Und Überhaupt: Reiseguide fürs Heimatkaff

In der Kolumne UND ÜBERHAUPT schreibt sich unsere Kultur-Chefin Sabrina regelmäßig ihre Gedanken zum Leben und Leben Lassen von der Seele.

Es ist schon verdammt schön da draußen bei Fuchs und Hase. Der Urlaub in den heimatlichen Landei-Nestern birgt allerdings auch seine Tücken für Neo-Städter.

Tipp 1: Oma + Frühbucherbonus
Um Dramen und eigene Gewissensbisse zu vermeiden, empfiehlt es sich, die Oma vorab zu buchen. So kann sie sich freuen, man selbst hat keinen Terminstress und kann den Programmpunkt zufrieden abhaken. Außerdem kann bei dieser Frühbuchung ein Wunschgericht bestellt werden und statt Vorwürfen gibt’s lecker Erdäpfelsalat als Beilage zum Hendlschnitzel. So vermeidet man auch die Gefahr einer spontanen neuen Kreation, die sie „aus der Krone“ adaptiert hat. Die erfahrenen Heimat-Kurzurlaub-Gourmets empfehlen neben Hendlschnitzel auch den faschierten Braten und alles mit Serviettenknödel.

Tipp 2: Auto + Einkaufen
Es hat schon was, Einkaufstouren zu planen, ein verwandtschaftliches Auto zu reservieren und dazu alte selbstgebrannte CDs auszugraben. Es hat Thrill – man weiß nie, ob das väterliche Auto einen halbwegs vollen Tank hat oder nicht. Es hat aber vor allem Bequemlichkeit und Kofferraumplatz. Man wirft Führerschein-Partey06 ein, dreht die Klimaanlage an und cruist zum Lebensmitteleinkauf in den nächsten größeren Ort. Außerdem liebäugelt man mit allen 2+1-Aktionen dieser Welt (denn die städtischen Einkaufsprobleme wie Platz oder Tragen haben hier keine Relevanz) und versteht, warum die Midwest-Amerikaner ihr fettes jeepfahrendes Wal-Mart-Leben so gut finden.

Tipp 3: Uni + „Sitzenbleiben“
Wer schon mal durch irgendeine Massenprüfung musste, weiß Bescheid: Hätte man doch besser nichts gesagt. Denn allen, denen man während der Prokrastinationsphase von der anstehenden großen Prüfung erzählt hat, muss man jetzt erklären, dass man durchgefallen ist. Schlussfolgerung: Nur einem kleinen, ausgewählten Kreis an Leuten von den Prüfungsvorhaben erzählen, die die Situation verstehen. Die Verwandtschaft ohne Uniroutine setzt eine verbockte Prüfung in ihrer Unverständnis gern mal mit Drama gleich und die Oma fürchtet gar das „Sitzenbleiben“ und stellt in den Raum, dass man zuhause und bei XY angestellt (setze ein: Name des einzigen größeren Unternehmens der Region) vielleicht doch viel besser aufgehoben wäre. Das wär‘ dann zumindest ein „sicherer Posten“ und immerhin würden sich alleine in der eigenen Gasse drei Mitfahrgelegenheiten anbieten.

Tipp 4: Spazieren + Timing
Eine potentielle Gefahrenquelle im Heimatkaff ist der Spaziergang. Anonymität ist nicht existent. Eine gute Idee ist es, einen Hund mitzunehmen – damit sendet man gleich mal das Signal, dass man nicht zum Spaß rumläuft, auch wenn es so ist. Die notwendigen Gassigänge erledigen meist die, denen der Hund tatsächlich gehört, folglich kann man die Spaziergänge nach eigenen Zielen timen: möglichst wenige Leute treffen. Es empfehlen sich vor allem die Standard-Essenszeit (12:00 bis 14:00 Uhr) und die Zeit ab der ZIB (19:30 bis 21:30 Uhr) als ideale Zeitfenster. Wer trotz zeitlicher Vorkehrungen einen potentiellen Plauderer erkennt, der fängt einfach zu joggen an – bis zur nächsten Ecke. Joggende Leute traut sich niemand aufhalten.

Tipp 5: Jogginghose + Crocs
Dazu passend: Mode hat beim Landurlaub nichts zu suchen. Die Basics sind: Jogginghose und Shirts, bei wirklichen Sommertemperaturen die luftigeren Äquivalente. Ebenso erlaubt sind hier – und nur hier – Crocs. Hier draußen erhalten die hässlichen Krokodilschuhe nämlich ihre einzige Existenzberechtigung: Garten. Hier sind sie tatsächlich praktisch, hier herrscht ihr natürlicher Lebensraum, und nicht zwischen U-Bahn und Rolltreppen.

Tipp 6: Schmausen + Nappen
Am Land ist ein Kühlschrank tendenziell immer voller (siehe Tipp 2) und die Chancen, dass man sich dort spontan ein ausgiebiges Frühstück, gar einen hübschen Brunch, bereiten kann, sind relativ groß. Interessant und gut für kaffeehausverwöhnte Städter ist der Trend in Richtung Kapselmaschinen in der Landküche. Schick und glänzend stehen sie da und bringen einen Hauch von Luxus in die Kaffeekränzchen. Und wenn es dann mal wieder bei Hofer Latte-Gläser im Angebot gibt, dann fühlt sich der Sonntagskaffee neben Thuje #13 und 14 sogar ein bisschen Sex-and-the-City an. Danach plant man am besten ein Mittagsschläfchen ein, für das man sich in der Stadt viel zu selten Zeit nimmt. Im Post-Brunch-Koma und (paradoxerweise) im uralten XXLutz-Bett schnarcht sich’s am besten.

Tipp 7: Geschichten + Fotos ansparen
Omas lieben iPads. Ich scherze nicht. Bringt euren Omas das „Wischen“ bei und euer Leben wird sich um einiges erleichtern. Die Rede ist von der Touchscreen-Bewegung. Man überreicht ihnen das mobile Endgerät befüllt mit Fotos von diversen Unternehmungen und Leuten und spricht dazu das jugendfreie Audiokommentar. Es ist wie ein Power-Point-Vortrag mit Serviettenknödel (siehe Tipp 1) und Apfelstrudel (siehe Krone-Kochbuch). Achtung: Fotos vorab selektieren! Alle Fotos die Alkohol- oder Zigarettenkonsum thematisieren – weg. „Gefährliche“ Situationen – weg. Der Freund in dreckiger Boxershorts – weg. Der Freund beim Blumengießen – sehr gut, ganz nach vorne! Was immer geht: harmlose Freunde-/Unternehmungen-Fotos, aufgeräumte Wohnungsfotos, Zimmerpflanzenfotos, Essensfotos (da kann’s auch mal exotisch sein). Den Rest der Fotos zeigt man dann der alten Freundin, die man vielleicht schon länger nicht gesehen hat und die auch gerade in der Heimat verweilt. Da bespricht man dann auch die nicht-harmlosen Vorkommnisse der letzten Zeit bei endlosen Kaiserspritzern (siehe Tipp 2: 2+1-Aktionen) im Garten.

Insider-Tipps:
1. Thema „Mindeststudiendauer“ + genaue Infos zum Studienfortschritt vermeiden
2. Thema „Fortgehen“ + genaue Infos zu Uhrzeit und Gegenden ebenso
3. Heimaturlaub evtl. überschneidend mit Freunden oder Geschwistern timen
4. eine Jogginghose extra einpacken
5. alles mit Serviettenknödel

Titelbild: flickr.com/julie (cc)

Sabrina Freundlich ist stellvertretende Chefredakteurin von mokant.at. Sie beschreibt sich als writeophile and fortune cookie lover. Kontakt: sabrina.freundlich[at]mokant.at

2 Comments

  1. palzer.he@sbg.at'

    haus am bach

    13. August 2014 at 10:58

    Herrlich, treffend und sehr amüsant! Denn so ähnlich läuft das wohl ab!!

    • Sabrina Freundlich

      13. August 2014 at 13:33

      Ziemlich ganz genau so läufts ab! Vielen Dank für das nette Feedback!

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