Nerdfighter: Don’t Forget To Be Awesome!

(c) Anna Freinschlag

Zwischen Dr. Who und Buntpapier: Am Freitag fand das zweite Nerdfighter-Notes-Gathering in Wien statt und mokant.at war für die diesjährige Szenenreport-Reihe dabei.

Tausend bunte Zettel, Stifte, Scheren, Stempel und Kleber in allen Aggregatszuständen liegen wild durcheinander auf einem großen Holztisch. Am Freitagnachmittag wird im Flanagans eifrig gebastelt. Während sich draußen Touristen sonnen, hat die Nerdfighter-Szene Österreich im Irish Pub ihr Basislager zum Kampf gegen „worldsuck“ eingerichtet.

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Vier Stunden lang wird geschrieben, gemalt, geschnitten, gestempelt, gefaltet und geklebt. Das Ziel: Möglichst viele aufmunternde und einladende Notes anfertigen, die aus dem Durchschnittsnerd einen Nerdfighter machen.

Vloggen für den Weltfrieden
Der Begriff Nerdfighter wurde von den Brüdern John und Hank Green geboren, die sich mit ihrem Videoblog-Channel „Vlogbrothers“ 2007 online einen Namen machten. Die Vlogbeiträge (Video Blog=Vlog) entstanden während Hank Green mit seiner Band auf Tour war und die beiden Amerikaner ein Jahr lang ausschließlich per Video miteinander kommunizierten. Die ursprünglich nicht für die breite Öffentlichkeit bestimmten Beiträge gingen später viral und brachten dem eloquenten Brüderpaar einen Fixplatz auf der Liste der Youtube-Celebrities ein.

Heute sprechen die Vlogbrothers in ihren Channels über Wissenschaft, Technik, Literatur und Gott und die Welt und erreichen damit eine Fanbase von weltweit über 2 Millionen Menschen, die von den Green Brothers als „Nerdfighteria“ bezeichnet wird. Viele der Nerdfighter und auch die Vlogbrothers selbst entsprechen durch ihr Interesse an Naturwissenschaften, Science Fiction und englischer Literatur dem verbreiteten Klischee des Nerds. John, der mittlerweile Bestsellerautor ist, und Hank rufen im Zuge ihrer zahlreichen Projekte immer wieder zum Kampf gegen „worldsuck“ auf, engagieren sich im Charity-Bereich, treten öffentlich für Toleranz, Offenheit und Weltfrieden ein und beenden jeden Beitrag mit dem Spruch: Don’t forget to be awesome, oder kurz: DFTBA!

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Nerds wie du und ich?
Auch im Flanagans in Wien ist man heute „awesome“. Sternefaltend werden Familienkonstellationen erläutert oder Seriencharaktere diskutiert. Auch wenn man nichts von einem Personenkult wissen will, sind die Green Brothers immer wieder Thema während des Gatherings. Nach dem typischen Nerd mit Brille und Buch vor der Nase sucht man hier allerdings vergebens. Die Charaktere beim Gathering sind so bunt wie die Notes, an denen sie immer noch basteln. Gemeinsam ist ihnen allen ein Studium, der Hang zur englischen Sprache, in die sie sogar beim Plaudern manchmal abdriften, und natürlich die Leidenschaft für bestimmte, meist englische, Bücher, Filme, Serien und unendlich viel Hintergrundwissen dazu.

Neue Mitglieder werden mit offenen Armen aufgenommen, Toleranz und Offenheit werden auch hier groß geschrieben. In der österreichischen Community gibt es keine Untergruppen. Es scheint egal zu sein, ob man auf Dr. Who, Game of Thrones, Star Trek, oder alles auf einmal steht. Wichtig ist nur, dass man eine Leidenschaft hegt und diese offen auslebt. „Es gibt Leute, die mögen Harry Potter und es gibt Leute, die warten immer noch auf ihren Acceptance-Letter von Hogwarts“, versucht Suni, Administrator und Event-Koordinator der „Austrian Nerdfighters“, die Welt der Fantasy-Nerds zu erklären. „Ein Nerd ist für mich jemand, der bestimmte Sachen mehr mag als andere und das auch mit Schmuck oder Fanartikel nach Außen trägt“, ergänzt Teresa, die gelegentlich auch auf Cosplay-Parties geht, bei denen man sich als Film- oder Seriencharakter verkleidet. Diese extreme Form des Fandoms stößt aber nicht überall auf Zustimmung.

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„Ich wurde bis zur Uni gemobbt“
Obwohl mit der US-Serie „The Big Bang Theory“ das Nerdtum immer mehr in den Mainstream gerückt ist und auch der letzte „Nerdskeptiker“ Sympathien für die exzentrischen Wissenschaftler entwickelt hat, sehen Nerdfighter in dem Serienhit aber auch eine Klischeeschmiede. „Es wird hauptsächlich über die Charaktere gelacht und nicht mit ihnen“, so Teresa. Dass man sich über sie lustig macht, haben auch viele Nerdfighter schon einmal erlebt. „Ich wurde bis zur Uni gemobbt. Freiwillig aufzuzeigen, wenn man die Antwort weiß und gerne zu lernen kommt nicht besonders gut an“, blickt Julia auf ihre Schulzeit zurück. Mittlerweile hat sie Englisch studiert und selbst zwei Bücher geschrieben. Die Freude am Lesen wurde auch einem anderen Nerdfighter-Kollegen online casino beim Bundesheer zum Verhängnis. „Als er ein Buch gelesen hat, war er unten durch, aber als die anderen gemerkt haben, dass es ein englisches Buch war, haben sie seinen Spind umgedreht“, erzählt Suni. Die strengen sozialen Hierarchien scheinen allerdings auf der Uni aufzuhören und die meisten Nerdfighter seien froh, dass sie sich ihre Freunde jetzt nach Interessen aussuchen können, erklären Susanne und Kathrin beim Abräumen des Tisches.

Der Bastel-Mob scheint beendet zu sein und es geht jetzt darum, die hübsch verzierten Nerdfighter-Botschaften, Lesezeichen, Buchtipps und sonstige persönlichen Nachrichten unter das Volk zu bringen – unter das lesende Volk, um genau zu sein. Next Stop: Thalia Mariahilferstraße.

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Mit Büchern gegen „worldsuck“
Wie es aussieht ist jeder Nerdfighter auch ein Nerd aber nicht jeder Nerd ein Nerdfighter. Um das zu ändern, werden schon vor der großen Buchhandlung Notes an Straßenlaternen und Baustellenzäune gehängt. Die zynische Bemerkung eines Passanten, dass die MA 48 das sowieso alles gleich wieder runterreißen würde, ist nicht weiter schlimm, immerhin reicht es den Nerdfightern schon, wenn bis dahin nur eine Person zum Nachgoogeln, oder zumindest zum Schmunzeln angeregt wird.

In der Englisch-Abteilung des Thalia wird dann zielgruppengerecht weiter ganz im Sinne der Vlogbrothers „for the awesome“ gekämpft. Die Waffen der Nerdfighter sind die Bücher selbst, der Kampf erfolgt friedlich und vor allem heimlich.

Die Gruppe teilt sich auf die verschiedenen Genres auf und jeder sucht seine Lieblingswerke. Behutsam werden die bunten Notes in die Bücher gesteckt, mit der Hoffnung, dass jemand Gleichgesinntes sie findet. Die Liebe zum Lesen verbindet, oder verschärft Gegensätze: „Ich hasse es, wenn Leute, die ich hasse Bücher lesen, die ich mag“, so Kira, die mit ihren 14 Jahren die Jüngste in der Gruppe ist.

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Bald findet sich die gesamte Gruppe vor den John Green Büchern wieder. Passend zum Titel „The Fault in our Stars“ legen Susanne und Kathrin Lesezeichen in jedes einzelne Buch des Stapels und lassen kleine gelbe Sterne am Rand heraushängen. Die Verkäuferin beobachtet das Treiben argwöhnisch und kommt immer wieder näher, um dann verwirrt zu ihrem Info-Point zurückzukehren. Im schlimmsten Fall wird sie die Bücher wieder entpersonalisieren, im besten Fall haben die Green Brothers eine Abonnentin mehr.

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Titelbild: (c) Anna Freinschlag

YouTube: Nerdfighter FAQ der Vlogbrothers

„Nerdfighter:Don“t forget to be awesome“ ist nicht der einzige Szenenreport von mokant.at. Hier geht“s zu den Lolitas.

Anna Freinschlag ist als Redakteurin für mokant.at tätig. Kontakt: anna.freinschlag[at]mokant.at

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