Linke Fußballszene: Gesellschaftspolitik auf der Tribüne

Diesmal geht es im Zuge der mokant.at Szenereports um die linke Fußballszene in Österreich. Unsere Redakteure haben dabei deren Fankultur genauer unter die Lupe genommen und herausgefunden, wie Fußball und Politik zusammenpassen.

An diesem regnerischen Sommerabend begleiten euphorische Gesänge der Fans einen Dudelsack, der schrill über die Tribüne dröhnt. Die Fußballmannschaft, für die sie singen, liegt wenige Minuten vor Spielende mit 0:5 im Rückstand, das Spiel ist schon lange entschieden. Die Anhänger skandieren selbstironisch: „Ausgleich, Ausgleich!“ Kurz vor dem Schlusspfiff stimmen sie ihre letzte Parole des Abends an: „Siamo tutti antifascisti“ – „Wir sind alle Antifaschisten.“ Der Sprechchor, der einem bei diesem Match des First Vienna Football Club 1894 entgegenweht, erinnert dabei an eine linke Demonstration. Wie passt das mit Fußball zusammen?

Foto: (c) Philipp Bauer

Foto: (c) Philipp Bauer

Oft sind es ganz andere Bilder, die durch die mediale Berichterstattung über die österreichische Fanszene geistern. So sind etwa heute noch die Schlagzeilen aus dem Herbst 2013 präsent, als rechtsextreme Hooligans am 27. Oktober kurz vor dem Wiener Derby Austria gegen Rapid Wien einen türkischen Migrantenverein im Ernst Kirchweger-Haus (EKH) in Wien-Favoriten gestürmt hatten. Das EKH ist Treffpunkt der Linken Szene.  Auch  Alex* ist öfters dort, geht gerne zum Fußball und kennt viele aus dem Umfeld. Für ihn haben solche Übergriffe fast ausschließlich eine politische Bedeutung und wenig  mit Fantum zu tun: „Wenn jemand eine drauf‘ bekommt , ist das mit ein paar Ausnahmen ausschließlich politisch motiviert. Das läuft im Kontext von Politik, nicht von Fußball.“ In Deutschland sehe die Situation jedoch anders aus: dort gebe es sehr wohl Ausschreitungen direkt zwischen linken und rechten Fans.

Derby Of Love: Antirasisstisch, Antisexistisch, Antifaschistisch
Beim Spiel auf der Hohen Warte, dem Heimstadion des First Vienna FC im 19. Wiener Gemeindebezirk ist von alldem nichts zu spüren. Schon bei der Eingangskontrolle wird man von den Ordnern nach einem sehr oberflächlichen Blick in den mitgebrachten Rucksack weiter gewunken. „Passt scho’.“ Die Atmosphäre im Stadion ist ausgelassen und entspannt, beleidigende oder diskriminierende Fangesänge und Transparente gibt es hier nicht. Aufkleber mit Sprüchen wie „Der zwölfte Mann kann auch eine Frau sein“ oder „Zona Antifascista“ säumen die Wände und Toiletten.  Und auch nachdem die Döblinger Gastgeber schließlich mit einem beachtlichen Spielstand von 0:6 gegen Austria Wien verloren haben, nehmen die Fans das Ergebnis gelassen.

Foto (c): Philipp Bauer

Die Vienna gehört gemeinsam mit dem Wiener Sportklub zu jenen österreichischen Fußballvereinen, deren Fanclubs für ihr offenes Eintreten für Toleranz und Diversität im Fußball und gegen jegliche Form von Diskriminierung bekannt sind. Die Aufeinandertreffen der beiden Vereine werden deswegen auch „Derby of Love“ genannt. Organisiert sind die Fans bei verschiedenen Fanclubs oder den „Vienna Supporters“ und den „Freund_innen der Friedhofstribüne“.

Doch auch wenn diese Gruppen im weitesten Sinne als links-alternativ zu definieren sind, sei es schwierig, von einer organisierten linken Fanszene zu sprechen, meint etwa der Politikwissenschaftler Georg Spitaler im Interview. „Linke Fans gibt es wahrscheinlich bei jedem Fußballclub in Österreich, auch bei Rapid auf der Westtribüne. Hier ist es allerdings so, dass eher die Ultra-Ideologie dominiert, und gerade weil Rapid so ein großer Verein ist, ist es auch stärker notwendig (für die Fans, Anm.), Kompromisse zu schließen.“ Das antirassistische Auftreten von Fans sei aber jedenfalls „ein Zeichen dafür, dass das Leute sind, die mit einem politischen Bewusstsein zum Fußball gehen und ihr eigenes Fantum auch damit in Verbindung setzen, was sie sonst für Werthaltungen haben. Als politische Person gehört das zur Fußballpraxis einfach dazu.“

Lieblingsmusik und Lieblingsverein
Spitaler beschäftigt sich schon lange mit Fragen rund um Politik, Sport und Fußballgeschichte. Vor allem in studentischen Millieus interessieren sich heute viel mehr junge Menschen für Fußball, als es vor zwanzig Jahren der Fall war, erklärt er die Veränderungen der vergangenen Jahre. „In den 1990er Jahren hat wahrscheinlich kaum ein Student gesagt, dass er Fußball cool findet. Demgegenüber gibt es heute ganz viele Leute, die Fußball interessant finden und politisch denken, und das geht dann ganz natürlich Hand in Hand.” Ähnlich wie die Wahl der eigenen Lieblingsmusik habe auch die Wahl des Fußballvereins einiges mit gesellschaftspolitischen Fragen zu tun. Auch für Herbert Lederer, der seit über vier Jahrzehnten aktiver Fan der Vienna ist, steht fest: „Die Anhänger der Vienna und des Sportklubs sind durchwegs im intellektuellen und studentischen Milieu anzusiedeln und von daher sind sie auch politisiert, die meisten grün und links. Aber man kann das nicht pauschalieren.“

Foto (c): Philipp Bauer

Foto (c): Philipp Bauer

Thomas Gaßler hält ebenfalls Pauschalisierungen für schwierig, wenn es darum geht, das Wesen der linken Fanszene in Österreich festzumachen. Als Projektkoordinator der Initiative pro supporters ist er für die Koordination der Fanarbeit in Österreich zuständig und somit bestens mit der österreichischen Fußballfanszene vertraut. Entscheidend sei im Fußball die Unterscheidung zwischen Partei- und Fanpolitik, so Gaßler: „Fanpolitisch sind fast alle österreichischen Fanszenen aktiv“. Umgekehrt sei der Großteil der Fans aber sehr kritisch eingestellt, wenn es um Parteipolitik geht. So würde es beispielsweise kaum geduldet, wenn Parteien im Vorfeld von Wahlen versuchten, Wahlwerbung im Stadion zu machen. Entgegen der Medienberichterstattung sei der überwiegende Teil der Fanszene aber jedenfalls antirassistisch eingestellt, zeigt sich Gaßler überzeugt und auch aus der Erfahrung in seiner Tätigkeit als Fankoordinator bestätigt. Dass Fußballvereine einen Antirassismusparagraphen in ihre Statuten aufnehmen oder auf ihren Homepages auf antirassistische Initiativen aufmerksam machen, sei vielfach Verdienst der eigenen Fanclubs.

„Ganz normale Fußballfans, die sich ein Match anschauen und dabei kiffen“
„Das Angenehme bei der Vienna und beim Sportklub ist, dass jeder willkommen ist – jeder, der einen Sportklub Schal hat, aber auch gegnerische Fans“, so Gaßler. Außerdem sei die antidiskriminierende Fanszene  auch eine gewaltfreie Fanszene. Und das sei alles durch Selbstregulierung und eigener Organisation der Fans gelungen. Der Koordinater von pro supporters fasst zusammen: „Damit haben sie etwas geschafft, wo wir mit unserer Fanarbeit in 10 Jahren einmal hin wollen.“ Ein aktiver Fußballfan, den wir auf einer Demonstration in Wien treffen, beschreibt uns lapidar seine ähnliche Auffassung: „Es passiert nichts spannendes während den Spielen, es werden nur keine rassistischen oder sexistischen Parolen geschrien. Ganz normale Fußballfans, die sich ein Match anschauen und dabei kiffen.“

*Name von der Redaktion geändert.

Veranstaltungstipp zum Thema: Am 22. August findet das Derby Of Love statt.

Titelbild (c): Katharina Egg
Artikel von Katharina Egg und Philipp Bauer

Katharina Egg leitete zwei Jahre lang das Ressort Politik. Jetzt ist sie als außerordentliche Redakteurin bei mokant.at tätig und untersucht als Publizistik-Studentin Wirkungen Sozialer Netzwerke auf Politische Kommunikation. Ihre freie Zeit verbringt sie am liebsten am Fahrrad, auf Reisen und im Wiener Nachtleben. Kontakt: katharina.egg[at]mokant.at

4 Comments

  1. fußballfan

    19. August 2014 at 11:26

    Das klingt alles sehr schön. Gibt es bei den linken fußballfans nie irgendwelche ausschreitungen oder probleme?

    • Burgi

      19. August 2014 at 17:55

      Bei „linken Fans“ als solches kann das natürlich vorkommen, politische Einstellung und Gewaltbereitschaft ham ned zwingend was miteinander zu tun. Ich denk da z.B. an die Spiele Livorno (linke Fanszene) gegen Lazio (rechte Fanszene), da hat es oft gekracht und nicht grad harmlos, bei Vienna und Sportklub wirst du Ausschreitungen und klassische Gewaltprobleme etc. vergebens suchen.

  2. Josef Hosp

    20. August 2014 at 12:32

    Ich finde es super, wenn Fan’s von Fußballvereinen sich klar gegen Diskriminierung jeder Art ausspechen und dies dann auch leben und sichtbar machen. Nach dem Ouiting von Hitzelsperger im Frühjahr kam von vielen Vereinsobleuten die lapidare Erklärung “ das ist in unserem Verein kein Problem“. Vielleicht weil diese Themen totgeschwiegen werden, weil darüber erst gar nicht gesprochen wird?

  3. Howa

    21. August 2014 at 15:14

    Ich liebe die Vienna <3
    Der beste Klub mit den allerbesten Fans!

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.