Vienna Fair: 228 Minuten Reizüberflutung

Foto: (c) Marina Gisich Gallery

Die Vienna Fair wurde heuer vom 2. bis 5. Oktober bereits zum zehnten Mal am Wiener Messegelände ausgetragen. Der diesjährige Fokus lag auf zeitgenössischer Kunst aus Osteuropa.

Foto: (c) Shirin Art Gallery Kim

Foto: (c) Shirin Art Gallery Kim

Ein in ein rot-schwarz kariertes Tuch gehüllter Mann sitzt ringsum von Hühnern und Wasserdampf umgeben in der Sauna. Mit Atemschutzmaske am Haupt werkt er an seiner Shisha. Im Hintergrund ein verunglückter Wagen, der zwischen Tür und Säule eingekeilt ist. Zu sehen ist das Werk in der Shirin Art Gallery am Wiener Messegelände. Die iranische Galeristin Shirin Partovi zeigt ausschließlich junge Künstler. Ein Konzept für ihre Ausstellung habe sie keines gehabt: „Ich will von Allem ein bisschen herzeigen.“ Ein Statement passend zur bereits zum zehnten Mal stattfindenden Wiener Kunstmesse, die neben der Shirin Art Gallery noch weitere 98 nationale wie auch internationale Galerien beherbergt. Zum Vergleich: letztes Jahr waren noch 127 Kuratoren vertreten.

Foto: (c) Katja Lehner

Foto: (c) Katja Lehner

Die Qualität der Messe scheint darunter nicht gelitten zu haben. „Um hier alle Werke zu sehen, braucht man ohnehin mehrere Tage“, stöhnt eine junge Frau mit blondem Kurzhaarschnitt während sie eine Collage der iranischen Künstlerin Shadi Yousefian betrachtet. Auf der fast 16.000 Quadratmeter großen Ausstellungsfläche präsentieren 33 österreichische, 41 zentral- und osteuropäische sowie unzählige weitere internationale Galeristen unter anderem Installationen, Zeichnungen und Skulpturen zeitgenössischer Kunst. So sorgt etwa eine Installation der Galerie Krinzinger nahe dem Eingangsbereich der Halle mit drei weißen Skulpturen, die in unterschiedlichen Posen auf unsichtbaren Smartphones und Tabletts tippen, für kleine Menschenansammlungen und Gekichere.

Schwerpunktland Rumänien: von Mülleimern und Blumentöpfen
Das diesjährige von der OMV gesponserte Schwerpunktland Rumänien fällt unter anderem auch mit für die Kunstszene zwar typischen, dem Durchschnittsbesucher aber doch unkonventionell erscheinenden Artefakten auf: Im Mittelpunkt des Stands Alert Studio aus Bukarest ist ein kleiner, goldener Mistkübel. In unmittelbarer Nähe werden eine Gießkanne und ein schwarzer Blumentopf mit dem Schriftzug Bad Seeds bestaunt. Die oftmals gesellschaftskritischen Motive der Künstler gehen bei all der Faszination für die zur Schaustellung simpler Gegenstände und Haushaltsgeräte beinahe unter. Die Schlagworte Übernahme und Adaption gelten als die bedeutendsten existenziellen Haltungen der rumänischen Kulturgeschichte der letzten Jahre.

Foto: (c) Katja Lehner

Foto: (c) Katja Lehner

Die dichte Aneinanderreihung an Kunstwerken, an grellen Farben, unterschiedlichen Texturen, unruhiger, wirrer Bleistiftstriche, großer wie kleiner Skulpturen und Lichtspielen sorgen binnen kürzester Zeit für die Überforderung des Sehsinns. Die Kunstliebhaber, jung und alt gleichermaßen, trotten wie in Trance von einem Werk zum nächsten und wieder zurück. Teils unbeholfen und orientierungslos wird in mitten der Halle vor einem Fernsehbildschirm Halt gemacht. In einem Schwarzweißfilm – unterlegt mit düsterer, ukrainischer Musik – stellt die Künstlerin Maria Kulikovska ihrem Publikum die omnipräsente Frage „Sein oder Nichtsein“. Das Publikum wiederum hält mit starrem Blick kurz inne, bevor es zum nächsten Werk wandert.

„Ich habe vorhin das Gemälde um 200.000 erstanden“ sagt ein anzugtragender Mann mittleren Alters beinahe beiläufig zu seinem Gegenüber während er an seinem Sektglas nippt. Die Vienna Fair gilt international zwar nicht unbedingt als Spielwiese für gutbetuchte Kunstmäzene – aufgrund der immensen kulturellen Vielfalt gibt sie aber dennoch das Gefühl in eine andere Welt katapultiert zu werden. Das Treiben außerhalb der Hallen gerät für wenige Stunden in Vergessenheit, so man sich den Eindrücken voll und ganz hingibt.

Foto: (c) VIENNAFAIR / Christian Jungwirth

Foto: (c) VIENNAFAIR / Christian Jungwirth

Wo ein Kaninchen auf Hanf trifft
Ein weiteres Highlight stellen die Arbeiten dreier Künstler aus Aserbaidschan dar. Die Non-Profit-Organisation Yarat zeigt Werke, die den ärmsten Bezirk Sovetsky der Hauptstadt Baku zum Thema haben. Auf acht Monitoren visualisiert Orkhan Husenyov in in erster Linie blau-rosa gehaltenen Sequenzen das Leben der Menschen Bakus. So schwingt zum einen ein Mann ein scharfes Messer in der Luft, ein anderer spielt am Klavier und auf einem weiteren Bildschirm knabbert ein weißes Kaninchen an Hanfblättern. Ein bedrohliches, fast verzweifeltes Stimmungsbild entsteht. Dreht man sich um 180 Grad, so fällt der Blick sofort auf eine Installation von Aida Mahmudova, die ein Portal aus der Stadt aufstellt, welches eine Art Schatten aus Stahl auf den Boden wirft. Komplettiert wird die Reihe von urbanen Fotografien  von Sanan Alekserov. Kunst aus Ländern wie Aserbaidschan soll dem Messebetreiber Dimitri Aksenov zufolge als „Brücke zwischen Ost und West“ dienen – aber auch die (junge) heimische Kunstszene möchte man mithilfe der Vienna Fair stärken.

Die Atmosphäre, die die Stände vermitteln, könnte unterschiedlicher nicht sein: Mal sieht man eine Collage, die weibliche und männliche Geschlechtsteile miteinander vereint, mal erbrechende, sündigende Menschen, mal leere Leinwände und mal Handtuch-Statuen. Beim Besuch der größten Wiener Kunstmesse ist ein Wechselbad der Gefühle garantiert. Nach 228 Minuten Kunst pur hat die Reizüberflutung ihren Höhepunkt erreicht. Fazit: Sehr sehenswert, aber unbedingt genug Zeit einplanen!

Titelbild: viennafair.com

 

Katja Lehner ist als Redakteurin für mokant.at tätig. Sie ist Studentin der Publizistik- und Kommunikationswissenschaften sowie der Rechtswissenschaften an der Universität Wien. Kontakt: katja.lehner@mokant.at

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