KopfhörerInnen: Christoph & Lollo – Das ist Rock’n’Roll

Christoph & Lollo – Das ist Rock’n’Roll

(VÖ: 03.10.2014 | Kazuyoshi Records)

(c) Ingo Pertramer

(c) Ingo Pertramer

Sie sind die Könige der Schispringerlieder, sie sind die wahren Gewinner der letzten Nationalratswahl: das skurrile Wiener Liedermacher-Duo Christoph & Lollo. Ihre Texte sind so gewitzt, dass man darüber streiten könnte, ob sie überhaupt in erster Linie Musiker sind – oder nicht doch Kabarettisten. Und sie haben ein neues Album!

Aber weil ihre Geschichte so schön ist, erst mal von Anfang an. Ein feuchtfröhlicher Abend vor 19 Jahren verleitete Christoph Drexler dazu, einen folgenschweren Satz an seinen Schulfreund Lorenz (Lollo) Pichler zu richten: „Schenk František Jež ein Lebkuchenherz!“ Daraus wurde der Refrain ihres ersten Liedes über einen traurigen tschechischen Schispringer – Christoph & Lollo waren geboren und gleichzeitig ein eigenes Liedergenre erfunden. Stermann und Grissemann, Fans und Förderer der ersten Stunde, ermutigten die zwei und so entstanden schlussendlich drei Alben, die zum größten Teil fiktive Miniatur-Reportagen über real existierende Schispringer erzählen.

Nach etwa zehn Jahren hatten Christoph & Lollo wohl genug davon, sich trübselige Geschichten über mehr oder wenige prominente Wintersportler auszudenken (vielleicht war auch einfach kein Schispringer mehr übrig) und erweiterten ihr thematisches Repertoire. Kein noch so alltägliches Phänomen bleibt seitdem von dem Indierock-Kabarettduo verschont; seien es furchterregende Weltreligionen, todgeweihte historische Figuren, misslungener Geschlechtsverkehr oder ein gewisser österreichischer Ex-Politiker namens Karl-Heinz. Ihr Hang zu gesellschaftskritischen und politischen Themen zeigte sich vor einem Jahr, als Christoph & Lollo die österreichischen Parteien vor der Nationalratswahl mit inoffiziellen satirischen Wahlkampfhymnen beglückten.

Das neue Album Das ist Rock’n’Roll (das absolut kein Rock’n’Roll ist) greift direkt aus dem Leben und lässt thematisch keinen roten Faden erkennen. Der Bogen reicht von einer vor Sarkasmus triefenden Ballade über Thermenbesuche, über eine liebevolle Bloßstellung der Künstlerszene mit dem vielversprechenden Titel Kunstscheiße, bis hin zu einem Lied über die Ausbeutung afrikanischer Kleinbauern.

Beim ersten Blick auf die Tracklist sind gleich zwei der Wahlkampfhymnen (ÖVP und SPÖ) zu erspähen. An dieser Stelle kann man es sich aussuchen, ob man a) erfreut ist („die kennt man schon!“) oder b) empört darüber, dass man schamlos um zwei neue Lieder betrogen wurde („die kennt man schon!“).

Los geht es mit Ich koche selber, was von Christoph & Lollo-Anfängern als ernsthaftes emanzipatorisches Statement gedeutet werden könnte – zumindest bis zur Textzeile Früher ließ ich sie noch kochen | doch als ich das Drama sah | hab ich ihre Ambitionen schnell beendet. Beim Titel Seit ich ein Kind hab werden die Freuden und Leiden des Vaterglücks besungen und kurz kommt die Befürchtung auf, dass die beiden Kindsköpfe seit ihrem letzten Album erwachsen geworden sein könnten. Wenn dann von abgelaufenen Kondomen, Gaggi und Lulu die Rede ist, kann man beruhigt aufatmen. Demokratie stellt einen klaren Höhepunkt des Albums. Beginnt das Stück noch sachlich und unaufgeregt, baut sich jedoch eine gewisse Anspannung auf und schließlich wird dem fiktiven demokratiekritischen Gesprächspartner ein verbittertes Warum wohnst du nicht in Nordkorea? entgegen geschmettert. In Du weißt ja wie die sind werden zwar heitere Töne angeschlagen, die aber (wie so oft bei den beiden) konträr zu einem sehr ernsthaften Thema stehen.

Bei genauerer Betrachtung sticht dann doch ein gemeinsames Element hervor, das alle Titel miteinander verwebt: das Jammern, Sudern, Sich-aufregen – Christoph & Lollo haben eine wienerische Lieblingsbeschäftigung zur Kunstform erhoben. Während sie ihren Protest über alltägliche Kleinigkeiten lauthals kundtun oder ernsthafte gesellschaftliche Sachverhalte anprangern, schaffen sie es trotzdem irgendwie, nicht mit Belehrungen auf die Nerven zu gehen und setzen stattdessen auf Ironie und schamlosen Humor. Der Gesang wird mal locker-vergnügt und mal mit viel Pathos angegangen und die Machart der Lieder ist zwar abwechslungsreich, jedoch simpel und direkt; komplexe musische Arrangements und abenteuerliche Akkord-Kombinationen wird man hier nicht finden. Selbst die Auftritte des satirischen Gespanns sind dafür bekannt, dilettantisch und ungeplant zu wirken – verfeinert mit spontanen Zwischengesprächen, in denen der jeweils andere bloßgestellt wird.

Es mag sein, dass diese etwas ungewöhnliche Liedkunst nicht jedermanns Sache ist, aber eines steht fest: Einem Christoph & Lollo-Album zu lauschen ist vergleichbar unterhaltsam mit einem Kabarettbesuch. Am Ende des letzten Tracks hat man irgendwie das Gefühl, dass das unmöglich schon alles gewesen sein kann. Wem es genauso geht, kann sich ja auf einem der frisch angekündigten Tour-Termine live eine Dosis Jammerei und Schispringerdrama holen (zum Beispiel am 07.10. im Wiener Stadtsaal).

Rebecca Steinbichler ist Redakteurin und stellvertretende Ressorleiterin (Gesellschaft) bei mokant.at. Kontakt: rebecca.steinbichler[at]mokant.at

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