alkohol steigert sich die Gewaltbereitschaft der Gäste. Es vergehen keine drei Stunden und die erste Schlägerei beginnt. Zwei Raufbolde versuchen sich hinter uns mit ihren Fäusten die Birnen noch weicher zu schlagen. Vermutlich war der Auslöser eine Lappalie. Gerda rät uns schnell abzuhauen. Doch es ist zu spät und sie rauschen genau auf unseren Tisch zu. Wie Dominosteine fliegen wir von den Bänken. Blaue Flecken gehören nun Mal zu einem Wiesnbesuch dazu. Gerda steht auf, nimmt die beiden am Schopf und befördert sie aus der Reihe. „Beim Oktoberfest ist Gossenjargon angesagt“, erklärt sie. „Glaubt nicht, dass es zivilisiert vorgeht. Wir befinden uns hier wieder im Mittelalter. Ihr dürft nicht erwarten, dass die Leute freundlich sind. Macht euch drauf gefasst, dass ihr immer angeschüttet, angerempelt und vor allem angemacht werdet.“ Bis achtzehn Uhr spielt die Blasmusik. Dann steigt die Band auf die Bühne und spielt alle Schlagerhits der letzten Jahre von vorne bis hinten durch. Wer das nicht aushält, muss erst gar nicht auf die Wiesn kommen. Was anders gibt’s nicht. DJ Ötzis „Hey Baby“, Andreas Gabaliers „I sing a Liad für die“, „Das rote Pferd“ und natürlich Helen Fischers „Atemlos“ dröhnen durch das dunstige Zelt. Es scheint fast so, als wäre die Wiesn einer der einzigen Orte an denen auch Jugendliche gerne und nichts anderes hören wollen als alten, wilden, Saufschlager.

Die Menge jubelt und wir kennen uns nicht aus
Gerda füllt uns noch weiter mit Bier ab und auch unsere Nachbarn schwanken bereits. Die ersten weinenden Wiesenbesucher schleichen sich durch unsere Reihe. Der Mascara verläuft bis ins üppige Dekolletee hinunter. Wir führen sinnlose, melancholische Gespräche und wundern uns wieso wir alle an diesem Abend genau in diesem Zelt sind. Man kann es auch Biertalk nennen. Auf einmal steht Gerda auf den Tisch und hält ein volles Maß in die Höhe. Die Menge jubelt und wir kennen uns nicht aus. Es stellt sich heraus, dass sich auf der Wiesn eine Tradition eingebürgert hat. Wer eine ganze Maß exen kann, erhält Ruhm und Ehre. Gerda, der alte Saufprofi, führt den Maßkrug an ihre Lippen und schluckt es in einem Zug hinunter. Anschließend rülpst sie und die Menge tobt. Je später es wird umso wichtiger wird es wie üppig die Dekolletés und wie prall die Hintern in den Lederhosen sind. Es ist fast wie Zauberei. Die Pärchen finden wie Magnete zueinander und schlecken sich fast vor uns ab. Man ist geneigt zu sagen: „Nehmt euch ein Zimmer!“ Aber nunja, dann wär ja niemand mehr da. Auf einmal geht ein Raunen durch die Bänke und die Köpfe drehen sich wie Eulen in alle Richtungen. Zwanzig Polizisten rauschen durch die Gänge. „Razzia“, sagt Gerda gelassen und bestellt einen Schnaps für uns. „Einfach Klappe halten, wenn die Bullen da sind. Wer pöbelt hat schnell ein Knöllchen. Letztes Jahr haben sie einen riesigen Drogenring auf der Wiesn entdeckt, aber auch heute kannst du an jeder Ecke einen Dealer finden, der dir Wiesnkoks anbietet“, sagt Gerda und zündet sich eine Zigarette an. Eigentlich ist es verboten im Zelt zu rauchen aber Gerda ist das egal. „Das macht doch jeder hier. Die Wiesn ist ein Ort der Illegalität, Promiskuität und des Alkoholismus. Wer das nicht mag, soll einfach nicht zu uns kommen.“

„Lässt sich ein Arbeitgeber nicht auf der Wiesn blicken, so gilt er als beruflich gestorben“
Der durchschnittliche Münchner liebt das Oktoberfest. Man hört zwar an jeder Ecke, dass es jedes Jahr unerträglicher wird, aber dennoch würden die Münchner ihre Wiesn niemals hergeben. Arbeitet man in München, so ist man schon fast gezwungen sich auf der Wiesn blicken zu lassen. Über Jahre hinweg hat es sich eingebürgert, dass die Wiesn zu einem Platzhirschcontest der Chefklasse wurde. „Lässt sich ein Arbeitgeber nicht auf der Wiesn blicken, so gilt er als beruflich gestorben.“ Viele lassen sich nur blicken um das Image aufrecht zu halten oder um wichtige Geschäftspartner friedlich zu stimmen. „Mit der Arbeit auf die Wiesn zu gehen, kann gut aber auch schlecht sein“, sagt Gerda, „einerseits bekommt man alles bezahlt. Was sehr gut ist, weil die Wiesn scheißteuer ist. Andererseits siehst du deine Chefs und deine Kollegen so betrunken wie noch nie. Nicht wenige müssen ihre Jobs danach kündigen oder werden gefeuert, weil sie sich so aufgeführt haben. Man vergesse ebenso nicht die vielen Gerüchte die nach der Wiesn umhergehen. Ein Paradies für Tratschtanten.“

Als um 22:30 der letzte Bierausschank stattfindet, fragt uns Gerda was wir heute noch vorhaben. Mit roten Augen, einem Blick wie Puck die Fliege und einem Bieratem der jeden Nüchternen sofort betrunken machen würde, meinen wir, dass wir nur noch nachhause wackeln wollen. Gerda scheint einen extra Biermagen zu haben, denn betrunken ist sie nicht. Sie grinst lediglich wie ein Honigkuchenpferd und lacht, weil sie uns wahrlich unter den Tisch gesoffen hat. Dem Ende nahe, begleitet sie uns zur U-Bahn. Wie Zombies irren die Wiesnbesucher an uns vorbei. Die letzten Soldaten versuchen noch einen Aufriss zu ergattern und graben alles an, was nicht bei drei auf den Bäumen sitzt. Wir passieren den, wie Gerda es so schön nennt: „Kotzehügel“ hinter den Zelten. Die ersten Menschen-Knäuel liegen nebeneinander und schlafen ihren Rausch aus. Auch morgen werden sie noch hier liegen und vielleicht von gnädigen Platzaufräumern geweckt. Schwankend verabschieden wir uns von Gerda, die noch weiter feiert. Sie hat einen Anwalt kennengelernt und will den Abend nicht alleine beenden. Wir verlassen den verrückten Ort nur ungern. Das einzige was schlecht in unserer Erinnerung zurückbleibt sind die langen Warteschlangen vor der Mädchentoilette. Zum Glück hat Gerda auch dafür einen Rat: „Nicht zimperlich sein und auf die Männertoilette gehen!“

 

Jennifer Tillmann ist als Redakteurin für mokant.at tätig. Sie studiert Germanistik und Publizistik an der Universität Wien. Kontakt: jennifer.tillmann[at]mokant.at

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