MAK: Valentin Ruhry. Grand Central

© MAK/Georg Mayer

Valentin Ruhry, ein junger Künstler aus Graz, verleitet mit seiner Ausstellung Grand Central zum Nachdenken – für mehr als nur fünf Minuten. Er hinterfragt die Gegenwart.

Das Grand Central Terminal in New York wird täglich von 750.000 Menschen frequentiert. Menschen eilen zu Zügen, warten auf Verwandte oder ärgern sich über den verpassten Zug. Mitten in diesem Menschengetümmel bietet ein großer Apple Store Zuflucht für wartende Menschen. Hier werden die neuesten Produkte präsentiert.

Valentin Ruhry war ein halbes Jahr in den USA und anscheinend sehr fasziniert vom Grand Central Terminal. Besonders der Apple Store scheint den jungen Künstler zum Nachdenken gebracht zu haben. In seiner aktuellen Ausstellung Grand Central bringt er auch die Gäste zum Nachdenken. In einem weißen, hell beleuchteten Raum im Kellergeschoß des Museums für angewandte Kunst präsentiert Ruhry eine besondere Version des Technik-Stores.

Ruhry’s Store
Man betritt den Raum und steht vor sechs großen, schlichten Präsentiertischen. In ihrer Form ähneln sie denen des besagten Stores sehr. Das spanplattenartige Material entzieht ihnen ihre Eleganz nicht, sondern verstärkt diese sogar. Die Tische sind in zwei Reihen angeordnet, jeweils drei stehen auf der linken und rechten Seite des Raums. Auf diese hat Ruhry keine Computer oder Handys platziert, sondern Alltagsgegenstände, die am Bahnhof allgegenwärtig sind. Bananen, Zigarettenpackungen, Zeitungen, Getränkeflaschen, Kaffeehäferl und Schokoladentafeln sind zu jeweils sechs Stück vorhanden. Die Gegenstände wurden aus Aluminium angefertigt.

© Valentin Ruhry/MAK

© Valentin Ruhry/MAK

Aluminium. Alleine die Farbe der Gegenstände erinnert sehr stark an besagte Herstellermarke. Ein weiterer, vermutlich nicht unbedachter Faktor bringt bei genauerem Nachdenken ebenfalls zum Schmunzeln: die Banane, die hier zum Begutachten präsentiert wird.

Zwei Lichtinstallationen befinden sich ebenfalls im Raum. Besonders faszinierend ist die Arbeit 4 out of 5. Ein beigefarbenes Stoffrechteck hängt an der Wand, in der linken unteren Ecke sind fünf Sterne zu sehen. Vier der fünf Sterne leuchten, der fünfte bleibt unbeleuchtet. Damit möchte Ruhry darauf hinweisen, dass es in der heutigen Zeit schwierig ist, bei Bewertungen mehr als vier von fünf möglichen Punkten zu bekommen. Das ständige Bewerten sei uns allen geläufig, doch vier von fünf Sternen sei das maximal Erreichbare.

Fünf von fünf?
Um das Gesamtwerk zu verstehen, muss man wissen, dass es sich bei jenem Technik-Store, der als Anregung diente, um den besagten riesigen Apple Store handelt. Im Rahmen der Ausstellung wird auf die Nennung von Markennamen verzichtet. Man kann zwar erahnen, um welchen Technikhersteller es sich handelt, Gewissheit hat man jedoch erst nach überprüfender Recherche im Internet. Und dann erkennt man auch, wie sehr sich Ruhry an diesem Store orientiert hat und dessen Konzept hinterfragt. Nahrungsmittel, Zeitungen und Zigaretten werden aus ihrem alltäglichen, unscheinbaren Vorhandensein herausgenommen und zu etwas Besonderem gemacht. Man studiert die Tafel Schokolade und untersucht die Banane genau. Und zwar bei weitem länger, als man das im Supermarkt tatsächlich tun würde. Man möchte die Aluminiumbanane anfassen, drehen, wenden und von allen Seiten begutachten. Doch man wagt es nicht, sie tatsächlich zu berühren. Zu groß ist die Angst, Spuren oder Finderabdrücke zu hinterlassen oder gar dabei beobachtet zu werden. Doch im Internet scheint man diese Sorgen zu vergessen, man hinterlässt nicht nur Fingerabdrücke sondern ganze Persönlichkeitsprofile.

4 out of 5

4 out of 5, © Valentin Ruhry/MAK

Ruhry kritisiert die Monopolisierung des dezentralen Netzwerks Internet, erklärt die Kuratorin der Ausstellung. Mit dem Kauf von technologischen Produkten sei es nicht nur so, dass man diese Objekte kaufe, um sich das Leben zu erleichtern, sondern man verkaufe auch seine Identität, seine Daten weiter. Gleichzeitig werde einem in der Werbung oft erzählt, mit dem Kauf eines Gerätes erwerbe man nicht nur dieses, sondern ein ganz neues Leben. Ruhry, der in jeansfarbenem Hemd und Chucks neben der Kuratorin steht und zuhört, will uns allen Stoff zum Grübeln geben. Das ist ihm eindeutig gelungen.

Alles in allem bekommt die Ausstellung vier von fünf Sternen. Mehr ist laut Ruhry so gut wie unmöglich. Schade, in diesem Punkt stellt er sich selbst ein Bein und behält sich den fünften Stern vor. (Obwohl er ihm zustehen würde.)

Die Ausstellung Valentin Ruhry. Grand Central ist Ergebnis einer Kooperation von MAK und der Universität für angewandte Kunst Wien und von 8.10.2014 bis 11.01.2015 zu besichtigen.

 Titelbild: © MAK/Georg Mayer

Jasmine Schuster studiert Publizistik- und Kommunikationswissenschaft in Wien und ist als Redakteurin für mokant.at tätig. Kontakt: jasmine.schuster[at]mokant.at

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