Journalismus: Was ist er uns wert?

Sofia Khomenko über Selbstausbeutung und den Glauben an Journalismus

Foto: Raimund Appel

Foto: Raimund Appel

Als mokant.at vor einigen Jahren einen Aufruf postete, dass neue Redakteure gesucht werden, tauchte sofort ein kritischer Kommentar unter dem Posting auf: „Wenn professionell, warum dann unbezahlt?“ Wahrscheinlich hätte ich einfach ehrlich antworten sollen: „Wir haben kein Geld und wissen zurzeit auch nicht, wie wir an Geld herankommen sollen.“ Ich aber verstrickte mich in eine endlos lange Diskussion darüber, dass ich lieber gratis für mokant.at arbeite, als mich für einen Hungerlohn von anderen Medien ausbeuten zu lassen. Der Kommentator meinte schließlich das Resultat von Ausbeutung und Selbstausbeutung wäre dasselbe, nämlich Frust.

Selbstausbeutung? So hatte ich es bis dahin noch nicht gesehen. Frust? Ja, kenne ich. Und ich wage zu behaupten, dass es einem Großteil der jungen Journalistinnen und Journalisten genauso geht.

Jeder, der sich heutzutage für den Beruf „Journalismus“ entscheidet, muss irgendwie einen Hang zur (Selbst-) Ausbeutung haben. Ins Ausland reisen, live vor Ort sein, viele spannende Menschen kennen lernen? Leider nein. Wozu hat man denn die APA? Eine Geschichte ordentlich recherchieren, Dingen auf den Grund gehen, sich auf die Suche nach der Wahrheit begeben? Ebenfalls Fehlanzeige. Denn zwischen dem Lesen der APA Meldung um 9 Uhr und dem Redaktionsschluss um 17 Uhr ist nicht viel Zeit zum Recherchieren. Als „Freie“ hat man da möglicherweise mehr Freiheiten und weniger Zeitdruck. Dafür verliert man aber zu viel Zeit im Kampf um eine halbwegs faire Bezahlung und ein regelmäßiges Einkommen.

Als ich noch Artikel an Zeitungen verkauft habe, bekam ich etwa 100 Euro für Geschichten, an denen ich eine Woche gearbeitet hatte. Diskutiert habe ich nicht – zu groß war die Angst, sie würden den Artikel gar nicht bringen. Leben konnte ich davon natürlich nicht und da bin ich nicht die einzige. Wer heute wirklich vom Journalismus leben möchte, hat es nicht leicht. Wirtschaftliche Zwänge machen es sowohl für Freie, als auch für Angestellte schwer, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, nämlich auf echten Journalismus. Der etwa von Tageszeitungen sich selbstauferlegte Zwang alle Nachrichten bringen zu müssen, führt dazu, dass die immer kleiner werdenden Redakteursteams  immer mehr Arbeitspensum zu bewältigen haben. Das bedeutet immer weniger Recherche, immer weniger eigene echte Geschichten, immer mehr fast wortwörtlich abgedruckte APA- oder PR-Meldungen. Das Ergebnis sehen wir vor uns: an manchen Tagen könnte man jede x-beliebige Zeitung aufschlagen, man wird überall dieselben Inhalte finden. Bestenfalls sind es dieselben Themen mit unterschiedlicher Wortwahl, denen eine APA Meldung zugrunde liegt. Schlimmstenfalls ist es dieselbe Meldung mit sinnlosen Informationen ohne jeglichen journalistischen Mehrwert über einen Minister der an diesen und jenen Feierlichkeiten dieses und jenes gesagt hätte, abgeschrieben von einer Pressemitteilung.

An solchen Tagen hat man den Eindruck, man bräuchte die Medien nicht mehr. Es würde reichen, die APA-Meldungen zu erhalten und die Presseaussendungen der Parteien – man wäre genauso informiert. Echten Journalismus, der verschiedene Sichtweisen und Blickwinkel zeigt, in dem tiefgehende Recherche steckt, der das Ziel hat, nach der Wahrheit zu suchen, findet man nur ganz selten.

Wer ist dafür verantwortlich? Die Journalisten? Die Verleger? Die Werbewirtschaft und die Anzeigekunden? Oder sind es die Leserinnen und Leser, die Bevölkerung, die Gesellschaft, die den wahren Wert von Journalismus nicht kennt und sich mit einer 15-minütigen News-Lektüre in der U-Bahn absolut zufrieden gibt?

Irgendwie hängen alle mit drin. Wenn die Anzeigen einbrechen, werden Stellen abgebaut, die Redaktionen werden kleiner. Da aber trotzdem alle relevanten Themen im Blatt erscheinen sollten, bleibt weniger Zeit für jeden einzelnen Artikel, weniger Zeit um Hintergründe aufzuarbeiten oder verschiedene Stimmen zum Thema zu suchen. Echter, unabhängiger Journalismus bleibt auf der Strecke und es stellt sich die Frage, wie viel er der Gesellschaft, und somit uns allen, wert ist.

Also: Wie viel ist er uns wert, der echte Journalismus? Ein Journalismus, der in die Tiefe geht, der nach der Wahrheit forscht, der denjenigen eine Stimme gibt, die sonst nicht gehört werden, der die Vielfalt der Meinungen, Ansichten und Lebensarten der Menschen, die in diesem Land und sonst auf der Welt leben zeigt? Wie viel ist es uns wert, dass Missstände aufgedeckt und Probleme aufgezeigt werden? Wie viel ist es uns wert, dass es ein unabhängiges Kontrollorgan gibt, das über politische Entscheidungen wacht?

Wir bei mokant.at wollen, dass es diesen Journalismus gibt. Wir möchten uns die Zeit und den Raum nehmen, den Dingen auf den Grund zu gehen. Wir glauben daran, dass echter Journalismus möglich und notwendig ist. Wir glauben daran, dass es noch Menschen gibt, die das genauso sehen. Menschen, die bereit sind echten Journalismus zu unterstützen, weil ihnen kopierte APA-Meldungen und als Artikel getarnte PR-Texte zu wenig sind.

p.s: Ich selbst wollte nie Journalistin werden. Ich hatte den naiven Wunsch etwas in der Welt zu bewirken. Und den naiven Glauben, Journalismus könnte das Mittel dafür sein. Diesen Glauben habe ich bis jetzt nicht verloren, auch wenn ich (noch) nicht vom Journalismus leben kann.

 

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Sofia Khomenko ist Chefredakteurin von mokant.at

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