Autonome Schule der NEOS: Talente blühen?

Zum Schulanfang präsentieren die NEOS ihren Plan einer autonomeren Schule. mokant.at hat Parteichef Matthias Strolz und Pädagogen zum Konzept befragt.

Die Bildung scheint eine ewig-währende Baustelle in Österreich zu sein. Während die Regierungsparteien mit Müh und Not versuchen, auf einen Nenner zu kommen, bleibt es an der Opposition, sich ihre eigenen Gedanken zu machen. So schlugen die NEOS rechtzeitig zum Schulbeginn ihr neues Konzept der autonomen Schule vor. Unter dem Motto „Talente blühen!“ wollen sie, im Kontrast zur momentanen vereinheitlichenden Zentralmatura, den Schulen mehr Freiheiten geben, und das in vielerlei Hinsicht. So sollen Schulen etwa ihr Budget alleine verwalten können: hier wäre unter anderem auch das Lehrergehalt eingeschlossen, das derzeit der Staat verwaltet. Außerdem soll es den Direktoren und Direktorinnen selbst überlassen werden, über die Anstellung der Lehrenden und die Aufnahme der Schüler und Schülerinnen zu entscheiden. Auch der Lernstoff und die Lehrmethoden sollen den einzelnen Schulen überlassen werden, die momentan einem bundesweiten Lehrplan folgen. Neben diesen Freiheiten soll die soziale Ausgewogenheit nicht vernachlässigt werden: die NEOS legen laut eigenen Angaben sehr viel Wert auf eine „effizientere und effektivere Auswahl einer vielfältigen Schülerschaft“.

Visionen und Umsetzungen
Das Konzept der NEOS ist nicht das erste, das eine Bildungswende in Österreich anstrebt, die Vergangenheit der österreichischen Bildungspolitik lässt jedoch so manchen an einer erfolgreichen Umsetzung zweifeln. Robert und Denise, zwei Lehrende, die seit über 20 Jahren unterrichten, haben mit mokant.at über das Konzept der NEOS gesprochen. „Wir sind gebrannte Kinder, denn alles, was in den letzten 15 Jahren unter Schulautonomie verkauft wurde, war eigentlich nichts anderes als ein Sparprogramm“, meint Robert. Auch die angehende Lehrerin und Studentin Tanja ist zögerlich: „Also prinzipiell klingt die Idee der NEOS natürlich sehr nett. Das Problem ist, dass solche Ideen in der Theorie und am Papier natürlich immer toll klingen, aber in der Praxis die einzelnen Schulen vor eine enorme Herausforderung stellen“.

Soziale Ausgewogenheit
So zweifeln Robert und Denise etwa an der Gewährleistung der sozialen Ausgewogenheit. Im Gespräch mit mokant.at diskutiert Matthias Strolz dieses Problem und stellt sich dies wie folgt vor: „Wir unterlegen die Aufnahme von Kindern aus verschiedenen Familienverhältnissen mit einer Anreizfinanzierung. Die öffentliche Hand wird die Frage stellen: ist es der Schule gelungen, eine gute soziale Durchmischung in der Schülerpopulation zu gewährleisten?“ Der Fokus soll auf die Integration von Schülern und Schülerinnen aus bildungsfernen oder sozial schwachen Schichten und Migrationsfamilien gelegt werden. „Wenn das der Fall ist, ist davon auszugehen, dass sie auch höhere Aufwände haben und hier ist auch argumentierbar, dass sie dafür eine höhere Aufrüstung bekommen, wie sprachliche Förderung. Dadurch sollen homogene Privatschulen verhindert werden“. Robert sieht genau hier das Problem. „Was sein könnte, ist, dass es zu einem Schulranking kommt. Dann nehmen die Schulen nur die Schüler, die wirklich gut sind und die anderen lassen sie lieber bleiben. Sie verzichten auf dieses Geld und unterrichten die Besten der Besten, dafür laufen ihnen dann die Schüler die Tür ein. So werden die Brennpunktschulen eigentlich nur noch mehr“. Auch was die Auswahlmethodik angeht, scheint Uneinigkeit zu herrschen. Während Strolz dies „der Kreativität der Pädagogen“ überlassen würde, meinen diese, dass dies mit den täglichen Aufgaben wie Stundenvorbereitung, Korrigieren der Aufgaben, Fortbildung und mehr kaum vereinbar sei.

Schule als Business
Die Vision der NEOS von einer autonomen Schule ist auch durch finanzielle Neueinführungen geprägt. Nicht nur soll es die Standardfinanzierung geben, die an die soziale Ausgewogenheit und die geographisch periphere Lage der Schule angepasst ist, sondern auch eine Pro-Kopf-Finanzierung, also eine gewisse Standardmenge an Geld pro Schüler. Direktoren und Direktorinnen sollen gewissermaßen zu Managern werden. Angst vor einer Transformation der Schule zu einem Business sieht Strolz jedoch nicht: „Die Schule ist schließlich gemeinnützig. Ich möchte dies nicht so machen wie mitunter in Schweden, wo Schulen teilweise zu einer Art Privatunternehmen werden. Im Moment strafen wir engagierte Direktorinnen und Direktoren und Lehrer und Lehrerinnen ab. Dies soll durch verstärkte Finanzierung verändert werden.“ Auch hier hat Robert Zweifel. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass bei diesen Budgetnöten, die allseits bekannt sind, irgendwo plötzlich ein Geld da sein sollte, für beispielsweise Integrationsklassen.“

Offene Punkte
Nicht nur das Businesskonzept scheint ungeklärt. Auch Personalfragen scheinen noch offen zu stehen. Die angehende Lehrerin Tanja fragt sich hier, wie die Lehrer ausgesucht und das Lehrergehalt bestimmt werden sollen: „Sucht man Lehrende aus, die pädagogische Ansichten teilen und nach diesen unterrichten oder will man Lehrende, die neue Ideen in die Schule bringen? Nach welchen Kriterien kann man die Leistung der einzelnen Lehrenden feststellen und dementsprechend über die Höhe des Gehalts entscheiden?“  Lehrerin Denise hingegen kritisiert die zu hohe Individualisierung des Lehrstoffs in einer Zeit, in der Familien viel flexibler sind. „Wenn Schüler die Schule wechseln, kommen sie in andere Schulen und hören dort ganz andere Inhalte. Jeder Schulwechsel wird hier zur Katastrophe“.

In Vorarlberg sollen die ersten Versuche einer autonomen Schule starten. Die Schulen im Rheintal dürfen dort als Vorreiter entscheiden, ob und wie weit sie autonom werden wollen. Es bleibt abzuwarten, wie die ausstehenden Probleme bewältigt werden und ob das Konzept einer freieren Schule die Talente Österreichs tatsächlich blühen lässt.

 

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Cornelia Kucani hat Studien der Anglistik und der Publizistik- und Kommunikationswissenschaften absolviert und ist höchst anglophil. Wenn sie nicht in Großbritannien vorzufinden ist, dann auf tumblr als halliepotter.

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